Lörrach: Blutüberströmt läuft sie zum Nachbarn
Ein 59-Jähriger tötet in Lörrach seinen Sohn, seine Ex-Frau und deren Lebensgefährten.

Nach der Bluttat legte sich der Täter ein Seil um den Hals und sprang aus dem ersten Stock in die Tiefe. Die Nachbarn bemerkten zunächst nichts.
Meller
Von Guido Neidinger
Lörrach. Verspielt ragen rote Rosen vor dem Eingang des Mehrfamilienhauses in der Lörracher Nordstadt in die Höhe. Die Sonne kitzelt die akkurat in dunklem Gelb gestrichene Fassade. Nichts deutet auf die grausame Bluttat hin, die gestern Morgen erst wenige Stunden zurückliegt.
Und doch ist es so: Nach dem Amoklauf mit vier Todesopfern im September schockt nun eine weitere Bluttat die südbadische Stadt an der Grenze zur Schweiz. Drei Menschen starben in der Nacht zum Freitag. Eine Frau schwebt in Lebensgefahr. Sie wurde gestern operiert.
Der mutmaßliche Mörder saß fünf Jahre
Was war geschehen? Nachdem wilde Gerüchte am frühen Freitag die Runde machen, klärt der Leitende Lörracher Oberstaatsanwalt Dieter Inhofer am Mittag die nach Lörrach geeilten Journalisten auf. Nach seinen Schilderungen geht die Ursache der grauenvollen Tat bis ins Jahr 2005 zurück. Damals vergewaltigte der mutmaßliche Mörder seine heute 37 Jahre alte Frau, die er als 17-Jährige aus der Dominikanischen Republik nach Lörrach geholt und 1991 geheiratet hatte. Nach der Vergewaltigung übergoss er sie mit heißem Öl.
Er wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt, die Ehe 2006 geschieden. Nach Verbüßung von zwei Dritteln der Strafe wurde er entlassen. Seither war er nicht mehr aktenkundig – bis gestern.
Besuch beim Vater mit dem Leben bezahlt
Den 19-jährigen gemeinsamen Sohn aus der Ehe mit seiner Ex-Frau ermordete der arbeitslose Ingenieur in seiner eigenen Wohnung – wohl schon am Donnerstagabend. Offenbar hatte der junge Mann, der bei der Mutter lebte, dem Vater einen Besuch abgestattet. Todesursache: »Dumpfe Gewalteinwirkung«, sagte Inhofer. Alles Weitere müsse die Obduktion ergeben.
In dem Mann müssen sich unbändiger Hass, Wut und rasende Eifersucht – wohl auch Verzweiflung – aufgestaut haben. Nachdem er seinen Sohn getötet hatte, ging der 59-Jährige zu Fuß zur zwei Kilometer entfernten Wohnung seiner Ex-Frau. Ein Fahrzeug konnte von den Ermittlern jedenfalls nicht gefunden werden, wie Polizeisprecher Dietmar Ernst erklärte.
Dort verschaffte er sich Zutritt zum Haus, in dem die 37-Jährige mit ihrem neuen Lebenspartner im ersten Obergeschoss wohnte. »Möglicherweise hatte er den Schlüssel seines Sohnes dabei«, vermutet Uwe Wenk, Leiter der 15-köpfigen Sonderermittlungsruppe. Eine andere Möglichkeit sieht Mike H., ein Nachbar: »Die Haustür lässt sich einfach von außen öffnen, weil sie meistens nicht richtig geschlossen ist.«
Tödliche Schläge auf den Kopf
Auch in die Wohnung seiner Ex-Frau konnte der Mann vordringen. Offenbar wurde ihm die Tür geöffnet. Anschließend versetzte er dem 34-jährigen Lebensgefährten seiner Ex-Frau mit einem schweren Gegenstand tödliche Schläge auf den Kopf, die sofort zum Tod führten. Näheres über die Tatwaffe wollte die Staatsanwaltschaft gestern nicht sagen.
Danach misshandelte er die Frau. Vermutungen, er habe sie mit einer Pistole geschlagen, konnten die Ermittler nicht bestätigen. »Wir haben trotz intensiver Suche keine Pistole gefunden«, sagte Inhofer. Selbst der eingesetzte Waffen- und Sprengstoffhund brachte kein Ergebnis. Es gelang der Frau – wie auch immer – vor ihrem Peiniger in den Flur zu flüchten. Sie klingelte bei einem Nachbarn, der die blutüberströmte 37-Jährige in seine Obhut nahm und um 1.44 Uhr die Polizei alarmierte.
Inzwischen ging der mutmaßliche Täter auf den Balkon der Wohnung, legte sich ein Seil um den Hals und sprang aus dem ersten Stockwerk in die Tiefe. »Dabei wurde ihm der Kopf abgetrennt«, so Staatsanwalt Inhofer. Den Ermittlern muss sich ein schreckliches Bild geboten haben. Körper und Kopf lagen im Garten des Hauses. Die Polizei sperrte den Tatort ab und leitete die Spurensicherung ein, an der das Institut für Rechtsmedizin der Universität Freiburg beteiligt war.
Während die Untersuchungen liefen, suchte die Polizei nach dem 19-jährigen Sohn des Ex-Ehepaares. Dessen Leiche fanden sie in der Wohnung seines Vaters.
Es herrschte Totenstille
Erstaunlicherweise blieb die Bluttat in der Wohnung der Ex-Frau von den Nachbarn lange unbemerkt. Lediglich Hausmeister Stefan H. sah von seinem Balkon aus später Polizeibeamte, die im Garten mit ihren Taschenlampen leuchteten. »Ansonsten habe ich nichts gehört. Es herrschte Totenstille«, erklärt der Hausmeister und fügt hinzu: »Das waren richtig nette Menschen. Der Lebensgefährte der Frau hat vor Kurzem das komplette Haus gestrichen.«
Der Mann war selbstständigen Maler und Lackierer, der seinen Betrieb in der Schweiz hatte. Sein Firmenfahrzeug wurde am Morgen nach der Tat auf einem Parkplatz neben dem Haus gefunden.
Ein anderer Nachbar hat eine einleuchtende Erklärung dafür, warum er zunächst von der Tat nichts mitbekam: »Wir haben meinen Geburtstag gefeiert und Musik gehört. Dann hat es geklingelt, und die Frau stand blutüberströmt mit schweren Kopfverletzungen in der Tür.«
Mike H., der ebenfalls in dem Haus wohnt, bezeichnete die Frau und ihren Lebensgefährten als »super korrekte Menschen, mit denen man auch mal ein Bier trinken konnte«. Am Morgen nach der Tat machte Hausmeister Stefan H. sich daran, mit viel Wasser die grausamen Spuren der nächtlichen Bluttat zu beseitigen: Blutspritzer am Sichtschutz eines Balkons, an zwei Gießkannen und einem Grill – und eine riesige Blutlache auf dem Pflaster davor.
Häufung von Gräueltaten entsetzt Lörrach
Erschreckend ist nicht nur diese Bluttat, sondern auch deren Häufung in dem lebensfreudigen und fast 50 000 Einwohner zählenden südbadischen Lörrach. 2004 war in Hauingen, einem Lörracher Stadtteil, die 19-jährige Melanie Bektas erdrosselt worden. Im Mai 2005 hatte ein 41-Jähriger in Rheinfelden, nahe Lörrach, seine von ihm getrennt lebende Frau, zwei gemeinsame Kinder, seine Eltern und sich selbst umgebracht. Im Sommer 2006 ermordete ein Vietnamese seine Frau, deren Bruder und ihre Schwester. Anfang Juni 2010 erschoss ein 45-jähriger Mann in Lörrach seine Lebenspartnerin und sich selbst. Die 13-jährige Tochter der Frau erlitt schwere Verletzungen.
Und dann der Amoklauf einer Rechtsanwältin, die im September 2010 ihren Ex-Partner, den gemeinsamen Sohn und später im benachbarten Elisabethen-Krankenhaus einen Pfleger ermordete, bevor sie von der Polizei getötet wurde. Eine Häufung von Bluttaten, die nicht nur Lörrach erschaudern lässt.