Ein Bewohner des Pflegeheims St. Landelin soll einen Pfleger mit einem Messer bedroht haben. Ein anderer einen Mitbewohner. Foto: Christoph Reichwein/dpa/Christoph Reichwein

Die Polizei hatte am Montag zunächst nur von einer Bedrohungslage im Haus St. Landelin berichtet. Wie bei der Ortschaftsratssitzung Ettenheimmünster nun bekannt wurde, gab es deren zwei. Schüsse sind jedoch – entgegen der Gerüchte – keine gefallen.

Gleich zwei ernste Vorfälle mit Gewaltandrohung haben am Wochenende in der Pflegeeinrichtung Haus St. Landelin in Ettenheimmünster zu teils massiven Polizeieinsätzen geführt. Am Montag hatte die Polizei von der Bedrohung eines Pflegers mit einem Messer berichtet. Auch beim Redaktionsgespräch mit dem Geschäftsführer der Betreiberfirma Aczepta war nur von einem Vorfall die Rede (wir berichteten). Bei der Ortschaftsratssitzung in Ettenheimmünster waren jedoch zwei Bedrohungen Thema.

In der Wohneinrichtung in Ettenheimmünster werden psychisch kranke Menschen und speziell solche mit Suchterkrankungen betreut. Die Leiterin der Einrichtung, Kerstin Zehnle, und Teamleiterin Desirée Goldau berichteten offen über die Vorfälle und beantworteten zahlreiche Fragen. Denn, so hatte Ortsvorsteherin Rita Ohnemus vorausgeschickt: „Im Dorf ist dadurch eine große Unruhe entstanden!“ Die beiden Damen versicherten: „Auch wir im Haus sind samt Mitarbeitern und Bewohnern geschockt und erschrocken.“ Solche ernsthaften Vorfälle mit Gewaltandrohung habe es seit Einrichtungseröffnung 2014 noch nie gegeben.

Erster Bewohner bedrohte einen anderen mit einer Pistolen-Attrappe

Die Geschehnisse: Am Freitag stand ein Bewohner, der erst vor gut zwei Wochen auf Zuweisung des Landratsamts eingezogen war, offensichtlich unter Drogeneinfluss. Er sei aggressiv geworden und habe Mitbewohnern eine scheinbare Schusswaffe vorgezeigt. In seinem Zimmer wurde eine beträchtliche Menge an Suchtmitteln samt Spritzen gefunden. Die sofort benachrichtigte Polizei schickte, wie für solche Fälle vorgesehen, ein Sondereinsatzkommando aus Offenburg. Der in seinem Zimmer angetroffene Bewohner wurde sogleich verhaftet und später in das Emmendinger Zentrum für Psychiatrie gebracht. Eine Schusswaffe wurde nach gründlicher Suche nicht gefunden. Die Suche im Außengelände zog die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich. Die Beamten fanden schließlich eine Attrappe mit einem Messer im Magazin. Bis zum Abend hätten sich, so die Aczepta-Vertreterinnen, dann die Gemüter der Betreuer und Bewohner wieder beruhigt gehabt. Vorhersehbar sei dieser Fall wirklich nicht gewesen, denn der zuvor kooperative Bewohner sei mit Methadon-Ersatz und einer sehr günstigen Prognose auf Re-Integration überwiesen worden.

Zweiter Bewohner bedrohte Pfleger mit Messer, um an Bierdosen zu kommen

Gleich am nächsten Tag fiel jedoch noch ein anderer Bewohner auf, der offensichtlich alkoholisiert war. Nachdem daraufhin in einem benachbarten Schuppen von ihm gebunkerte Bierdosen gefunden und sichergestellt worden waren, bedrohte er anschließend einen Mitarbeiter in dessen Büro mit einem Messer (wir berichteten). Dieser handelte besonnen und gab zur Deeskalation die geforderten Bierdosen zurück, mit denen der Bewohner verschwand.

Zweiter Bewohner wurde mit Hunden und Hubschrauber gesucht

Abermals wurde sogleich die Polizei alarmiert, die schnell mit einem Riesenaufgebot vor Ort war und nach dem unauffindbaren Bewohner, auch im Dorf, mit Spürhunden suchte. Sogar ein Hubschrauber wurde eingesetzt. In einem telefonisch benachrichtigten Kindergarten hatte man sich aus Angst gar eingeschlossen, auch andere Dorfbewohner waren angesichts des sichtbaren Polizeiaufgebots höchst beunruhigt. Schließlich wurde der Bewohner, der sich zwischenzeitlich unbemerkt ins Haus zurückgeschlichen hatte, in seinem Zimmer angetroffen und ebenfalls verhaftet. Auch dieser habe sich in der Vergangenheit nicht auffällig verhalten. Beiden Bewohnern wurde unverzüglich fristlos gekündigt. Sie werden nicht nach Ettenheimmünster zurückkehren.

Vorhersehbar seien die beiden Geschehnisse leider nicht gewesen. Der erste Bewohner habe bislang als gefestigt gegolten und der zweite war trotz einiger Rückfälle ebenfalls auf gutem Weg zum Entzug. Deren Gewalt-Androhungen hätten alle völlig überrascht.

Reaktionen aus dem Ortschaftsrat

Nadine Lemke zeigte sich dankbar für die offenen Erläuterungen. Manchen Einwohnern sei angst und bange geworden, wenn flüchtige Bewohner der Einrichtung offen im Dorf herumlaufen oder Polizisten das Dorf durchstreifen. Zehnle und Goldau betonten, dass solche extremen Ausnahmefälle bislang nie vorgekommen waren und sicherheitshalber mit den massiven Polizeieinsätzen beantwortet wurden. Ausführlich erläuterten sie auf Rückfragen, dass die Bewohner sich frei bewegen dürfen: „Es sind Mieter, denn wir sind keine geschlossene Klinik!“ Die Bewohner haben sich allerdings an eine strenge Hausordnung zu halten. Kontrollen und Drogen-Screenings unterziehen sie sich freiwillig. Wer sich nicht an die Hausregeln hält, fliegt raus. Der Erste habe sich vermutlich bei einem legalen Ausflug die harten Drogen beschafft, mit eigenem Geld, dass ihm versehentlich von Behörden noch nicht abgenommen worden war. Ansonsten seien die nun noch 68 verbliebenen Bewohner des Haus St. Landelin allesamt äußerst friedfertig. Dortje Treiber („Mir war die suchttherapeutische Arbeit bisher relativ unbekannt“) und Thomas Breyer-Mayländer („Das Polizei-Aufgebot war schon sehr beunruhigend“) bedankten sich nach all der entstandenen Aufregung ausdrücklich für die detaillierten Erläuterungen und baten darum, auch die Bevölkerung intensiver über die Arbeit der Einrichtung aufzuklären.