Oskar Hahn, Katja Stehle, Manuel Seeger und Tobias Aldinger (von links) machen sich für „Chance²“ stark, einem schulischen Rückführungsprogramm für Schulverweigerer. Foto: Heinig

„Wir glauben an das Potenzial jedes Jugendlichen“. Schulverweigerer bekommen bei Katja Stehle und Manuel Seeger eine „Chance²“.

Die beiden Lehrkräfte brennen, wenn sie von dem vom Staatlichen Schulamt initiierten Projekt erzählen, in dem sie seit zwei Jahren zu je zwei Dritteln ihrer beruflichen Tätigkeit eingebunden sind.

 

Durch „Chance²“ finden Sechst- bis Achtklässler, die teilweise schon seit Jahren keine Schule mehr besucht haben, in der Regel den Weg zurück ins Klassenzimmer.

Jeder tickt anders

Wie das funktioniert? „Wir haben aufgehört zu denken, dass wir wissen, wie es geht“, geben Katja Stehle und Manuel Seeger freimütig zu, denn jeder Jugendliche ticke anders. Tatsache aber ist, dass die beiden Zugang zum überwiegenden Teil ihrer Schützlinge bekommen, manchmal eher noch als deren Eltern.

In der Bickenstraße

Doch der Reihe nach. Aufgrund einer wachsenden Anzahl der Fälle von Schulabstinenz entwickelte das Schulamt in Donaueschingen 2020 die Idee für einen Einrichtung, in der diese Kinder wieder in den Schulalltag zurückfinden. Die Stiftung Lernen-Fördern-Arbeiten, der Europäische Sozialfonds und die Agentur für Arbeit unterstützten finanziell und am 1. Januar 2021 ging es in den ehemaligen Räumen einer Sprachenschule in der Villinger Bickenstraße los.

Gemeinsames Koches

Mit im Boot waren von Anfang an auch sozialpädagogische Kräfte und da gemeinsames Kochen ein wesentlicher Bestandteil der außergewöhnlichen Beschulung ist, mittlerweile auch eine „Küchenfee“.

Was im März 2021 mit acht Schülerinnen und Schülern für jeweils ein halbes Jahr begann, geht gerade in die fünfte Runde. Dabei war der Anfang alles andere als leicht, wie sich Katja Stehle erinnert. Man sah sich höchst unterschiedlichen jungen Menschen gegenüber, die eines gemeinsam hatten: „Sie sprachen nicht mit uns“. Mittlerweile unterliegt der Umgang mit den „Schneckenhauskindern“ insofern einer Systematik, als man „keine Vorgaben gibt, jeden so annimmt, wie er ist, dessen Stärken findet und Leben anbietet“, fasst es Manuel Seeger zusammen.

Der Wochenplan für die dreieinhalb gemeinsamen Tage gestaltet sich daher immer anders und ist von Ritualen geprägt. Neben tatsächlicher Lernzeit in Deutsch, Mathematik und Englisch, Berufsorientierung und kreativem Tun werden gemeinsam mit jedem Jugendlichen Antworten auf die zentrale Frage gesucht: „Wer bin ich?“.

Ganz schnell nach dem Start von „Chance²“ war klar, dass es Sponsoren braucht, um insbesondere dafür Angebote schaffen zu können. Der Graffitikünstler Jonas Fehlinger und weitere Großsponsoren wie die Volksbankstiftung, die Familienheim, die Freizeitwerkstatt der Lions und die Rottweiler Firma Coating Visions wurden gewonnen und ein Förderverein gegründet mit Tobias Aldinger als Vorsitzendem und Oskar Hahn als dessen Stellvertreter.

Unterstützernetzwerk

Statt Beiträge zu bezahlen, bilden die inzwischen 24 Mitglieder ein Unterstützernetzwerk, dessen Vielfalt das „Chance²“-Team begeistert. So hat man mit dem Villinger Jugendhaus K 3 einen Kooperationspartner gefunden, der sich erfreulicherweise als Anlaufstelle vieler Jugendlicher auch noch Beendigung der Maßnahme entpuppte. Den Bedarf an weiteren Netzwerkpartnern, aber auch an Sponsoren, betonen alle Akteure.

Wenn er nach den Erfolgen von „Chance²“ gefragt werde, könne er zwar etliche Fälle von Wiedereingliederungen in die Schulen vorweisen, sagt Manuel Seeger, „aber eigentlich ist es doch schon ein Erfolg, wenn die Jugendlichen überhaupt zu uns kommen“.