Zwei Schwestern, zweimal Brustkrebs Ein gutes Leben mit Krebs – wie geht das?
Petra und Bettina aus Stuttgart sind Schwestern und haben beide Krebs. Sie wollen zeigen, wie man einer lebensbedrohlichen Krankheit im besten Fall begegnen kann: Als Rollenmodelle für ein gutes Leben mit Krebs.
Petra und Bettina haben Krebs. Das ist offensichtlich. Die Haare sind weg. „Man merkt es schon, dass es am Kopf ein bisschen zieht“, sagt die eine. „Aber man braucht dafür weniger Pflegemittel im Bad“, sagt die andere. Und dann wird gelacht. Es ist einer der guten Tage für die beiden Schwestern. Petra, die jüngere, hat gerade ihre Bestrahlung hinter sich gebracht. Bettina hat soeben eine weitere Dosis ihrer Chemotherapie erhalten. Beide fühlen sich fit. „Das ist ein Segen“, sagt Bettina. „Krebs zu haben ist nicht schön, aber man muss deswegen nicht permanent unter der Behandlung leiden müssen.“
Seit dem vergangenen Jahr wissen Petra und Bettina, dass sie Brustkrebs haben. Sie gehören damit zu den 68 000 Frauen, die jedes Jahr neu daran erkranken. Statistisch gesehen wird Brustkrebs somit jede achte Bundesbürgerin im Laufe ihres Lebens betreffen. „Das ist schon Wahnsinn“, sagt Petra. „Man hört das immer nur – und dann ist man plötzlich selbst eine von ihnen.“
Erst erhielt Petra die Krebs-Diagnose, ein halbes Jahr später Bettina
Es war im Frühjahr des vergangenen Jahres, als Petra an ihrer Brust eine Veränderung bemerkte. Trotzdem musste die 53-Jährige eine Ärzte-Odyssee absolvieren, bis endlich der medizinische Befund ihre Sorgen bestätigte. „Überrascht hat mich die Diagnose nicht“, sagt Petra. „Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, eine Klinik zu finden, in der ich mich wahrgenommen und gut aufgehoben gewusst habe.“ Schließlich suchte sie sich ein zertifiziertes Krebszentrum und rief im Stuttgart-Cancer-Center – Tumorzentrum Eva Mayr-Stihl (SCC) am Klinikum Stuttgart an. Sofort bekam sie einen Termin. Ihre Schwester Bettina reiste aus München an, um Petra und deren Familie in den Behandlungsphasen zu unterstützen – nicht ahnend, dass die 55-Jährige in diesem zertifizierten Krebszentrum ein halbes Jahr später selbst behandelt werden würde.
Menschen, die an Krebs erkranken, reagieren völlig unterschiedlich: Manche resignieren, andere wiederum versuchen, die Erkrankung und die dazugehörigen Therapien im Stillen durchzustehen – auch, um den Schein nach außen zu wahren. Und dann gibt es Menschen wie Bettina und Petra, die nicht wollen, dass man ihnen nach der Krebsdiagnose nur noch befangen gegenüber tritt: „Ein Versteckspiel lehnen wir ab.“
Bei Brustkrebs liegt die Heilungsrate bei mehr als 80 Prozent
Bei Bettina und Petra gehen die Ärzte davon aus, dass ihre Krebserkrankungen geheilt werden können. Die Therapien schlagen gut an. Und die Schwestern haben ihren Alltag um die Behandlungspläne arrangiert. In guten Phasen arbeiten sie von zuhause aus. Sie sind beide im Management des gleichen Unternehmens tätig. Zum einen, um lange Krankschreibungen zu vermeiden, aber auch um ihrem Tag Struktur zu geben. „Unser Leben ist ja nicht auf Eis gelegt – nur weil wir Krebs haben“, sagt Bettina. Inzwischen wohnen alle zusammen in einem Haus – Petra mit den elf und vierzehn Jahre alten Kindern und jetzt auch ihre Schwester.
Eine genetische Veranlagung für Brustkrebs wurde ausgeschlossen
Es ist eine Lebensgemeinschaft, die sie durch die Erkrankung trägt: Zu Arztterminen gehen die Schwestern gemeinsam, geht es der einen schlecht – ist die andere zur Stelle. Die Kinder haben sich an die Tante im Haus so gewöhnt, dass sie den Tag fürchten, an dem Bettina nach München zurückkehren wird. „Wir haben Glück, dass wir uns haben“ , sagt Bettina – und Petra nickt. „Keiner sollte eine solche Erkrankung allein durchstehen müssen; der Partner an der Seite schenkt viel Sicherheit und Ruhe“, ergänzt diese. Es braucht ein Umfeld, dass einem zuhört, einem Zuversicht, Kraft und Stärke gibt.
Es gab auch bei den Schwestern Zeiten des Zweifelns – in denen sie sich etwa überlegt haben, warum gerade sie beide an Krebs erkrankt sind. „Ich hatte die Diagnose anfangs nicht verstanden“, sagt Bettina. „Ich war gesund und fühlte mich auch so – und dann ist da dieser Knoten in der Brust.“ Selbst eine genetische Untersuchung blieb unauffällig, eine familiäre Veranlagung kann nach bisherigen Erkenntnissen ausgeschlossen werden.
Krebs muss nicht interpretiert werden
„Medizinisch vollständig aufzuklären, warum manche Menschen an Krebs erkranken und andere nicht, ist nahezu unmöglich“, sagt Jürgen Schuster, der das zertifizierte Brustzentrum leitet. Fakt ist, Umweltfaktoren und genetische Voraussetzungen können eine Rolle spielen.“ Aber gerade das Beispiel der Schwestern zeigt: In den allermeisten Fällen ist Krebs schlicht ein molekularer Unfall.
Bettina und Petra haben sich damit abgefunden, dass es bei Krebs offene Fragen gibt. Das Psychologisieren und Interpretieren von Krebs halten sie für Zeitverschwendung. Zum einen belaste es die Betroffenen mit einer vermeintlichen Schuld für die Krankheit, zum anderen lenken diese Gedanken davon ab, sich mit der Realität zu beschäftigen. „Irgendwann muss Schluss sein, im Internet nach Erklärungen, Behandlungsmethoden oder Überlebenswahrscheinlichkeiten zu forschen“, sagt Bettina. Besser ist es, sich darauf zu konzentrieren, was als nächstes in der Therapie ansteht.
Als wichtig empfinden sie die Begegnungen und Gespräche mit dem Behandlungsteam. „Wir können über alles reden, alle Nebenwirkungen benennen, die uns seelisch oder körperlich zu schaffen machen – und wissen, wir erhalten sofort Hilfe“, sagt Bettina. Das schafft Vertrauen und Zuversicht – nicht nur bei den Schwestern selbst. Als etwa Petras Sohn die Mutter fragte, ob sie an Krebs sterben werde, verneinte diese. Da antwortete er: „Gut, dann komme ich damit klar.“
Versorgung von Langzeitüberlebenden verbessern
Forschung
Die Deutsche Krebshilfe setzt sich mit dem Thema „Langzeitüberleben nach Krebs“ einen neuen Förderschwerpunkt. Dabei werden elf Forschungsprojekte mit insgesamt acht Millionen Euro unterstützt. Ziel ist es, die Situation der Betroffenen besser zu verstehen und ihre Versorgung zu verbessern.
Überleben
Dank der Fortschritte in Früherkennung und Therapie überlebten immer mehr Menschen ihre Krebserkrankung. Damit steigt die Zahl der sogenannten Langzeitüberlebenden in Deutschland, bei denen die Krebserkrankung mehr als fünf Jahre zurückliegt. Zurzeit lebten etwa fünf Millionen Menschen in Deutschland mit oder nach Krebs, wovon Langzeitüberlebende mit 3,5 Millionen den größten Teil ausmachten.
Folgen
Zu den möglichen körperlichen Langzeitfolgen zählten unter anderem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Erschöpfung, Nervenstörungen sowie Beeinträchtigungen der Fruchtbarkeit. Zudem könne die Erkrankung bei den Betroffenen zu Arbeitsausfall und Berufsunfähigkeit und damit verbundenen finanziellen Problemen führen.