Manche Menschen meiden zwanghaft Situationen, in der sie sich mit Corona oder einem anderen Virus anstecken könnten. Foto: Berg

Der Leiter der Hornberger Oberbergkliniken Andreas Wahl-Kordon hat jetzt das „Praxishandbuch Zwangsstörungen“ mit herausgegeben. Darin geht es unter anderem um die zwanghafte Sorge, sich mit einem gefährlichen Virus wie Corona zu infizieren. Im Interview berichtet er, was das bedeutet und ob bestimmte Personengruppen besonders gefährdet sind.

Hände waschen, den Herd überprüfen, nicht auf Pflasterspalten treten – was bei manchen eine harmlose Macke ist, hat sich bei anderen zu einem Zwang entwickelt. Auch die Angst, sich mit dem Corona-Virus zu infizieren, kann zu einer Zwangserkrankung führen.

 

Herr Wahl-Kordon, Corona ist vorbei, hört man vielerorts. Doch Sie haben einmal gesagt, Pandemien seien die größte globale Herausforderung der Menschheit. Was kommt denn da noch?

Pandemien gehören zu den größten Herausforderungen der Menschheit, würde ich sagen. Das hat man bei Corona gut beobachten können. Die Ausmaße waren für die meisten überraschend. Es gab kein Land, das nicht betroffen war, es gab überall Erkrankte und Tote, die Pandemie hatte Auswirkungen auf den Alltag, es gab Schließungen von Schulen bis zu Geschäften. Das war eine globale Krise, die so immer wieder passieren kann. Epidemie und Pandemien, die lokal zwar begrenzter waren, gab es schon in der Vergangenheit: die Vogel-Grippe, Ebola, die Pest... Bei den Corona-, Vogelgrippe- und Ebola-Viren ist ein großer Risikofaktor die Mutation bei Tieren und Menschen in der Wechselwirkung. Das macht das Ganze so gefährlich.

Ist das den Menschen bewusst?

Ich glaube, das Bewusstsein, dass uns so etwas wieder einholen kann, ist nicht so verbreitet. Ein Stück weit kann ich das verstehen. Es ist sinnvoll, dass man sich als Normalsterblicher nicht ständig mit Krankheiten oder Pandemien befasst. Der Einzelne kann das letztlich auch nicht beeinflussen, wie auch? Dass man sich nicht ständig damit beschäftigt, ist eher gesund. Es bringt ja nichts.

Sind Menschen, die an Zwangsstörungen erkranken, die, die so einen Schutzmechanismus nicht haben?

Tatsächlich muss man festhalten, dass es eine Zunahme von Neuerkrankungen mit Zwangsstörungen unter der Pandemie nicht gegeben hat. Das lässt sich nicht nachweisen. Auch bei früheren Pandemien gab es keinen solchen Effekt. Auch bei HIV in den 80er-Jahren gab es eine Pandemie und da war so etwas nicht zu beobachten. Die thematische Ausgestaltung ist durch HIV beeinflusst worden und so ist es mit Corona auch.

Was heißt das konkret?

Bei Zwangserkrankungen geht es ja oft um bestimmte Zwangsgedanken und -befürchtungen. Häufige Gedanken sind „ich könnte mich anstecken oder kontaminieren, ich muss mich deshalb waschen und schützen“. Es werden Situationen vermieden, in denen man sich anstecken könnte. Oder es geht um Kontrollzwänge, Fenster und Herde zu kontrollieren, um mal die klassischen Beispiele zu nennen. Bei dem, worum die Zwangsgedanken kreisen, ist ein Thema nun eben auch das Corona-Virus. Das betrifft aber, wie wir jetzt wissen, nicht viele oder mehr Patienten.

Gibt es Personengruppen, die besonders gefährdet sind, an Kontaminationsängsten zu leiden?

Das ist retrospektiv immer schwierig zu sagen. Aber es gibt Risikokonstellationen, die bei der Entwicklung von Zwangsstörungen eine Rolle spielen. Das sind Patienten, die risikoaversiv sind, also Risiken meiden, zum ängstlichen Spektrum gehören, unsicher sind, Fehler vermeiden, also perfektionistisch sind, sich nichts zu Schulden lassen kommen wollen - das sind Faktoren, die bei der Entwicklung eine Rolle spielen. Wahrscheinlich sind auch genetisch-biologische Komponenten wichtig. Es ist also ein Sammelsurium an verschiedenen Auslösefaktoren.

Andreas Wahl-Kordon Foto: privat/Felix Groteloh

Wie unterscheidet sich die Behandlung von jemanden mit Kontaminationsängsten von jemanden, der an einer anderen Zwangserkrankung leidet?

Gar nicht. Es gibt zwei wichtige Behandlungssäulen: Zum einen die Medikamente, vor allem anti-depressive Medikamente. Die wichtigste Säule, der Goldstandard, sind die therapeutischen Verfahren. Diese erzielen die besten sowie nachhaltigsten Therapieeffekte. Das ist vor allem die kognitive Verhaltenstherapie mit dem Kernelement der Reizkonfrontation oder Expositionstherapie. Das Ziel ist, dass der Patient sich mit dem vermeintlich gefährlichen, zwangsauslösenden Situationen begibt, ohne die Zwangshandlung auszuführen wie Händewaschen oder Kontrollieren, sondern die Angst auszuhalten und zu lernen, dass die Angst und der Drang mit der Zeit nachlässt, wenn sie dem Drang nicht nachgeben. Sie lernen, sich gesund und angemessen zu verhalten.

Wie sieht das bei jemanden, der an einer Corona-Kontaminationsangst leidet, aus? Wo wird so jemand mit seiner Angst konfrontiert?

Das ist eine schwierige Frage, gerade unter Pandemie-Bedingungen und den Anforderungen, sich schützen zu müssen. Wir wollen ja nicht, dass jemand erforderliche Schutzmechanismen nicht nutzt und sich ansteckt. Da geht es vielmehr darum, den gesunden Weg einzuschlagen. Wenn es eine Maskenpflicht gibt, wird eine Maske getragen. Gleichzeitig gab es viele, die soziale Situationen und Begegnungen an sich vermieden haben. Sie sind gar nicht mehr raus gegangen – was in einer Phase ja auch erfordert wurde. Insgesamt müssen wir ja doch maßnahmenkonform arbeiten. Es geht eher darum sich so zu verhalten, wie wir uns alle verhalten haben. Natürlich haben wir auch viele Menschen gesehen, die übervorsichtig waren, aber das heißt nicht unbedingt, dass diese unter Zwang handeln.

Was könnte man präventiv gegen eine Kontaminationsangst tun?

Prävention im Sinne davon, dass erst gar keine Angst aufkommt, ist nicht möglich, denke ich. Man kann eher im Sinne einer Frühprävention und Intervention agieren. Oft wird die Erkrankung, unabhängig von einer Pandemie, lange verheimlicht und tabuisiert. Es ist etwas, das die Betroffenen jahrelang haben und was erst spät von außen erkennt wird. Die Patienten verstecken und verheimlichen, befürchten, für verrückt gehalten zu werden. Da wäre ein Ansatz: Unterstützung und Hilfen zu vermitteln, über Symptome aufklären. Das ist ganz schwierig, weil es so tabuisiert wird. Das ist bei anderen psychischen Erkrankungen wie zum Beispiel ADHS ganz anders. Das ist offensichtlich, die fallen auf. Die Schüchternen und Ängstlichen, die auch Probleme haben, erhalten oft ganz wenig Unterstützung. Frühintervention ist also ein ganz schwieriges Thema, aber ein sehr lohnenswertes.

Das Buch

Andreas Wahl-Kordon hat an dem Buch „Praxishandbuch Zwangsstörungen“ mitgearbeitet, das vor zwei Monaten erschienen ist. Es setzt sich mit Fragen wie „Wie behandle ich Zwangsstörungen optimal und evidenzbasiert? Welche Methoden der Psychotherapie helfen, wann ist Pharmakotherapie empfohlen? Welche weiteren Therapiemöglichkeiten gibt es?“ auseinander. Es will von den verschiedenen Formen der Zwangsstörungen über Diagnostik und Epidemiologie bis zu den therapeutischen Optionen einen thematischen Überblick geben.