Joëlle Peschel aus Oberndorf bei Rottenburg teilt ihren Alltag als Dreifach-Mama – ehrlich statt perfekt. Warum sie den „Cringe Mountain“ überwunden hat und was ihre Kinder dazu sagen.
Joëlle Peschel aus Oberndorf filmt sich beim Putzen oder im Mamaalltag und lädt diese Videos bei Instagram hoch. Dort folgen ihr etwas mehr als 2300 Menschen. Wir haben sie gefragt, was ihre Kinder davon halten und ob sie davon träumt, Influencerin zu werden.
„Hi, ich bin Joëlle, und mein Leben ist ungefähr so geordnet wie die Laune meines Teenagers, dem ich gerade das Zocken beendet habe.“ Mit diesem Satz stellt sich Joëlle Peschel aus Oberndorf auf ihrem Instagram-Profil „joellepeschel“ vor. Sie erzählt davon, dass sie mit 16 Mama geworden ist, dass sie und ihr Mann im Prinzip das Drehbuch von hinten aufgeblättert haben: erst Kinder, dann das Traumhaus gebaut, dann geheiratet. Dabei gilt: „Bei uns ist es laut, wild und selten Instagram-perfekt.“
Heute ist sie 32 Jahre alt und Mutter von drei Söhnen im Alter von fünf, zehn und 15 Jahren. Auf Instagram teilt sie Videos aus ihrem Alltag als Mama und ihre Gedanken dazu. Angefangen hatte sie eigentlich mit Videos zum Bauprozess vom Eigenheim. Mütter, die ihren Alltag und Erfahrungen aus dem Familienleben auf sozialen Plattformen teilen, werden unter dem Begriff Momfluencer zusammengefasst. Besonders erfolgreich machen das in Deutschland zum Beispiel Lisa Oelmüller mit über 400.000 Abonnentinnen und Abonnenten oder Mamiseelen mit über 650.000 Followern auf Instagram.
Peschel steht noch am Anfang, mittlerweile folgen ihr auf Instagram etwas mehr als 2300 Menschen. Schon bei 1000 bis 50.000 Followern spricht man von Nano- oder Mikroinfluencern – einer Gruppe, die zwar keine Massen erreicht, dafür aber oft als besonders authentisch gilt.
Wir haben sie in ihrem Zuhause in Oberndorf besucht und sie gefragt, was sie dazu bewegt, ihr Leben öffentlich zu teilen, was ihre Kinder davon halten und ob sie damit schon Geld verdient.
Ihr Mann und sie haben eine Tiefbaufirma
An diesem Vormittag ist es überraschend still im Hause Peschel, von den drei Kindern ist nichts zu hören – trotz Ferien. Der Kindergarten hat wieder offen, der Große macht eine Ausbildung und der Mittlere arbeitet beim Papa mit, erklärt die 32-Jährige. Peschels Mann hat eine Tiefbaufirma, sie übernimmt von zu Hause aus die dazugehörige Büroarbeit.
Auf dem Tisch stehen Kekse, sie bietet Kaffee an. Im offenen Wohn- und Essbereich steht eine trendige, schwarze Couch, auf der anderen Seite die dazu passende schwarze Küche. Alles schick und neu. Trotzdem: Auf der Kücheninsel liegt ein Paket, das noch zur Post muss, die Petersilie kämpft ums Überleben und im Obstkorb liegt nur noch ein Apfel. Ist es das, was Peschel mit „nicht Instagram-perfekt“ meint?
Sie zeigt auch die Unordnung im Haus
In ihren Videos zeigt sie bewusst auch die unordentlichen Seiten. Wer sonst auf Instagram schaut, sieht ein Übermaß an Perfektion: „Partnerschaften sehen immer perfekt aus, das Zuhause sieht immer perfekt aus, mit den Kindern ist immer alles wunderbar“, beschreibt die Oberndorferin solche Profile. Genau das will Peschel nicht vermitteln. „Ich würde mich schlecht fühlen, wenn ich irgendetwas spiele, was gar nicht so ist.“
Klar, sie filme keine Wutanfälle ihrer Kinder. Aber sie zeigt die Unordnung im Haus, spricht darüber, wie anstrengend es ist, andauernd das Mamataxi sein zu müssen, dass sich die Wäscheberge manchmal stapeln. Das holt andere ab – sie fühlen sich weniger allein.
Gefühle als Teen-Mom
Der leichte schwäbische Dialekt gehört zu ihr, das sagt sie auch in ihrem Podcast. Dass sie sich im Internet so offen zeigt, hat auch mit ihrer eigenen Geschichte zu tun. Als Teenager-Mutter fühlte sich Peschel lange fehl am Platz. „Im Geburtsvorbereitungskurs waren alle mindestens 15 Jahre älter“, erinnert sie sich. „Man denkt die ganze Zeit, alle schauen einen an.“
„Das ist etwas, in das man krass schnell reinwächst“, sagt sie über die frühe Verantwortung. Im Nachhinein sei sie sogar froh, ihr erstes Kind so früh bekommen zu haben. „Wer weiß, wann ich sonst von meiner rebellischen Phase zur Vernunft gekommen wäre.“ Ihren Realschulabschluss machte sie damals nicht fertig. Nach der Geburt ihres ersten Sohnes, war es ihr wichtiger, eine Ausbildung zu machen. Die Wahl fiel auf eine Ausbildung zur Kauffrau im Groß- und Außenhandel.
Persönlichkeitsrechte: Kinder zensieren?
Momfluencer und Familien-Youtuber stehen oft in der Kritik, ihre Kinder im Internet zu zeigen. Peschel zieht bewusst eine Grenze: Sie filmt zwar ihre Söhne, zensiert aber deren Gesichter.
Apropos: Das Filmen war anfangs ungewohnt. „Du kommst dir am Anfang total dumm vor, wenn du in die Kamera sprichst.“ Im Internet ist oft von der Theorie des „Cringe Mountain“ die Rede. Die ersten Videos wirken „cringe“, also unangenehm – schlicht, weil man noch ungeübt ist und sich erst herantastet. Hinzu kommt die Sorge, dass Menschen aus dem realen Leben das, was man auf Instagram und Co. teilt, belächeln.
„Das muss dir egal sein“, sagt Peschel. Genau das halte viele zurück, die eigentlich Lust darauf hätten. „Ich teile ja nichts, wofür man sich schämen muss.“ Und ihre Kinder? Ist es ihnen peinlich, dass ihre Mutter so präsent im Netz ist? Sie seien zwar schon darauf angesprochen worden, erzählt Peschel, aber im Grunde sei es ihnen egal.
Verdient sie damit schon Geld?
Peschel filmt sich pragmatisch, während sie den Haushalt macht. Zeit kostet das Schneiden. An einem Video von einer Minute sitzt sie manchmal ein bis zwei Stunden. Noch ist ihr Instagram-Auftritt vorwiegend eines: ein Hobby. Dennoch ist das Ziel klar: mehr Follower. „Man macht das schon, damit man wächst“, gibt die Dreifach-Mama zu.
Geld hat sie bisher keines damit verdient. Doch das könnte sich bald ändern. Vergangene Woche habe sie ihren ersten Kooperationsvertrag unterschrieben, sagt Peschel stolz. Bei ihrer ersten Kooperation geht es um BHs, verrät die Oberndorferin. Auf die Frage, wie viel Geld sie dafür bekommt, darf sie allerdings nicht antworten.
Jetzt auch am Podcasten
Die Idee für einen Podcast
hatte sie schon länger. Tatsächlich hatte sie sich bereits gemeinsam mit einer Freundin daran ausprobiert. Doch zu zweit Zeit für Aufnahmen zu finden, gestaltete sich schwieriger als gedacht. Nun wollte Peschel es noch einmal allein angehen. „Zwischen Kindern und ich“ heißt das Ergebnis. Gelegentlich möchte sie dafür auch Gäste einladen.
Inhaltlich geht es viel um die Mutterrolle:
Wie verliert man sich nicht selbst? Warum ist Zeit für sich wichtig? Wie geht man mit Mental Load (Belastung, die durch das Organisieren von Alltagsaufgaben entsteht) um? Für Peschel sind das Themen, die nicht nur Mütter betreffen, sondern auch Väter und Menschen, die generell Verantwortung tragen, zum Beispiel für die Pflege ihrer Eltern.