Am 4. Dezember 1944 schlugen Bomben in Dobel ein – sie forderten einige Opfer. Doch der Krieg zog noch viele weitere Opfer nach sich. Zeitzeugen berichteten nun von Erlebtem.
Das Kriegsende vor 80 Jahren, Kriegs- und Vorkriegszeit und der Neuanfang 1945 waren die Themen der Veranstaltungsreihe „Dobler Geschichte und Geschichten“ im Kurhaus Dobel. Es passte zum Schwerpunkt „Frieden und Krieg“ des Herbstsemesters der Volkshochschule Calw. Zeitzeugen berichteten aus eigener Erfahrung.
Die Zwischenkriegszeit
Bernhard Kraft ging vor 20 Zuhörern zunächst auf die Zwischenkriegszeiten der 1920er- und 1930er-Jahre und die Folgen des Ersten Weltkrieges ein: die Glockenweihe für den Ersatz der zu Munition eingeschmolzenen Kirchenglocken und Kriegerdenkmaleinweihung.
Das Dritte Reich
Dann ging es um die NS-Zeit: So wurde 1930 die NSDAP-Ortsgruppe unter Kreisleiter Hugo Böpple gegründet. Im Oktober 1934 trat der seit 1900 amtierende Bürgermeister Karl Allinger ab und wurde durch Parteimitglied Erwin Nothwang ersetzt.
Straßenumbenennungen in Adolf Hitler-, Hugo Böpple-, Mergenthaler- oder Horst Wessel-Straße gab es nicht nur in Dobel. Es gab eine Adolf-Hitler-Eiche und eine Adolf-Hitler-Anlage.
Zu Kriegsbeginn 1939 wurde ein Flugplatz für Aufklärungsflugzeuge auf den Oberen Hardtmädern eingerichtet, der bis zum Frankreichfeldzug im Mai 1940 betrieben wurde.
Der Krieg im Osten brachte mit den nun häufigen Todesmeldungen von Gefallenen viel Leid in die Familien. Der „Enztäler“ aus jener Zeit ist im Kreisarchiv Calw digital einsehbar. Namen von 44 Gefallenen und 23 Vermissten sind im Ehrenmal eingemeißelt.
Der Krieg sucht Dobel heim
Am 4. Dezember 1944, abends um 19.30 Uhr, hat der Krieg direkt Dobel heimgesucht. Die Zeitzeugen Friedel Knöller, geborene Seyfried, und Lisa Laumann, geborene Ruff, erzählten darüber. Auch von der inzwischen verstorbenen Gertrud Ehrhardt, geborene Stängle, gibt es darüber einen Bericht auf der Homepage der Gemeinde Dobel. Sechs Bomben trafen den Ort. Zwei richteten verheerenden Schaden an.
Woher die Flugzeuge kamen, ob von den gleichzeitig bombardierten Städten Heilbronn oder Karlsruhe, blieb ungeklärt.
Das Kurhotel komplett zerstört
Vor dem Haus von Friedel Knöller traf eine Bombe einen Wasserschachtdeckel. Die Splitter töteten zwei Frauen in den benachbarten Häusern. Zwei Frauen wurden schwer verletzt. Eine verlor ein Auge, eine andere einen Arm.
Vor dem elterlichen Haus von Lisa Ruff „im Eck“ schlug eine Bombe ein. Im Stall wurde eine Kuh getötet.
Am schlimmsten traf es das Kurhotel Sonne, in dem gerade eine Wehrmachtseinheit Halt gemacht hatte und in den Gasträumen den eingehenden Fliegeralarm ignorierte. Ein Volltreffer zerstörte das Hotel komplett.
21 Bombenopfer
Im Hotel waren auch Schüler aus Stuttgart im Wege der „KLV“ (Kinder-Land-Verschickung) einquartiert, die aber zusammen mit dem Wirt Bossinger und seinen beiden Buben im großen Gewölbekeller Schutz gesucht hatten und deshalb mit dem Schrecken davonkamen.
Aber im Gastraum kamen die Soldaten, die Wirtin, ihre 28-jährige Tochter Lisgret und die Ehefrau eines Soldaten ums Leben. Auf dem Dobler Friedhof wurden 21 Bombenopfer beigesetzt.
Ob darunter auch die polnische Zwangsarbeiterin Zofia Zajac war? Einen Todeseintrag von ihr gibt es in Dobel und in Wildbad nicht.
Ihr Schicksal war auch Thema eines in der Wildbader Stadtkirche am 18. November von Marina Lahmann gehaltenen Vortrags. Die 26-jährige Zofia Zajac war demnach eine von vielen in Wildbad einquartierten Zwangsarbeiterinnen. Sie musste zeitweise auch im Hotel Sonne in Dobel arbeiten.
Das Schicksal einer Hebamme
Auf dem Weg von Wildbad nach Dobel, mitten im Wald, 80 Meter vor der Brücke bei der Eyachmühle, gebar die hochschwangere Frau am 21. August 1944 eine Tochter, die mit dem Namen Helena im Wildbader Geburtenbuch auf Anzeige der Dobler Hebamme eingetragen wurde.
Helena wurde der Mutter weggenommen und in das „Polenkinderheim“ nach Aach bei Freudenstadt gebracht, wo sie, knapp vier Monate alt, an Unterernährung starb.
Das Kriegsende
Dann kam am Kriegsende der „Einmarsch“ am 9. und 10. April 1945. Darüber berichtete der slowenische Fremdenlegionär Rajko Cibic in seinem Buch „Geliebte gehasste Legion“ ausführlich. Die zurückgewichene Wehrmacht beschoss vom Eiberg aus die Franzosen mit der Artillerie.
Die Dobler suchten Schutz in ihren Kellern. Geschosse trafen den Ort. Mehrere Häuser gingen in Flammen auf. Zwei Todesopfer waren zu beklagen, die aus Karlsruhe evakuierte Ilse König in der Schneckengasse und der Sohn des Bürgermeisters, der 13-jährige Fritz. Erwin Nothwang trug den Tod seines Sohnes selbst ins Sterbebuch ein.
Der Einmarsch der französischen Truppen
Die Dobler hissten weiße Bettlaken und entkamen so um Haares Breite der Zerstörung ihres Ortes. Aber ein verhängnisvolles Ereignis überschattete den Ort. Klara Heubach, geborene Greul, aus dem Elsass, bei ihrer Schwester einquartiert, hatte am Telefon auf den Anruf einer Bekannten den Einmarsch der französischen Truppen bestätigt.
Das Gespräch hatte ein französischer Soldat, der Deutsch verstand, mitgehört und sie kam in Verdacht, eine Spionin zu sein. Ohne Verhör und Untersuchung wurde sie am selben Tag, einen Tag vor ihrem 26. Geburtstag, an der Scheunenwand des Hauses Oberer Kreuzwasen Nummer 10 standrechtlich erschossen.
Die Besatzungszeit
Über die französische Besatzungszeit gab es einiges zu berichten. Am Wasserturm wurde das Hakenkreuz herausgemeißelt, wofür Dachdeckermeister Ludwig Edel in einer „Holzzoi“ sitzend von der Aussichtsplattform abgeseilt wurde.
Erwin Nothwang wurde im Oktober 1945 als „minderbelasteter Mitläufer“ vom französischen Gouverneur in Calw des Amtes enthoben und durch Karl Hummel ersetzt, der dann im September 1946 durch die erste Nachkriegswahl bestätigt wurde.
Die Nachkriegszeit
Das von den Franzosen beschlagnahmte Hotel Funk wurde im Dezember 1952 wieder eröffnet, nachdem die Gemeinde einen Ersatzbau beim Wasserturm errichtet hatte. Nach dem Abzug der Franzosen wurde daraus das „Kinderheim Rosenlund“.