Die Opferzahlen häuslicher Gewalt nehmen zu. Jochen Link, Außenstellenleiter des Weißen Rings, erklärt, warum steigende Zahlen nicht zwangsläufig mehr Gewalt bedeuten.
Das Polizeipräsidium Konstanz hat kürzlich die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) für das Jahr 2025 veröffentlicht. Dabei ist vor allem ein Aspekt auf den ersten Blick beunruhigend: Während die Opferzahlen häuslicher Gewalt im gesamten Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Konstanz leicht zurückgingen, zeigt der Trend im Schwarzwald-Baar-Kreis deutlich nach oben. Konkret ist von einer Steigerung von 18,5 Prozent im Landkreis die Rede: Von 260 Opfern im Jahr 2024 stieg die Zahl auf 308 Opfer 2025.
Jochen Link ist Jurist und seit 2013 Leiter der Außenstelle des Weißen Rings im Schwarzwald-Baar-Kreis. Wesentliche Aufgabe des Weißen Rings ist die Betreuung von Opfern häuslicher Gewalt. Im Gespräch mit unserer Redaktion ordnet Link die erhöhten Fallzahlen ein und erklärt, warum steigende Zahlen nicht zwangsläufig mehr Gewalt bedeuten.
Herr Link, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie diese Zahlen hören?
Wenn ich diese Zahlen höre, denke ich an die Menschen, die damit gemeint sind. Hinter jeder einzelnen Zahl steht ein Mensch, der Gewalt erlebt hat und zwar oft im eigenen Zuhause, also an dem Ort, der eigentlich Schutz und Sicherheit bieten sollte. Für die Betroffenen bedeutet häusliche Gewalt meist nicht nur körperliche Verletzungen, sondern auch große psychische Belastungen, Angst und oft einen langen Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben ohne Angst und ohne Furcht.
Deckt sich der Anstieg in der polizeilichen Kriminalstatistik mit der Erfahrung des Weißen Rings vor Ort?
Nein, was daran liegt, dass wir konstant vielen Menschen helfen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Ein Großteil unserer Fälle, etwa ein Drittel, hat häusliche Gewalt zum Hintergrund und wir haben auch Betroffene, die unabhängig von einer Strafanzeige oder einem laufenden Gewaltschutzverfahren zu uns kommen und sich beraten lassen.
Deshalb sollte die Statistik vorsichtig und realistisch interpretiert werden. Eine Zunahme kann auch damit zusammenhängen, dass Betroffene häufiger den Mut finden, Anzeige zu erstatten oder Hilfe zu suchen. Das wäre grundsätzlich eine positive Entwicklung, weil häusliche Gewalt noch immer stark von einem hohen Dunkelfeld geprägt ist.
Der Anstieg um 18,5 Prozent kann also nicht als reale Zunahme der Gewalt gedeutet werden?
Dazu muss ich etwas ausholen und erklären, worum es bei der Polizeilichen Kriminalstatistik geht. Die PKS erfasst die Taten, die der Polizei zur Kenntnis gelangen und liefert keine exakte Abbildung der tatsächlichen Kriminalität. Deshalb heißt die Statistik auch Kriminalstatistik und nicht Kriminalitätsstatistik. Es ist es wichtig, sich zu verdeutlichen, dass die PKS sich ausschließlich mit dem sogenannten „Hellfeld“ beschäftigt, also mit den Taten, die bei der Polizei angezeigt wurden und der Polizei damit bekannt sind. Die PKS erfasst nicht das sogenannte „Dunkelfeld“, also die Straftaten, die begangen wurden, ohne der Polizei bekannt zu sein, weil zum Beispiel keine Anzeige erfolgte, was wir bei Fällen häuslicher Gewalt oft erleben.
Deshalb muss man sowohl rückläufige als auch steigende Deliktszahlen vorsichtig betrachten. Veränderungen können mit dem Anzeigeverhalten oder bestimmten Ermittlungsmaßnahmen zu tun haben und sagen nicht zwingend etwas über einen tatsächlichen Rückgang oder Anstieg an Straftaten aus.
Wie groß wird dieses Dunkelfeld geschätzt?
Wir wissen weder bundesweit noch für den Schwarzwald-Baar-Kreis, wie groß das Dunkelfeld letztlich ist. Exakte Zahlen kennen wir nicht. Klar ist aber, dass es ein sehr großes Dunkelfeld gibt und nach wie vor viel Scham und andere Gründe dazu führen, dass viele Opfer häusliche Gewalt eben keine Anzeige erstatten.
Nach einer Studie des Bundesfamilienministeriums soll etwa jede vierte Frau in ihrem Leben schon Opfer von Partnerschaftsgewalt geworden sein und jüngst haben wir die Zahl gelesen, dass das Dunkelfeld bei häuslicher Gewalt in Partnerschaften oder Ex-Partnerschaften enorm ist und weniger als fünf Prozent der Taten überhaupt angezeigt werden. Die tatsächliche Zahl dieser Fälle häuslicher Gewalt könnte damit ein Vielfaches, möglicherweise bis zu 20 Mal so hoch sein wie die Zahl der registrierten Fälle. Die Zahlen dürften auch für den Schwarzwald-Baar-Kreis gelten.
Bedeuten die gestiegenen Zahlen also, dass mehr Opfer bereit sind, die Straftaten zur Anzeige zu bringen?
Angesichts dieser Dimensionen erscheint es mir sehr plausibel, dass weniger die reale Zunahme dieser Fälle für den statistischen Anstieg verantwortlich ist, sondern es eher daran liegt, dass sich Opfer häuslicher Gewalt angesichts der zunehmenden öffentlichkeitswirksamen Aufklärungskampagnen getrauen, aus der Gewaltbeziehung auszusteigen und Anzeige zu erstatten. Ob Rote Bank, Runde Tische, Hilfsangebote in vielfältiger Art – es hat sich sehr viel getan. Dies alles ist ein Grund für die Aufhellung des Dunkelfeldes. Zumindest scheint dies sehr plausibel.
Mein Eindruck ist auch, je besser und aktiver das vernetzte Hilfsangebot funktioniert und potenzielle Opfer erreicht, umso höher werden zwar die Zahlen, aber umso eher und besser wird das Leid der Opfer unterbrochen beziehungsweise beendet. Insofern geben steigende Zahlen in diesem Bereich nicht unbedingt Anlass zur Sorge.
Wobei einzuräumen ist, dass wir es eben nicht sicher wissen, ob es so ist. Denn selbst mit modernen Methoden der Dunkelfeldforschung ist es sehr schwer, verlässliche Antworten zu bekommen.
Laut Polizei sind die Opfer präsidiumsweit vor allem weiblich. Welche Altersgruppen sind aus Ihrer Erfahrung dabei besonders betroffen?
Von häuslicher Gewalt sind Mädchen und Frauen sowie Jungen und Männer aller Altersklassen betroffen. Die Ergebnisse des Lagebildes zeigen jedoch, dass besonders oft weibliche Personen zwischen 30 und 40 Jahren Opfer werden. Zu den weiteren Risikofaktoren zählen Trennungsphasen beziehungsweise Trennungen sowie Behinderung.
Im Bereich der Partnerschaftsgewalt gibt es circa 80 Prozent weibliche Betroffene. Häusliche Gewalt gegen Frauen ist auch strukturelle Gewalt. Das bedeutet, dass direkte Gewalt gegen Frauen immer eingebettet ist in gesellschaftliche und strukturelle Machtverhältnisse, die Frauen benachteiligen. Sie sind auch der Grund dafür, dass Frauen sich aus gewaltvollen Beziehungen nicht lösen können und sich keine Hilfe suchen.
Und wie sieht es bei den Männern aus?
Auch Männer sind von Partnerschaftsgewalt betroffen (circa 20 Prozent). Betroffene Männer holen sich seltener Hilfe. Selbst Opfer zu sein, passt oft nicht in das gängige Bild eines „starken“ Mannes. Für sie gibt es auch proportional weniger Unterstützungsangebote. Dabei ist es wichtig, auch ihnen zu helfen, auch um tradierte Rollenbilder aufzubrechen und somit einen schnellen Zugang zu Hilfe zu ermöglichen.
Aus ganz subjektiver Sicht des Weißen Rings im Schwarzwald-Baar-Kreis trauen sich mehr Männer, sich Hilfe zu holen. Ob das auch bedeutet, dass es objektiv mehr männliche Opfer gibt, wage ich zu bezweifeln. Früher haben sich die Männer einfach nicht gemeldet, auch wenn sie betroffen waren.
Was raten Sie Opfern häuslicher Gewalt konkret?
Wichtig ist immer, dass sich Betroffene von häuslicher Gewalt jemandem anvertrauen können und nicht alleine mit der Situation sind. Das Ziel ist natürlich, dass sie sich aus den gewaltvollen Beziehungen lösen. Aber es gibt auch viele Gründe, warum es jetzt für das Opfer (noch) nicht geht, wie beispielsweise Angst vor der Zukunft, ökonomische Abhängigkeit, emotionale Abhängigkeit… Solche Beziehungen können hoch ambivalent sein, weil die gewalttätige Person oft auch eine Seite hat, welche die betroffene Person als liebevoll und zugeneigt erlebt.
Es ist erst einmal wichtig, die Gewalt zu dokumentieren, zum Beispiel mit speziellen Apps oder einem Tagebuch, welches natürlich besonders geschützt aufbewahrt werden muss. Falls es möglich ist, sollten Verletzungen durch eine ärztliche Fachperson attestiert oder dokumentiert werden. Eine kostenfreie Untersuchungsstelle am Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Freiburg unterstützt Betroffene bei der Dokumentation körperlicher Gewalt.
Aber: Wenn es diese Möglichkeit nicht gibt, können Frauen Verletzungen auch selbst fotografieren oder filmen, einer Vertrauensperson senden und dann wieder löschen, um ein Beispiel zu nennen. Zudem ist es wichtig zu wissen: In Akutsituationen kann man sich an die Polizei wenden unter der 110.
Dies alles funktioniert nur, wenn es Hilfsangebote gibt.
Trotz vieler Hilfsangebote – was müsste aus Ihrer Sicht weiter geschehen, um häusliche Gewalt wirksam einzudämmen?
Die Fachberatungsstellen sowie Frauen- und Kinderschutzhäuser müssten ausgebaut und mehr unterstützt werden. Vor allem öffentlichkeitswirksame Kampagnen, Veranstaltungen und Aktionstage könnten eine entsprechende Wirkung haben.
Es gibt aber noch viele weitere Elemente, die erforderlich sind: So sollte häusliche Gewalt verurteilt werden. Politische Entscheidungsträger auf allen staatlichen Ebenen sollen häusliche Gewalt klar und öffentlich verurteilen. Dabei muss deutlich gemacht werden, dass es sich um eine schwere Menschenrechtsverletzung handelt und nicht um eine private Angelegenheit.
Dies erfordert entsprechende mediale Aufklärung und medialen Druck. Durch Aufklärungskampagnen in Schulen, Universitäten, Gemeinden und am Arbeitsplatz soll die Gesellschaft für das Thema sensibilisiert werden. Ziel muss es sein, Gewalt gegen Frauen öffentlich zu verurteilen, Betroffene zu entstigmatisieren und sie zu ermutigen, ihre Rechte einzufordern.
Dann müssen alle Hindernisse beseitigt werden, die der gerichtlichen Verfolgung im Weg stehen. Zeugen, Opfer und andere Beteiligte sollten vor Einschüchterung oder Druck geschützt werden. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Polizei, Justiz und sozialen Einrichtungen ist dafür notwendig. Polizistinnen und Polizisten, Richterinnen und Richter, Anwältinnen und Anwälte, medizinisches Personal, Sozialarbeitende, Lehrkräfte und andere zuständige Fachkräfte sollten verpflichtende Schulungen erhalten. Diese sollen ihnen helfen, Fälle häuslicher Gewalt frühzeitig zu erkennen, Betroffene zu schützen und Beweise korrekt zu sichern und auszuwerten.
Dazu muss der Staat genügend finanzielle Ressourcen zur Verfügung stellen, um Maßnahmen gegen häusliche Gewalt umzusetzen.
Jochen Link / Info-Telefone für Betroffene
Der Interviewte
Jochen Link ist als Anwalt seit über zwei Jahrzehnten für Opfer im Einsatz, insbesondere im Strafrecht und Sozialrecht (Opferentschädigung). Seit November 2013 leitet er die Außenstelle des Weißen Rings im Schwarzwald-Baar-Kreis. Neben der klassischen Opferbetreuung ist er für die Zusammenarbeit des Weissen Rings mit Polizei und Justiz zuständig.
Gewalt gegen Frauen
Das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ bietet betroffenen Frauen und Mädchen, Angehörigen und Fachkräften unter der Telefonnummer 116 016 Hilfe und Unterstützung an. Die Beratung ist kostenlos, das Telefon rund um die Uhr erreichbar und in 17 verschiedenen Sprachen verfügbar.
Männerhilfetelefon
Das Männerhilfetelefon ist unter der Nummer 0800/1 23 99 00 erreichbar, montags bis donnerstags von 8 bis 20 Uhr und freitags von 8 bis 15 Uhr.
Weißer Ring
Das Opfertelefon des Weißen Rings ist unter 116 006 erreichbar. Das Angebot ist kostenfrei und auf Wunsch anonym. Das Opfertelefon ist sieben Tage die Woche von 7 bis 22 Uhr erreichbar.