Gaming kann als Ausgleich dienen – doch ein übermäßiger Konsum kann den Alltag stark belasten. Gibt es Frühwarnzeichen? Wir haben in Rottweil nachgefragt.
Die Menge macht das Gift: Was als harmloser Zeitvertreib beginnt, kann schnell zur Falle werden. Gaming kann für viele Entspannung sein – für andere jedoch zur Sucht, die den Alltag übernimmt. Doch wo liegt die Grenze zwischen Spaß und Abhängigkeit?
Gamingsucht ist mehr als nur viel Zeit vor dem Bildschirm zu verbringen. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kann Gaming dann problematisch werden, wenn man die Kontrolle verliert, andere Dinge im Alltag vernachlässigt und trotzdem weiterspielt, obwohl es negative Folgen hat. „Das Spielverhalten muss so stark ausgeprägt sein, dass die Betroffenen funktionelle Beeinträchtigungen im Alltag erfahren und/oder signifikanten Leidensdruck haben, der direkt durch das Spielverhalten begründet ist“, erklärt Jörg Hügel von der Fachstelle Sucht aus Rottweil.
Warnsignale erkennen – wann Gaming zur Sucht wird
Typische Warnsignale, die auf beginnende Gamingsucht hinweisen, sind laut Hügel zum Beispiel zunehmende Gamingzeiten, Vernachlässigung von Schule oder Arbeit, gereiztes Verhalten, wenn nicht gespielt werden kann, und Übermüdung am Morgen. „Viele merken gar nicht, dass sie die Kontrolle verlieren, bis Freunde oder Familie Alarm schlagen“, erklärt Hügel.
Doch nicht jede intensive Spielphase ist problematisch. Häufiges Spielen kann zeitweise auftreten, etwa bei neuen Releases. Der Unterschied: „Vielspieler können in der Regel ihren Alltag weiterhin bewältigen und wissen, wann sie ihr Spielverhalten wieder reduzieren müssen“, so Hügel. Warum Spiele so fesseln, erklärt der Sozialarbeiter so: „Spiele arbeiten mit Belohnungsmechanismen, bieten klare Regeln und vernetzen Spieler miteinander – man fühlt sich als Teil einer Community“.
Tipps für Betroffene und Eltern
Die Folgen können ernst sein: sozialer Rückzug, Probleme in der Schule oder Beruf, finanzielle Schwierigkeiten und körperliche Beschwerden durch Bewegungsmangel. Hilfe ist jedoch möglich. „Betroffene und Angehörige können sich jederzeit bei uns beraten lassen – auch Online-Selbsttests geben erste Hinweise. Akute Hilfe kann eine Entgiftung im Vinzenz-von-Paul-Hospital sein, bei der vor allem die räumliche und physische Trennung vom Konsum erfolgt“, sagt Hügel. Sein Rat an die Eltern: „Setzen Sie sich aktiv mit den Spielen Ihrer Kinder auseinander und spielen Sie ruhig auch mal selbst mit.“
Gaming im Alltag
Während die Fachstelle Sucht vor den Risiken eines unkontrollierten Spielverhaltens warnt, zeigt Gaming im Alltag auch eine andere Seite. Wir haben dafür einen 19-Jährigen aus dem Kreis Rottweil gefragt. Für ihn ist Spielen vor allem Ausgleich und Gemeinschaft – vor allem aber ein Hobby mit klaren Grenzen.
Für den Auszubildenden ist Gaming vor allem ein Ausgleich zum Alltag. „Beim Spielen kann ich vollkommen in eine Tätigkeit eintauchen, die mir Freude bereitet“, sagt er. Ziele zu erreichen und Fortschritte zu sehen helfe ihm, Stress auszublenden – ähnlich wie Sport sei das. Auch sozial habe ihm Gaming viel gegeben. Über Plattformen wie Discord entstünden Gespräche, die echten Treffen nahekommen.
Spaß mit Vorsicht
Unkritisch sieht er sein Spielverhalten dennoch nicht. Manchmal spielte er länger als geplant, besonders bei spannenden Spielen. Entscheidend sei, eigene Warnsignale zu erkennen: aufgeschobene Aufgaben, gemiedene Termine oder körperliche Beschwerden wie müde Augen. Spiele vermitteln ihm klare Ziele, sichtbare Fortschritte und gemeinsames Erleben mit Freunden.
Gleichzeitig habe sein Spielverhalten in den letzten Jahren abgenommen – mit mehr Verantwortung bliebe weniger Zeit. Von Erwachsenen wünscht er sich mehr Verständnis: „Gaming ist kein sinnloser Zeitvertreib, sondern kann soziale und kognitive Fähigkeiten fördern– vorausgesetzt, man setzt sich damit auseinander, bevor man urteilt“, so der 19- Jährige.
Bewusst spielen, Chance nutzen
Gaming kann sowohl bereichern als auch belasten – entscheidend ist, wie bewusst und ausgewogen man spielt. Wer Warnsignale ernst nimmt und Grenzen erkennt, kann die positiven Seiten des Spielens genießen, ohne in die Falle der Sucht zu geraten.