HSV-Interimstrainer Horst Hrubesch ist ernüchtert: „Wir hätten es auch nicht verdient.“ Foto: Imago/osnapix

Dem einstigen Bundesliga-Urgestein droht eine Existenz als Dauergast in Liga zwei. Kommt Tim Walter als neuer Trainer beim Hamburger SV? Der Club steht angesichts leerer Kassen vor einer schwierigen Zukunft.

Stuttgart/Hamburg - Weil das einstige Kopfball-Ungeheuer des vormals ruhmreichen Hamburger SV auch nicht mehr der Jüngste ist, hat man Horst Hrubesch zur Entlastung des Rückens einen Barhocker an die Seitenlinie gestellt. An diesem lehnte der 70-Jährige nun und schlug immer wieder beide Hände vors Gesicht. Denn er musste mit ansehen, wie das Drama auf dem Rasen an der Bremer Brücke seinen Lauf nahm.

 

13 (!) Spiele in Folge hatte der VfL Osnabrück zuvor im eigenen Stadion verloren – dann kam der HSV, bei dem mal wieder die eigene Fußballkunst dem hohen Anspruch weit hinterherhinkte, und überließ trotz 26:11 Torschüssen dem Drittletzten beim 2:3 die Punkte. Nun müssen die abermals ernüchterten Hanseaten für ihr viertes Zweitligajahr in Serie planen. Denn der Aufstieg, er ist für sie vor dem letzten Saisonspiel gegen Eintracht Braunschweig nicht mehr möglich.

Hrubesch rüttelt den HSV wach

Es überraschte daher nicht, dass die Clubikone Hrubesch, die nach der Entlassung von Daniel Thioune nach dem 31. Spieltag als Interimstrainer übernahm, vor allem die Spieler, aber auch die Bosse seines Herzensclubs nach der Schmach von Osnabrück mit ganz deutlichen Worten wachrüttelte. „Natürlich tut es weh. Aber eins müssen wir ganz klar sagen: Wir hatten es auch nicht verdient“, erklärte der enttäuschte Horst Hrubesch, der künftig wieder als Chef des HSV-Nachwuchsleistungszentrums arbeiten wird – und fügte an: „Du musst es auch wollen, dem Club dienen. Ich habe das mein Leben lang so gehalten. Ich hatte nicht das Gefühl, dass das bei allen so war. So reicht das nicht.“

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Mehr noch: Die Gefahr, dass der einstige Bundesliga-Dino die Kurve in Richtung erster Liga nach seinem ersten Abstieg vom Mai 2018 gar nicht mehr kriegt und kontinuierlich zu einem Durchschnittszweitligisten verkommt, sie wächst mit jedem weiteren gescheiterten Versuch erheblich.

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So hat der „Spiegel“ errechnet, dass die Chance auf einen direkten Wiederaufstieg eines Bundesliga-Absteigers bei stolzen 32 Prozent liegt – siehe etwa die gelungenen Versuche des VfB in den Spielzeiten 2016/17 sowie 2019/20. Im vierten Jahr liegt sie für den HSV nun nur noch bei drei Prozent. Zudem wird die Konkurrenz zumindest den Traditionsnamen nach in der kommenden Zweitligasaison größer. Der FC Schalke 04 ist schon abgestiegen, der 1. FC Köln und Werder Bremen könnten unter Umständen noch folgen.

Nur Simon Terodde liefert ab

Klar ist, dass der HSV in der Rückrunde einen erstaunlichen Absturz hinnehmen musste. Nach der Hinserie noch Tabellenführer mit fünf Punkten Vorsprung auf Platz vier, gelangen in der zweiten Saisonhälfte bisher lediglich vier Siege. Zu viele Spieler erreichten dabei keine Topform – auch vermeintliche Leader agierten zu schwankend wie etwa der Torhüter Sven Ulreich und Offensivkraft Sonny Kittel. Als einer der wenigen abgeliefert hat der Torjäger Simon Terodde, dem bisher 23 Treffer gelangen, davon allerdings 17 in der Vorrunde.

Während Terodde künftig für den Aufstiegskonkurrenten Schalke stürmen wird, will man sich beim HSV in Zeiten leerer Kassen neu sortieren. „Wir werden Luft holen und einen erneuten Anlauf nehmen“, sagt Jonas Boldt, der selbst als Sportvorstand weitermachen will, offenbar mit dem Vertrauen des Aufsichtsrats: „Ich habe nie etwas anderes als Rückendeckung gespürt. Dass einige Leute Köpfe rollen sehen wollen, kann ich verstehen. Aber dafür gibt es keine Anzeichen.“

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Weil auch die Pandemie mit dem dauerhaft leeren Volkspark neben dem sportlichen Misserfolg am Hamburger SV nagt, wird der Aufstieg in der Zukunft nicht leichter. Gut möglich, dass der Verteidiger Josha Vagnoman (20), ein hauseigenes Talent, verkauft wird, um finanziellen Spielraum zu bekommen. Doch selbst auf Zweitligagrößen wie den Darmstädter Toptorjäger Serdar Dursun (25 Saisontore) übt der HSV wenig Anziehungskraft mehr aus. Dursun wechselt wohl trotz Interesses der Norddeutschen statt an die Alster lieber in die Türkei.

Tim Walter als Kandidat für den Trainerposten

„Die Kunst wird sein, während der Saison bei sich zu bleiben“, sagt Sportvorstand Boldt, der in einem häufig zu schnell zu euphorischen Umfeld einsehen musste, dass es mit dem Aufstieg im Hauruckverfahren nicht klappt. Entscheidend für die Zukunft ist dabei die Neubesetzung der Trainerposition. Nachdem es mit der Version jung (Hannes Wolf), erfahren (Dieter Hecking) sowie einer Mischung aus beidem (Daniel Thioune) nicht geklappt hat, kursieren nun die Namen zweier unterschiedlicher Charaktere für den Posten des Chefcoaches rund um den HSV: Neben Tobias Schweinsteiger (39), aktuell zweiter Mann beim 1. FC Nürnberg, ist auch Tim Walter im Gespräch. Der kompromisslose, offensiv ausgerichtete Ex-Trainer des VfB ist seit dem Rauswurf in Stuttgart im Dezember 2019 ohne Job.