Klaus Wolpert besitzt nicht nur Pferde, sondern auch einen von diesen gezogenen Wagen. Mit seinem Zweispänner ist der Binsdorfer am kommenden Wochenende beim Cannstatter Volksfest.
Geislingen-Binsdorf/Dietingen - Zum 175. Mal wird in diesem Jahr das Cannstatter Volksfest gefeiert. Beim großen Umzug am Sonntag, 26. September, ist auch der Wagen von Klaus Wolpert aus Binsdorf dabei. Wir haben ihn bei den Vorbereitungen besucht.
Traditionelles Handwerk
Den "Schmiedefestwagen" bringt er gemeinsam mit seinem Bekannten Gerhard Hipp auf die Umzugsstrecke. Letzterer ist Hufschmied von Beruf – die beiden Männer ergänzen sich somit ideal: Während der Binsdorfer das Fahrzeug und die Pferdestärken stellt, rüstet der Dietinger diesen mit Werkzeugen und Gerätschaften aus, die ein traditioneller Schmied benötigt.
Auf dem Wagen kommen Amboss, Feilblock, Drehbank, Eisensäge, Wasserfass und Kohlenbehälter zum Einsatz – alles, was ein Hufschmied benötigt. Weiter steht eine Esse mit Fußpedal bereit, um den Blasebalg während der Fahrt anzutreiben. 300 Grad heiß wird das Eisen darin.
Aus 40 Zentimeter langen Rohlingen hämmern die Schmiede während des Umzugs neue Hufeisen. Da sprühen die Funken, da klirrt das Metall – den Zuschauern an der Strecke wird richtig etwas geboten.
Er wollte mal ins Fernsehen
Warum nimmt Klaus Wolpert mit insgesamt 14 Begleitern am Umzug teil? "Weil’s mir gefällt und weil ich dann auch mal im Fernsehen komme", sagt der Binsdorfer lachend. Den Brauch des Volksfestumzugs kannte er aus dem Fernsehen und hatte irgendwann den Wunsch, selbst dort mitzufahren.
Ursprünglich wollte er bloß eine Kutsche bespannen, erinnert er sich, aber der Umzugsorganisator Wulf Wager motivierte ihn: Er komme doch vom Land, ob er nicht einen richtigen, nach Brauchtum geschmückten Festwagen anmelden wolle?
Gesagt, getan: Erstmals haben Wolpert und Hipp im Jahr 2000 teilgenommen. "Seither sind wir dabei", sagt Klaus Wolpert. Weil sie seither drei Mal pausiert haben – zwei Mal wegen Corona – ist 2022 das 20. Mal.
Vorbereitungen und Helfer
Ehe es am Sonntagmorgen nach Cannstatt geht, sind einige Vorbereitungen zu treffen: Rechtzeitig vor der Fahrt über harten Asphalt beschlägt de Hufschmied Hipp Wolperts Schwarzwälder Füchse neu. Hiera ist der "Sattelgaul", "Domino" der Handgaul des Zweispänners. Geschirr und Messingbeschläge werden blank poliert, Dekorationen für den Umzug vorbereitet. Der Festwagen wird mit einem Laster nach Cannstatt gebracht – der braucht sonntags eine Sondergenehmigung.
Das Unternehmen benötigt auch einige Helfer: Neben dem Kutscher sind das die Schmiede, Hanna Steuerwald, Jörg Gauter und Hans-Peter Wendel, zwei Blasebalgknechte, damit die Esse immer glüht, ein Arbeiter mit einer Feile und vorweg, zu Fuß, der "Täfelesbub" Florian Schempp aus Binsdorf.
Mit dabei sind als "Ehrenpassagiere" auch Brigitte und Klaus Wolpert. Selbst den Wagen lenken mag der 75-Jährige nicht mehr: Auf dem Kutschbock müsse man sehr konzentriert sein. Nicht umsonst laufen zwei Begleitpersonen nebenher und achten auf die Sicherheit der Zuschauer entlang der Strecke.
3,6 Kilometer Strecke
3,6 Kilometer ist die Umzugsstrecke lang. Rund anderthalb Stunden braucht ein Wagen, eine Musikkapelle oder Trachtengruppe, um vom Königsplatz zum Wasen zu gelangen.
Insgesamt ist der Umzug mehr als drei Stunden auf der Strecke. Im Fernsehen werden aber nur zwei Stunden aufgezeichnet und nachmittags gezeigt.
Startnummer 61 von 116
Die letzten Startnummern sind daher nur von den Zuschauern entlang der Route durch Cannstatt zu bestaunen. Gut für die Wolperts und Gerhard Hipp, dass sie mit der 61 von 116 eine Startnummer genau in der Mitte haben.
Ihre Fahrt führt auf den Wasen, vorbei an Tausenden Zuschauern und den großen Festzelten zum Parkplatz bei der Schleyerhalle. Dort angekommen, werden erstmal die Pferde mit Futter und Wasser versorgt sowie das Feuer gelöscht. Erst danach gibt es auch ein Vesper und etwas zu trinken für die Wagenfahrer und -begleiter.
Zeitdruck und Kosten
Die Kehrseite dieses Erlebnisses verschweigen die Wolperts nicht: Die Teilnahme kostet mehr als die Wagenlenker dafür bekommen. 300 Euro Auslagen fallen jedes Jahr für Vorbereitungen und Umzugsteilnahme an, vom Veranstalter gibt es inzwischen 200 Euro, um einen Teil der Kosten zu decken. "Wegen des Gelds macht man’s nicht", fasst Klaus Wolpert zusammen.
Seine Frau Brigitte wägt den Spaß der Unternehmung gegen Zeitdruck und Anstrengungen ab: "Ich bin froh, wenn’s rum ist", sagt sie schmunzelnd. Doch die Freude überwiegt letztlich: "Man trifft Leute, die man sonst das ganze Jahr nicht sieht", sind sich die Eheleute einig.
Zwei aus dem Kreis
Klaus Wolpert und seine Mitstreiter sind inzwischen die einzigen Binsdorfer beim Cannstatter Volksfestumzug: Bis 2019 war noch Pius Weser mit seinem Metzgerwagen dabei. Aus dem Zollernalbkreis läuft als Nummer 81 allerdings noch die Leidringer Trachtengruppe mit.