Schwarzwälder Bote: Ein neues Leben nach dem Unfall

Christian Walliser mit seinen Zöglingen Neomi und Ashanti Fotos: Deckert
Schwarzwälder-BoteVon Ralf Deckert
Freiburg. Die Ärzte hatten ihn fast schon aufgegeben. Er war klinisch tot, lag wochenlang im künstlichen Koma, man hat ihn schon als lebenslangen Pflegefall gesehen. Doch Christian Walliser (29) hat nicht aufgegeben: Der junge Mann aus Augsburg, der schon als Kindergartenkind davon geträumt hat, einmal mit Tigern in der Manege zu stehen, hat seinen Unfall vom 8. Dezember 2009 in Hamburg, bei dem ihn seine Tiger beinahe vor den Augen des entsetzten Publikums zerfleischt hätten, nicht nur überlebt. Er steht auch wieder mit seinen 11 geliebten Großkatzen vor seinem Publikum. Und schmiedet nicht nur Heiratspläne, sondern hat auch beruflich eine Menge vor.
"Dass ich der jüngste Tiger Dompteur in Deutschland war hat früher kaum einen interessiert", sagt Walliser rund neun Monate nach seinem Unfall während einer Weihnachtsshow im Tierpark Hagenbeck in Hamburg. "Aber als ich halbtot im Krankenhaus lag, musste man mir sogar Sicherheitsleute vors Zimmer stellen, so sehr haben mich manche Journalisten belagert." Es sei viel Mist über ihn geschrieben worden damals, sagt er. "Ich sei ein Kuscheldompteur und solches Zeug. Eben, dass ich selbst im Umgang mit den Tieren Fehler gemacht hätte und deshalb angefallen worden sei." Selbst ein bekannter Tierverhaltensforscher, der Wallisers Arbeit noch im Sommer 2008 in Freiburg in höchsten Tönen gelobt hatte, sagte später, er habe den Unfall kommen sehen, weil der junge Mann nicht klar genug seine Rolle als "Chef im Ring" definiert habe. "Blödsinn", schimpft der junge Tiertrainer mit den stahlblauen Augen. "Wer nicht weiß, wovon er redet, soll die Klappe halten!"
Bei dem Unfall verlor der zierliche Mann fast seine linke Hand, sein Becken wurde durchgebissen, dazu kamen schwere Verletzungen an Kopf und Rücken. "Ich bin gestürzt, habe ein Knacken gehört, mehr weiß ich nicht mehr." Das Knacken war der Biss eines Tigers in seinen Hinterkopf. Wallisers Überlebenschancen standen zunächst nicht gut.
Walliser: Tiere wollten nur spielen
Doch Christian Walliser, der heute seine zwei Nahtodeserfahrungen als "helles, warmes Licht" ausführlich beschreibt, wollte vor allem eins: zurück zu den Tigern. Er betont, dass die Tiere vermutlich nur instinktiv mit ihm spielen wollten, als er auf eine seiner Katzen stürzte, die er erst wenige Monate zuvor gekauft hatte. "Der größte Blödsinn war, dass hinterher geschrieben wurde, meine Katzen Neomi und Ashanti hätten mich angefallen." Diese zwei Tiger hat Christian Walliser als Babys mit der Flasche in seinem Wohnwagen aufgezogen. "Das sind meine Schmusekatzen" sagt er über die mehr als 200 Kilo schweren Raubtiere, mit denen er umgeht, wie andere mit ihren Hauskatzen auf dem Sofa. "Ich lebe heute wie vor dem Unfall mit der vollen Nähe zu meinen Katzen."
Die Ärzte der Uniklinik Hamburg und in anderen Kliniken haben fast ein Wunder vollbracht, als sie den jungen Mann wieder auf die Beine brachten. 11 Operationen unter Vollnarkose hat er seit dem 8. Dezember 2009 hinter sich. "Das müsste es jetzt gewesen sein", sagt Christian Walliser. Seine Hand, die nur noch an einem Hautfetzen hing, kann er wieder voll bewegen, beim Gehen braucht er manchmal noch Krücken. "Ich werde jetzt wohl in die Medizinbücher als Lehrbuchfall eingehen", scherzt er.
Aber nicht nur die Ärzte haben ihm geholfen. Da ist auch noch Jan Birk (25), der Lebensgefährte von Christian Walliser. Vor zwei Jahren haben die beiden Männer sich in Freiburg kennen gelernt, als Walliser hier sein Sommerlager auf dem "Mundenhof" am Stadtrand aufgeschlagen hatte. "Eine Freundin hat mich hierher geschleppt, ich hab ja kein Interesse an Tigern, aber sie wollte da unbedingt hin", sagt Birk. Er und Walliser seien dann ein paar Mal Kaffee trinken gegangen und irgendwann habe es "gefunkt", sagt Birk. "Seine Art und sein Charakter, das hat mich interessiert." Die Lebensweise Wallisers war für den jungen Visagisten dann aber doch etwas gewöhnungsbedürftig. "Wo man sich hier hinsetzt, ist es dreckig", scherzt er.
Bei Christian Wallisers Unfall saß Jan Birk im Publikum. "Ich kam mit einem Schock ins Krankenhaus", sagt er. Man habe ihm Beruhigungsmittel geben müssen. Bis heute bleibe ihm bei manchen Teilen der Tigershow fast das Herz stehen. "An einer Stelle fällt eine der Katzen den Christian laut brüllend an und unterwirft sich dann im letzten Moment", berichtet Birk. Als er das zum ersten Mal gesehen habe, sei er klatschnass geschwitzt gewesen. "Keiner hat mir das vorher gesagt", schimpft er und erntet ein schelmisches Grinsen von seinem zukünftigen Ehemann: am 8. Dezember, dem Jahrestag des Unfalls, heiraten Christian Walliser und Jan Birk in Augsburg. 300 Gäste sind bereits angemeldet, darunter auch befreundete Zirkusse wie das Unternehmen "Barelli". "Barelli und ein paar andere Zirkusse haben mich unterstützt und zum Beispiel auf die Tiger aufgepasst, solange ich krank war", sagt Walliser.
Noch ist Christian Walliser körperlich nicht wieder ganz fit. "Ich kann mich um meine Geschäfte und meine Tiere kümmern", sagt er. Sein derzeitiges Engagement beim Zirkus "Crocofant" kann er aber nur teilweise erfüllen. "Das ist natürlich schade, aber ich sage auch, dass ich mich nicht mehr unter Druck setzen lasse oder mir reinreden lasse. Es ist mein Leben, das ich selbst bestimmen will." Das sei heute ganz anders als vor dem Unfall im vergangenen Dezember. "Seine Eltern haben auch erst danach erfahren, dass er auf Männer steht", wirft Jan Birk grinsend ein, der sich mittlerweile um die Pressearbeit für Wallisers Tigershow kümmert. Das internationale Medieninteresse ist groß. "Manche versuchen, uns als deutsche Ausgabe von Siegfried und Roy darzustellen", sagt Birk, der noch nie in einem Tigerkäfig gestanden hat.
Noch bis zum 5. September gastiert Christian Walliser mit seinen 11 Tigern auf dem "Mundenhof" in Freiburg, wo er täglich um 16 Uhr vor bis zu 400 neugierigen Zuschauern auftritt und auch manche Kinderfragen beantwortet: "Wenn Du mal vor dem Käfig stehst, dann siehst Du, dass jeder Tiger im Gesicht anders aussieht und anders gemustert ist. Daran kann man sie unterscheiden!" Die Shows kosten keinen Eintritt, das Geld auf Spendenbasis fließt mehr oder weniger üppig. "Ich kann meine Rechnungen bezahlen", sagt Walliser. Alleine 4000 Euro verfressen die Katzen jeden Monat, 100 Kilo Fleisch am Tag. "Mein Job ist ein hartes Brot", sagt der 29-jährige, der seit 10 Jahren in der Manege steht. Hart ist das Geschäft aber nicht nur wirtschaftlich: "Ich muss mein Auto verstecken, weil anonyme selbst ernannte Möchtegern-Tierschützer mir gegenüber sogar vor Morddrohungen nicht zurückschrecken." Die Kritik an seinem Beruf kann er nicht nachvollziehen. "Ich sorge mit meinem eigenen Geld für den Erhalt einer bedrohten Art, die Katzen sind alle in Gefangenschaft geboren und kennen nur dieses Leben". Tierschutz sei ein großes Thema für ihn, alle seine Gehege seien zum Beispiel deutlich größer, als vom Gesetzgeber verlangt.
Seine berufliche Zukunft sieht der Freiberufler Christian Walliser, der bereits im vergangenen März wieder in der Manege gestanden hat, nicht unbedingt als Teil einer Zirkusshow. "Ich will mit meinen Katzen von Stadt zu Stadt reisen und mit meiner eigenen Tigershow auftreten", sagt er. Etwas anderes könne er sich nicht vorstellen, ans Aufhören habe er auch nach dem Unfall keinen Moment gedacht. Den Tigern scheint er es schuldig zu sein: Die Katzen hätten sich sehr gefreut, ihn nach dem Unfall wieder zu sehen.