Die Schleife zeigt Solidarität mit HIV-Positiven. In Offenburg bietet die Aidshilfe Betroffenen Unterstützung an. Foto: / Dedert

Am Sonntag ist Welt-Aids-Tag: Ein 65-jähriger Ortenauer, der das HI-Virus seit mehr als 35 Jahren hat, berichtet im Gespräch mit unserer Redaktion, warum er seine Diagnose nicht mehr jedem mitteilt und wie er mit der Krankheit lebt.

„Tod und Sterben sind seit über 30 Jahren Dauerthema bei mir“, berichtet der Mann, der anonym bleiben möchte, im Gespräch mit unserer Redaktion in den Räumen der Aidshilfe in Offenburg. Im Alter von 29 Jahren erhielt der heute 65-Jährige, die schockierende Diagnose: HIV. „Ich hatte lange das Gefühl, ich bin der einzige, der sich infiziert hat, im ganzen Ortenaukreis.“

 

„Wir beraten und begleiten hier Menschen mit HIV“, erklärt Tabea Müller vom Verein „Checkpoint Aidshilfe Freiburg“, der – nachdem sich der Verein „Aidshilfe Offenburg“ Anfang des Jahres aufgelöst hatte – die Außenstelle in Offenburg betreibt.

Ein Mal im Monat gibt es dort ein Testangebot, bei dem man sich kostenlos und anonym auf das Humane Immundefizienz-Virus (HIV), das bestimmte Zellen der Immunabwehr zerstört und den Körper so anfällig für Erkrankungen macht, testen lassen kann. Auch Präventions- und Öffentlichkeitsarbeit gehören zu den Aufgaben.

Vier Mal im Jahr wird die Viruslast im Blut untersucht

„Ich habe hier vor allem gemerkt, dass ich mit der Krankheit nicht alleine bin“, berichtet der 65-Jährige, der schon seit mehr als 35 Jahren mit dem Virus in sich lebt. „Damals war HIV ein Todesurteil“, erinnert er sich. Sein damaliger Partner sei zuerst positiv getestet worden – „er hat es zwei Jahre geschafft.“ Nach dem Tod seines Freundes war der „Zeitzeuge“ – wie er sich selbst bezeichnet – überzeugt: Länger als ein Jahr wird auch er nicht mehr leben. „Das hat sich Gott sei Dank anders entwickelt.“ Mittlerweile ist die Viruslast des 65-Jährigen seit zehn Jahren unter der Nachweisgrenze. Er könne sehr gut damit leben, die Krankheit spiele gar keine große Rolle mehr in seinem Leben.

Damit das so bleibt, gehören tägliche Tabletteneinnahmen und vier Blutuntersuchungen im Jahr, bei denen die Viruslast im Körper geprüft werden, für ihn zum Alltag. Nervös sei er bei diesen Tests nicht – „aber wenn alles gut ist, beruhigt das natürlich“.

Tabea Müller berät in der Aidshilfe Betroffene. Foto: Merz

In der Behandlung der Krankheit – die nicht nur homosexuelle, sondern alle Menschen betreffen könne, wie Tabea Müller betont – habe sich mit der Zeit viel getan. „Die medizinische Versorgung ist gut“, erklärt die Beraterin. Das viel größere Problem für Betroffene sei der Umgang der Gesellschaft mit dem Thema. „Es ist immer noch total schambehaftet und es gibt ganz viel Unwissen und Unverständnis“, sagt sie.

„Und das ist immer noch so, auch nach 35 Jahren“, ergänzt der 65-Jährige. So erlebe er oft, dass Menschen aus Angst sich anstecken zu können – das Virus ist nur durch Blut und Sexualkontakt übertragbar – körperliche Nähe zu ihm meiden würden. „Die Gesellschaft braucht Außenseiter, die sie in eine Schublade stecken kann“, sagt er. Auch im Gesundheitssystem gebe es viel Unverständnis: „Manche berichten, dass sie zum Beispiel nur den letzten Termin am Tag bekommen, damit danach geputzt werden kann“, so Müller.

„Zu sagen, dass ich schwul bin, ist für mich kein Problem. Meine HIV-Infektion anzusprechen, ist schwer, weil ich da viel mehr erklären muss“, erklärt der 65-Jährige. „Früher war ich Aktivist, da war es mir egal. Inzwischen habe ich aber zu viele kuriose Reaktionen erlebt.“ So behalte er seine Krankheit heute meist für sich.

Viele Betroffene behalten ihre Diagnose für sich

„Andere chronische Krankheiten würde man auch nicht jedem erzählen“, ergänzt er. Um zu vermeiden, dem Vorurteil, wie ein Aids-Patient aussehe, zu entsprechen, sei er zudem immer darauf bedacht gewesen, nicht zu dünn auszusehen. „Sehr viele Betroffene überlegen sich gut, wie viel Energie sie in etwas stecken wollen. Täglich die Aufklärungsarbeit für Andere zu machen ist ein enormer Aufwand. Deshalb behalten ihre Diagnose viele für sich“, sagt Müller. Die Beraterin wünscht sich, dass die Menschen sich besser informieren und solidarischer aufeinander zugehen. „Mehr Offenheit zu spüren, wäre sehr schön.“

Etwas Positives kann der 65-Jährige seiner Krankheit nicht abgewinnen. „Das Damoklesschwert ist schon mein Leben lang über mir.“ Er ergänzt: „Das Virus hat mir einfach ziemlich viel versemmelt.“ So habe er in der Zeit, in der er überzeugt gewesen sei, bald zu sterben, keine Pläne mehr gemacht und Themen wie Altersvorsorge vernachlässigt. „Ich bin heute vom Staat abhängig. Außerdem hatte ich zwischenzeitlich viele Schulden.“ Die Aidshilfe habe ihm dabei sehr geholfen. „Ohne die Unterstützung wäre mir der Boden unter den Füßen ganz weggebrochen.“

Tag der offenen Tür

Die Aidshilfe in der Malergasse 1 in Offenburg bietet mittwochs von 14 bis 17 Uhr eine offene Sprechstunde an. Der Checkpoint findet jeden dritten Mittwoch ab 18 Uhr statt. Zum Welt-Aids-Tags am 1. Dezember wird am Montag, 2. Dezember, von 12 bis 17 Uhr zum Tag der offenen Tür eingeladen.