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Rottweil JVA: "Weg von typischer Beton-Architektur"

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Stacheldraht ist am 30.07.2015 in München (Bayern) auf der Baustelle eines Hochsicherheitsgerichtssaales auf dem Gelände der JVA Stadelheim zu sehen. In dem Saal sollen künftig Verfahren mit besonderen Sicherheitsanforderungen verhandelt werden. Foto: Hoppe

Rottweil - Ein Gefängnis für 400, gar 500 Häftlinge im Gewann Esch? Mitten in der Natur? Umgeben von drei Schutzgebieten? Nahe der Neckarburg? Das ist für etliche Bürger in Rottweil und der Umgebung schlicht nicht vorstellbar. Zumal ein Gespenst in der Diskussion immer wieder auftaucht: das eines Betonriesen, der von hohen Mauern mit Stacheldraht umgeben ist. Die Justizvollzugsanstalt (JVA) in Offenburg, die von 2006 bis 2009 gebaut wurde, lässt grüßen.

Keine Frage, das Vorhaben von Stadt und Land, am Standort Esch, ein neues Gefängnis zu bauen, sorgt für lebhafte Diskussionen in der Stadt und in den benachbarten Gemeinden. Die Bürger entscheiden am 20. September, ob eine JVA in Rottweil gebaut wird.

Zukunftsweisendes für den Strafvollzug?

Dabei lohnt sich das Nachdenken darüber, wie ein Gefängnisneubau aussehen könnte. Alfons Bürk, Rottweiler Architekt und so etwas wie der Sonderbeauftragte der Stadtverwaltung, schwant seit Langem vor, in Rottweil ein Vorzeigeprojekt für den humanen Strafvollzug zu realisieren. Mit der Staatsrätin Gisela Erler (Grüne) erhielt Bürk früh eine Verfechterin dieser Idee an seine Seite.

Und allmählich fällt dieser Gedanke, in Rottweil etwas Zukunftsweisendes für den Strafvollzug zu bauen, auch in den Ministerien auf fruchtbarem Boden. Selbst der sonst auf Pragmatismus ausgerichtete Landesbetrieb Vermögen und Bau zeigt sich offen. Dabei hätten die Vertreter des Landesbetriebs zu Beginn der neuerlichen Debatte in Rottweil insgeheim am liebsten das Modell Offenburg kopiert und mit den notwendigen Anpassungen hier in Rottweil eingesetzt.

Doch damit ist seit der Vorgabe der Landesregierung, einen Architektenwettbewerb für Rottweil auszuloben, Schluss. Das Modell Offenburg dürfte es in Rottweil nicht geben. Dabei verwundert, wie rückwärtsgewandt mit den Themen JVA-Neubau und Strafvollzug in Deutschland bislang umgegangen wird. In anderen Ländern ist man weiter.

Carola Geise hat sich vor Jahren im Rahmen ihrer Diplomarbeit innerhalb ihres Architekturstudiums intensiv mit der Gefängnisarchitektur auseinandergesetzt. Die zentralen Fragen, denen sie nachging: Wie könnte ein Gefängnisaufenthalt für einen Menschen tatsächlich von Nutzen sein, wie könnte ein Gefängnis wirtschaftlicher funktionieren und wie kann seine Architektur nach außen und innen wirksam sein?

Dass bei der Beantwortung dieser Fragen etwas anderes herauskommt, als noch an vielen Orten in Deutschland unter dem Begriff Gefängnis vorzufinden ist, ist offensichtlich. Für die 32-Jährige, die in Freiburg aufgewachsen ist, in Innsbruck studiert hat und nun in München als selbstständige Architektin arbeitet, ist die große Herausforderung, die beiden folgenden Zielkonflikte miteinander zu versöhnen: den Resozialisierungsgedanken auf der einen und den Sicherheitsaspekt, den Freiheitsentzug auf der anderen Seite. Dabei gebe der Gesetzgeber vor, dass der Resozialisierung ein höherer Stellenwert zuzumessen sei als dem Sicherungsgedanken, so Geise.

Die Praxis sehe anders aus, ist ihre Erfahrung. Gefängnisse wirkten außen wie innen furchteinflößend und abschreckend. Frustration, Illusionslosigkeit und Unzufriedenheit unter den Gefangenen, aber auch bei den Wärtern, den Gefängnisleitungen oder gar in der Ministerialbürokratie seien hoch.

Geise fordert eine neue Architektur, die dem Resozialisierungsgedanken stärker Rechnung trägt. Sie fordert eine differenzierte Betrachtungsweise, empfiehlt, nicht alle Gefangenen über einen Kamm zu scheren. Was sie sich vorstellt: Ein Gefängnis müsste eingebunden sein in die sie umgebende Umwelt. Für Beschäftigte wie für Inhaftierte müssten Besuche leicht möglich sein. Die soziale Integration müsse gestärkt werden. Sportanlagen, Arbeitsstätten, Gastronomie – alles Bereiche, in denen die Bürgergesellschaft integriert werden könne.

Wohngruppen statt Einzelzellen

Geise verlangt die Abkehr von der Betonarchitektur hin zu einer klugen Architektur, die das Gefängnis segmentiert. Rückzugsorte für die Gefangenen seien ebenso wichtig wie gemeinschaftliche Räume, wo die Inhaftierten lernen könnten, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Segmentierung statt Gefängniskomplex, Wohngruppen statt lediglich Einzelzellen stellt sich die Architektin vor.

"Natürlich kann man auf Außenmauern nicht verzichten", so Geise. Aber man könnte sie so gestalten und in das Gesamtbild integrieren, dass sie nicht von vornherein abschreckend wirkten.

"Wenn Haftzeiten der Resozialisierung des Gefangenen dienen sollen, der Möglichkeit, ihn in ein künftig straffreies Leben zurückkehren zu lassen, dann müssen sowohl die sozialen als auch die baulichen Verhältnisse in einer Haftanstalt so sein, dass diese Ziele auch durchsetzbar sind", äußert Geise. Und wie sagte Justizminister Rainer Stickelberger in der Bürgerveranstaltung im Mai in Rottweil: Ein guter Strafvollzug sei die beste Prävention.

Eine gelungene Architektur, funktional wie ästhetisch, ist hierbei unabdingbar. Ein reiner Zweckbau, wie man ihn bislang hierzulande kennt, ein Relikt aus vergangener Zeit.

 
 

Ihre Redaktion vor Ort Rottweil

Armin Schulz

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