An den Tagen zwischen den Jahren bis Silvester blicken wir alle auf das gleiche Unsichtbare, unser eigenes Leben zwischen dem, was war, und dem, was kommt. Eine schaurige Zeit.
Es ist weit nach Mitternacht, fast schon Morgen und hell, man sieht eine Frau auf einem großen Balkon sitzen, sie raucht. Dann tritt ein Mann zu ihr, die beiden haben sich an diesem Silvesterabend kennen gelernt, und die Feier ist eigentlich vorbei. Sie sagt: „Schau mal“, zeigt über die Balkonbrüstung, der Mann antwortet: „Ich weiß.“ Er schaut über die Dächer der Stadt. Wir wissen nicht, was er sieht, auch deswegen ist diese Szene aus der neuen Serie „Ana und Oscar“ so ein gutes Symbol für das, was jedem rund um Silvester passiert: Vor unseren Augen zieht innerlich ein Film vorbei, den nur wir selbst sehen können.
In „Ana und Oscar“ lernt man zwei Menschen um die 30 kennen, die sich 2015 auf einer Silvesterparty in Madrid verlieben. Die Serie begleitet ihr Leben über zehn Jahre, jede Episode spielt in den 48 Stunden um den Jahreswechsel. Das kennt man aus Geschichten wie „Zwei an einem Tag“. Doch selten ist es so wahrhaftig erzählt worden wie in der Serie des preisgekrönten Regisseurs Rodrigo Sorogoyen, die man jetzt in der Arte-Mediathek sehen kann.
Der Jahreswechsel wirft ein Schlaglicht auf Leben und Zustand eines jeden Individuums und Paares. Silvester wirkt wie ein Brennglas: Verliebtheit, Trennungen, Krisen, Niederlagen, Errungenschaften, Erinnerungen – alles kommt auf den Tisch oder hallt laut vernehmbar nach. In uns und manchmal auch zwischen einander. Deswegen ist diese Zeit so aufregend und nicht selten etwas unheimlich und schwer.
„Das Raclettegerät, wo ist es?“
Zwischen den Jahren – das fühlt sich an wie Schweben. In der Luft, zwischen Ende und Anfang. Das alte Jahr sitzt uns als Kloß im Hals. Man hat es noch nicht schlucken können. Das neue bohrt sich wie ein hellgrüner Trieb heraus, es wird kommen. Doch wir kennen es nicht. Sind wir bereit?
E.T.A. Hoffmann schrieb: „Die Turmfahnen knarrten, es war, als rühre die Zeit hörbar ihr ewiges furchtbares Räderwerk und gleich werde das alte Jahr wie ein schweres Gewicht dumpf hinabrollen in den dunklen Abgrund. – Du weißt es ja, dass diese Zeit, Weihnachten und Neujahr, die euch allen in solch heller herrlicher Freudigkeit aufgeht, mich immer aus friedlicher Klause hinauswirft auf ein wogendes tosendes Meer.“
In dieser Stimmung befindet man sich, als der Mann fragt: „Das Raclettegerät, wo ist es?“ Wenn wir um diese Zeit am Fenster sitzen und in den Garten schauen, liegt meist kein Schnee, und doch wissen wir, dass die Böden verschlossen sind, alles eingefroren und dornröschenhaft schlafend. Die Abende schimmern rosa wie eine Verheißung, die noch lange nicht eingelöst werden kann. Man wünscht sich einen Frühling herbei, der das Braune fortträgt und uns rettet, wenn es wochenlang draußen in den Kronen der Bäume dünnästig klappert. Die Natur trägt uns auf, bis dahin ein bisschen zu verharren, tief durchzuatmen, bevor es wieder losgeht. Die Fragen kommen näher an uns heran als zu jeder anderen Zeit, sie bedrängen uns von allen Seiten, so ungeschützt sind wir zurückgeworfen auf eine unbestimmte Innerlichkeit, wenn rund um uns alles stillsteht.
Wieder ein Jahr vergangen, bin ich da, wo ich sein wollte?
Geht es auf den letzten Tag des Jahres zu, wird das alte Jahr auf Herz und Nieren geprüft, ob wir wollen oder nicht. Während uns der Rhythmus der Wochen das Jahr über trägt wie auf Wellen, sitzen wir jetzt reglos da: Wieder ein Jahr vergangen, bin ich da, wo ich sein wollte? Was wird kommen? Im Grunde fragen wir uns ja: Sterbe ich bald? Nie finden wir uns wichtiger als jetzt. Kein Wunder, wollen sich manche festhalten an Ritualen und ewigen Wiederholungen. Miss Sophie in „Dinner for One“ etwa, deren Silvesterfreunde in Wahrheit längst tot sind, der letzte vor 25 Jahren gestorben. Es muss „the same procedure as every year“ sein. Feierlich entschlossen spielt sie noch einmal das, was sie kennt, zu ihrer eigenen Sicherheit, denn jeder hört es jetzt so laut, das „ewige furchtbare Räderwerk“ der Zeit.
Zwischen den Jahren sind wir umschlossen von einer weihnachtlichen Restbesinnlichkeit, der Schwere des Anlasses angemessen. Jugendliche haben dann die Tage des Gammelns satt. Geht es auf den Jahreswechsel zu, ziehen sie los, um statt mit den Eltern mit den Freunden ins neue Jahr zu feiern. Und für ihre Eltern sind das manchmal die ersten Erfahrungen des Verlassenwerdens. Nach fünfzehn Jahren trauter Dauergemeinsamkeit merken sie: Zurück sind wir, wo wir angefangen haben, allein mit uns.
Silvester ist das Fest der Erwachsenen
Am Silvesterabend beginnt ein wilder Ritt, der Ball kommt endlich ins Rollen. Silvester ist Weihnachtens Gegenspieler. Wenn Heiligabend als das Fest der Familie und der Kinder gilt, ist Silvester für die meisten eine Party mit viel Alkohol, glitzernden Outfits, Geselligkeit bei Raclette, Fondue und lauter Musik. Es ist das Fest der Erwachsenen. Redeten wir uns zuvor noch ein, aufgrund unseres nachdenklichen, tiefgründigen Naturells mit all dem nichts zu tun haben zu wollen, treffen wir nun fröhlich Vorbereitungen für den letzten Partyabend im Jahr. Vielleicht ist es Verdrängung, vielleicht Einsicht oder vermessene Lebenslust, wenn wir nun doch glauben, wieder vor etwas Neuem zu stehen. Egal, egal, hoch die Tassen!
Joachim Ringelnatz schrieb: „Die Zeit verrinnt. Die Spinne spinnt in heimlichen Geweben. Wenn heute nacht ein Jahr beginnt, beginnt ein neues Leben.“ Und in seiner Neujahrsansprache sagte der frühere Bundespräsident Theodor Heuss 1950: „Der Mensch überschreitet die Jahresgrenze in einer Mischung von rückschauender Sentimentalität und verwegenem Optimismus.“
In Spanien schlingt man um Mitternacht zwölf Weintrauben hinunter
Am Silvesterabend verkleiden wir uns als eine frühere, feierlaunige Version unserer selbst. Der Glitzeranzug passt noch. Das Raclettegerät taucht hinten im Kellerregal auf. Man trinkt Gin Tonic und lehnt an Küchenschränken, wild entschlossen zum Frohsinn. Um Mitternacht offenbaren Streifzüge durch die Straßen Väter, die sich hochkonzentriert zu Raketengestellen hinabbeugen, und Mütter, die ihre Kinder an sich zerren.
„Um zwölf steht Rührung auf der Uhr“, schrieb Kurt Tucholsky. Und die meisten müssen sich nicht sonderlich anstrengen, da mitzuspielen. Augenpaare starren mit gläsernem Blick über die Schultern der anderen. Das eigene Leben ist nichts als eine Wunderkerze, schon zur Hälfte abgebrannt, hicks! Die magischen Funken spritzen und leuchten. Wie die kleinen Stäbchen der Kerzen in den Händen brennen, dann pechschwarz und gebogen abhängen, als wollten sie sich ein letztes Mal verbeugen. Ade, altes Jahr.
In Spanien, wo die eingangs erwähnte Serie spielt, schlingt man um Mitternacht zwölf Weintrauben hinunter. Sie müssen zum Takt der Glockenschläge eine nach der anderen verzehrt werden und stehen für die zwölf bevorstehenden Monate. Plötzlich glaubt man jetzt, den Herausforderungen all dieser Monate gewachsen zu sein, man nimmt es auf mit dem neuen Jahr. Wem der vollständige Traubenverzehr gelingt, den erwartet ein glückliches Jahr.