Dialekt
: Woher stammt der Ausdruck gägå?

Mit dem Wörtchen gääga beschäftigt sich unsere Leserin Eva Maria Bauknecht aus Beuren.
Von
Roland Groner
Stuttgart
Jetzt in der App anhören

Fallback Image STN

Stuttgarter Nachrichten

Mit dem Wörtchen gääga beschäftigt sich Eva Maria Bauknecht aus Beuren. Sie beschreibt es folgendermaßen: "Es ist ein Verb, und ich kenne es im Zusammenhang mit kippen oder schräglagern, etwa ein Fass oder eine große Flasche, damit die Restflüssigkeit ablaufen kann. Woher kommt dieses Wort?"

Unsere Leserin fragt nach einem interessanten Wort mit einer noch interessanteren Herkunft. Der nachgefragte Ausdruck gägå stammt von gageln/gagen, einem Wort, von dem im Grimm'schen Wörterbuch zu lesen ist: "gaukelnde bewegungen machen, schriftlich selten, der neuern schriftsprache ganz fremd geblieben, aber weit verbreitet, alt und wichtig."

Anzumerken ist, dass das Wort gaukeln nicht davon abstammt, dessen Wurzel ist Althochdeutsch gougolon. In gageln steckt das alte Wort agen (Spreu, Halm). "Die ageln abschütten" galt früher als Liebesdienst in der Spinnstube, der auch in Handgreiflichkeiten ausarten konnte, wobei "die spinnende umstürzen, dasz die beine wie gaukelnd in die Höhe fahren". Das lange "a" in gageln führt im Schwäbischen zu gògå/gòglå, also mit dem offenen ò gesprochen. Man verwendet es, wenn etwas oder jemand hin und her schwankt, zum Beispiel ein wackliger Stuhl, ein Betrunkener oder ein langer, magerer Mensch mit ungeschickten Bewegungen, weshalb man diesen einen Gòglr nennt.

Von gagen ist das schwäbische gägå abgeleitet. Im Schwäbischen Wörterbuch erfährt man seine Bedeutung: "etwas in eine schiefe Lage bringen, neigen, insbesondere ein Gefäß, um daraus auszuschütten oder zu trinken". Wenn der Most oder der Wein in einem Fass nur noch bis zum Hãhnå steht, dann muss man das Fass gägå, um auch den letzten Rest herauszuholen. Wird dieses Neigen nicht behutsam gemacht, dann schwankt die Flüssigkeit hin und her und wirbelt den Bodensatz auf. Das Hin-und-her-Schwappen des guten Tropfens im Fass zeigt die inhaltliche Verknüpfung von gògå und gägå auf: Das Schwanken (gògå) kommt deshalb zustande, weil zuvor das Fass in eine Schräglage gebracht worden ist (gägå). Und wer sein Glas oft gägt, kann unmerklich in eine schiefe Lage kommen und sein Gleichgewicht verlieren - ein solch permanenter Trinker hat im Schwäbischen den schönen Namen Gägr.

Schwabo7 am Morgen
Montag - Sonntag um 6.30 Uhr
Starten Sie Montag bis Sonntag mit den wichtigsten Nachrichten des Tages kompakt zusammengefasst in den Tag.