Mit 25:1 Punkten führt der HBW Balingen-Weilstetten die Tabelle der Zweiten Handball-Bundesliga souverän an. Nimmt der Spitzenreiter auch die Hürde beim schärfsten Verfolger ThSV Eisenach, wird der direkte Wiederaufstieg immer wahrscheinlicher. Das sind die Hintergründe.
Abschied bei der Aufstiegsfeier? Schön wär’s, aber so richtig reden will Wolfgang Strobel über ein derart traumhaftes Finale nicht. „Wir stehen super da, aber die Tabelle ist eine Momentaufnahme, und es ist noch ein so dermaßen weiter Weg“, sagt der Geschäftsführer des Handball-Zweitligisten HBW Balingen-Weilstetten. Nach insgesamt 22 Jahren im Verein sagt er nach dem letzten Saisonspiel am 7. Juni beim HC Elbflorenz Servus. Er wechselt in die freie Wirtschaft, zu einem auf erneuerbare Energien spezialisierten Unternehmen.
Strobel schaffte 2003 als 19-Jähriger mit dem HBW den Sprung in die zweite Liga, drei Jahre später ging es für den ehemaligen Kreisläufer und Abwehrspezialisten sogar hoch in die Bundesliga. In der Rolle als Manager gelang ihm mit den „Galliern von der Alb“ nach dem Abstieg 2017 im Jahr 2019 die Rückkehr in die Bundesliga.
Vierter Aufstieg?
Der Aufstieg in dieser Saison wäre sein vierter – und für ihn der wichtigste. Nicht nur weil er mit einem Highlight abtreten könnte, sondern weil die zweite Liga immer stärker wird und der Sprung nach oben alles andere als ein Selbstläufer ist. „Von 26 Absteigern der vergangenen zehn Jahre haben nur sechs den sofortigen Wiederaufstieg geschafft“, belegt Strobel die Herkulesaufgabe mit Zahlen.
Im Moment sieht es sehr gut aus. Der HBW thront mit 25:1 Punkten an der Spitze. Dahinter folgt der ThSV Eisenach (19:7 Punkte), zu dem es am kommenden Samstag (19.30 Uhr) geht. Dass der Club von der Zollernalb nach dem Abstieg zumindest bisher eine solch dominante Rolle spielt, war nicht zwingend zu erwarten. Woran das liegt? „Viele unserer Spieler haben aus den vergangenen drei Bundesliga-Jahren etwas mitgenommen“, sagt der Trainer Jens Bürkle. Erfahrung, Reife, Stressresistenz lauten die Stichworte. Da passt es ins Bild, dass der HBW in dieser Runde auffallend oft enge Spiele knapp für sich entschieden hat. „Wenn das so häufig vorkommt, ist das kein Zufall. Dann spricht das für unsere Qualität, in entscheidenden Phasen die Ruhe zu bewahren“, sagt Bürkle.
Das HBW-Ensemble ist schwer ausrechenbar. Es besticht als Kollektiv. Immer wieder aber avanciert ein anderer Einzelspieler zum Matchwinner. Mal ist es einer aus dem Torwartduo Mario Ruminsky/Simon Sejr, mal einer der Neuzugänge wie Filip Vistorop (RK PDD Zagreb) oder Guilherme Linhares de Souza (Tatran Presov), mal der mit 66 Saisontreffern beste HBW-Werfer Oddur Gretarsson, zuletzt trumpften die Rückraumspieler Jona Schoch und Daniel Ingason sowie Linksaußen Patrick Volz groß auf. Hinzu kommen die konstant guten Auftritte vom routinierten Abwehrchef Felix Danner. Und Bürkle hat sogar noch einen Trumpf im Ärmel: Spielmacher Lukas Saueressig (25) feierte sieben Monate nach seiner schweren Schulterverletzung am vergangenen Samstag gegen die HSG Konstanz (36:30) sein Comeback.
Bei diesem Derby in der mit 2246 Zuschauern fast ausverkauften Sparkassenarena herrschte eine fantastische Atmosphäre. „Die Auslastung der Halle ist auch in der zweiten Liga sehr gut, die Stimmung bombastisch. Unsere Fans ziehen voll mit und genießen es, dass ein paar Spiele mehr gewonnen werden als eine Etage höher“, hat Bürkle festgestellt. Zu diesen Genießern gehört auch Wolfgang Strobel.
Auf ewig Fahrstuhlteam
„Wolfgang ist eine prägende Persönlichkeit. Als er nach vier, fünf Spieltagen seinen Abschied am Saisonende bekannt gegeben hat, hat das Team kurz geschluckt und dann einfach weitergemacht“, berichtet der Coach, der seit 2017 im Amt ist und noch bis 2024 beim HBW unter Vertrag steht. Wer auf Strobel als Geschäftsführer folgt, ist offen. Egal wie er heißt, er hat gute Chancen, einen künftigen Erstligisten zu übernehmen, der aber aufgrund seiner kleinen Halle inmitten einer strukturschwachen Region immer eine Fahrstuhlmannschaft bleiben wird. „Diese Tatsache ist uns allen bewusst“, sagt Bürkle. Und sie war garantiert auch mit ein Grund, warum Strobel eine neue Herausforderung in der freien Wirtschaft gesucht hat.
Martin Strobels Abschiedsspiel
Abschied
Martin Strobel ist der größte Handballer, den der HBW Balingen-Weilstetten je hervorgebracht hat. Er spielte von 2005 bis 2008 und von 2013 bis 2020 für den Club von der Zollernalb. Dazwischen war er für den TBV Lemgo am Ball. Seine größten Erfolge mit der Nationalmannschaft feierte er 2016 mit dem EM-Titel und Olympiabronze. Seine Karriere hat er im Sommer 2020 beendet, coronabedingt geht sein Abschiedsspiel mit etwas Verspätung über die Bühne: am 14. Januar 2023 (19 Uhr) in der Balinger Sparkassenarena.
Benefizspiel
Es wird die aktuelle Zweitligamannschaft des HBW gegen eine von Martin Strobel nominierte Auswahl antreten. Sie wird von Rolf Brack und Markus Baur gecoacht. Zahlreiche ehemalige Weggefährten und langjährige deutsche Nationalspieler werden kommen, darunter Michael „Mimi“ Kraus, Uwe Gensheimer, Hendrik Pekeler, Martin Galia, Tomas Mrkva, Frank Ettwein, Daniel Sauer und einige mehr. Die Einnahmen kommen einem guten Zweck, der Deutschen Kinderkrebsnachsorge in Tannheim, zugute, für die der 36-Jährige seit vielen Jahren auch Botschafter ist. Der Vorverkauf hat am 9. November begonnen. Tickets gibt es online unter www.h-bw.de/tickets/ oder auf der HBW-Geschäftsstelle. (jüf)