„Knutschkugel“ nannte man früher eine Automarke, in der jung Verliebte gemeinsam unterwegs waren. Der knuffige Renault-Kleinbus von 1977, den sie selbst restauriert haben, bringt Kilian Braun und Laurie Eder auf einer modernen Walz, so ist es geplant, ab nächster Woche durch halb Europa. Foto: Janna Müller

Mit ihrem Renault-Kleinbus starten Kilian Braun und Laurie Eder zu einer modernen Walz Richtung Spanien. Vier Jahre lang haben sie den Oldtimer von 1977 selbst restauriert.

Süß, aber völlig heruntergekommen, war der Renault-Kleinbus, Baujahr 1977, den Kilian Brauns Vater 2011 bei einem Frankreich-Urlaub im Wald entdeckt hatte. Für 300 Euro kaufte er ihn, „denn früher hatte er genau so einen“, berichtet Kilian Braun.

 

Die moderne Walz: In wenigen Tagen starten der fast 25-Jährige, der schon immer das Ziel hatte, mal auf die Walz zu gehen, und seine 26-jährige Freundin Laurie Eder damit Richtung Spanien, wollen ein Jahr lang durch Europa reisen, sich Jobs suchen, wo es ihnen gefällt, und so ihre moderne Walz finanzieren. Kennengelernt haben sie sich in der Berufsschule für Schreiner und seit der Lehre – Braun hatte 2018 angefangen – gemeinsam den Kleinbus restauriert – vier Jahre hat es gedauert.

Ein Oldtimer wie neu: „Weiter kann man ein Auto nicht auseinanderbauen“, berichtet Braun lachend über die Restaurierung des „ziemlich fertigen“ Kleinbusses. Laurie Eder und Kilian Braun haben dabei das meiste selbst gemacht, brauchten nur für die Instandsetzung des Motors – „Dafür haben uns schlicht die Geräte gefehlt“ – und für das Lackieren der Karosserie die Hilfe von Fachbetrieben in Bisingen und Winterlingen. „Immer wieder mal dachte ich, wir müssen aufhören“, berichtet Braun, denn manche Herausforderung war knifflig, etwa die Rahmen für die hinteren Fenster zu schweißen oder das Dach aus glasfaserverstärktem Kunststoff hinzubekommen, das sie letztlich auf verschweißte Bleche montierten. Hilfreich war Brauns Vater: „Er hat früher schon alte Autos restauriert“, berichtet der 24-Jährige.

Herausforderung H: Um ein H-Kennzeichen – es steht für „historisch“ und bringt Vorteile mit sich – für den Kleinbus zu bekommen, musste auch die Optik stimmen. „Das Auto war ursprünglich weiß mit schwarzer Bordüre und schwarzem Dach“, sagt Braun, „aber das hat uns nicht gefallen. Also haben wir viele alte Bilder angeschaut und lange überlegt, wie wir es lackieren. Pastell-Gelb und Weiß hat letztlich Pastell-Grün und Weiß auf Platz zwei verwiesen, „und die Entscheidung für Gelb war die beste“, schwärmt der junge Besitzer glücklich. Einbauten wie eine Standheizung lässt ein H-Kennzeichen ebenfalls nicht zu. „Deshalb haben wir einen kleinen Holzofen mit Mini-Schornstein.“

Purer Luxus: „Der Innenausbau war purer Luxus. Darauf haben wir uns gefreut und uns gegenseitig hochgepushed!“ berichten die beiden. Als kreative Schreiner mit technischem Talent mussten sie viel tüfteln, um den kleinen Innenraum optimal zu nutzen. Nun konnten sie nun alles selbst machen und profitierten dabei von ihren Kontakten, etwa zu Rudolf Loder, Inhaber der Tailfinger Textil-Firma „Merz beim Schwanen“, der ihnen den optimalen Stoff spendierte. Bett, Kühlschrank, eine Zweitbatterie, die mittels Solarpanel geladen wird, ein Spülbecken mit 30-Liter-Wasserkanister, ein Dunstabzug, um mit dem Gaskocher auch mal drinnen kochen zu können, und sogar eine Toilette, die sich im Schrank versteckt – der Kleinbus hat es in sich.

24/7 zusammen: Ein Jahr auf engstem Raum? Für das innige Paar ist das kein Problem, wie sie fröhlich versichern: „Das sind wir durch den gemeinsamen Ausbau und in einer WG ohnehin schon lange!“ Der Ebinger arbeitet seit einigen Jahren im elterlichen Pflaster- und Wegebau-Betrieb mit, seine Freundin, die aus Streichen kommt, war bis Februar Schreinerin in Rottweil und hat seither in Pfeffingen halbtags gearbeitet, um den Ausbau zu schultern. „Zwischen uns ist es super-unkompliziert!“ betonen die beiden, die auch die Freude an vegetarischem Essen und am Bouldern verbindet, und sie freuen sich riesig auf die Reise zu zweit.

Ungefähre Ziele: Spanien ist das erste Ziel des Paares – aber konkreter wollen sich die beiden noch nicht festlegen: „Ein Freund hat einen Hof mit Pferden in Portugal am Meer“, und auch in England und Kroatien haben die beiden Bekannte, die sie besuchen wollen, wobei sie vorwiegend in ländlichen Gefilden bleiben wollen, auch um Arbeit als Handwerker zu finden.

Work & Travel mal anders: „Wir haben ein Kleinunternehmen gegründet, um im Ausland arbeiten zu können“, erklärt Braun, der auch schon im Garten- und im Metallbau gearbeitet und wie seine Freundin viel handwerkliche Erfahrung hat. Mit Englisch und Französisch hoffen sie, gut durchzukommen, und sind zu Übersetzungszwecken auch mal bereit, das Smartphone zu Hilfe zu nehmen.

Reisen wie 1977: Beim Reisen wollen die beiden auf das Handy als Navigationsgerät verzichten, mit Straßenkarten ihren Weg finden und ihr Reisetagebuch auf Papier führen, ganz wie 1977 Auf Instagram werden sie weniger posten.

Was steckt im Gepäck? „Zwar sind 1000 Kilogramm Zuladung zugelassen, aber das Auto hat nur 45 PS“, deshalb müssen Kilian Braun und Laurie Eder Gepäck sparen: Bettzeug, Sportsachen, einen kleinen Satz Wäsche und Socken, das Nötigste an Klamotten – und Werkzeug samt Reparaturanleitung fürs Auto, das muss drin sein. „Wäsche waschen und duschen können wir im Auto nicht, aber es gibt ja Waschsalons und Schwimmbäder – und bei Arbeitgebern geht das sicher auch mal“, hoffen die beiden.

Kurz vor dem Start: Mit Winterreifen auf dem Wagen starten die beiden Anfang November und haben zuvor schon Probetouren, etwa nach Wannweil, gemacht, um den Kleinbus, der seit 21. Oktober zugelassen ist, zu testen. „Die Kinderkrankheiten bekommen wir noch in den Griff“, sind sie sich sicher – noch nicht aber darüber, wann sie zurückkehren werden. „Es kann sein nach ein paar Monaten“, sagt Kilian Braun. „Es kann aber auch sein, dass es uns so gut gefällt, dass wir länger als ein Jahr unterwegs sein werden.“

In jedem Fall aber wird ihr knuffiger Kleinbus, fast so alt wie die beiden zusammen, Laurie Eder und Kilian Braun unvergessliche Erlebnisse ermöglichen, da sind sie sich schon jetzt ganz sicher.