Ein Wirtschaftshistoriker beschäftigt sich mit Zwangsarbeit in Blumberg. Ein Anruf aus Australien brachte das Projekt ins Rollen.
Die Entwicklung der heutigen Stadt Blumberg in den vergangenen rund 140 Jahren wurde auch durch zwei Militärprojekte geprägt.
Der aus strategischen Gründen erfolgte Bau der Kanonenbahn von 1887 bis 1890, im Volksmund Sauschwänzlebahn genannt, sollte Kriegsgerät und deutsche Soldaten auf deutschem Gebiet bis in die Nähe von Belfort im Elsass transportieren können. Er brachte viele italienische Arbeiter in die Wutach-Region und in die Eichbergstadt, mit Nachkommen bis in die heutige Zeit.
Das zweite Militärprojekt war die 1934 von den Nationalsozialisten angeordnete Wiederaufnahme des Doggererzabbaus im Raum Blumberg bis 1942, der rund 250 Jahre zuvor mangels Rentabilität eingestellt worden war. Die Nazis brauchten das Erz für die Kriegsindustrie. Dies bedingte den Zuzug von vielen Arbeitern, die Einwohnerzahl verzehnfachte sich auf 7000, es war Blumbergs Weg vom Dorf zu einer Stadt.
Weniger in der öffentlichen Diskussion war das Thema Zwangsarbeit in Blumberg unter den Nationalsozialisten. Der Wirtschaftshistoriker Wolf-Ingo Seidelmann hat dieses Thema nun erforscht. Seine Ergebnisse referiert Seidelmann am Samstag, 14. März, in Blumberg im Städtlesaal bei einer öffentlichen Tagung unter dem Titel „Fluchtpunkt Schweiz – Formen und Ende der Zwangsarbeit in Blumberg von 1940 bis 1945“.
Nachfahren bei Tagung
Bei der Tagung werden auch drei Nachfahren von den damaligen Zwangsarbeitern anwesend sein. Der Schweizer Forscher Guido Goller aus Biel zeigt Fotos von in die Schweiz geflüchteten Zwangsarbeitern. Der Blumberger Geschichts- und Heimatverein Wurzelsucher zeigt zudem eine Fotoausstellung über Blumberg in den 1940er-Jahren.
Die Veranstaltung wird gefördert von der Stadt Blumberg, der Dr.-Fritz-Reimnitz-Stiftung, der Firma Straub Verpackungen, der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg und dem Fürstenberg-Gymnasium Donaueschingen.
Mehrfach mit Geschichte während des Nationalsozialismus beschäftigt
Wolf-Ingo Seidelmann hat sich schon mehrfach mit der Blumberger Geschichte während des Nationalsozialismus beschäftigt. Vor zehn Jahren erschien dazu sein Buch „Eisen schaffen für das kämpfende Heer“. Das jetzige Thema Zwangsarbeit begann für ihn vor einem Jahr mit einem Anruf aus Australien. Dianne Cornell, Tochter der ehemaligen Blumberger Zwangsarbeiterin Barbara Bartkowska, war auf der Suche nach Spuren ihrer Mutter in Blumberg. Sie hatte im Rathaus angerufen und seine Telefonnummer bekommen.
Über sie erhielt Seidelmann mehrere Berichte ehemaliger Zwangsarbeiterinnen, für ihn Ausgangspunkt zu weiteren Forschungen. Die Zwangsarbeiterinnen waren 1944 in die Schweiz geflüchtet. Über das Schweizer Bundesarchiv konnte Seidelmann weitere Namen ausfindig machen, sodass er am Ende einen Überblick über das Schicksal von rund zwei Dutzend ehemaliger Zwangsarbeiter gewinnen konnte. „Auf diese Weise haben wir erstmals nähere Kenntnisse über die Behandlung von Zwangsarbeitern in Blumberg gewinnen können.“
Keine Überlieferungen
Es gab keine Überlieferungen. Die Stadt Blumberg habe, wie viele andere Orte, kurz nach dem Krieg ihre Ausländerakten vernichtet. Nach Seidelmanns Einschätzung gab es im Raum Blumberg etliche Hundert Zwangsarbeiter. Am besten ging es den Zwangsarbeitern in der Landwirtschaft, deren Zahl wohl im niedrigen vierstelligen Bereich liege. Sie durften auch am Tisch mitessen.
Schlimm erging es dagegen den Zwangsarbeitern in den großen Firmen, in der Doggererz AG und in der Rüstungsfirma Walter Kopperschmidt, die 1942 von Hamburg nach Blumberg umgesiedelt wurde. Bis zu 1400 Beschäftigte stellten Plexiglas-Kanzeln für Flugzeuge und U-Boote her, darunter circa 400 Zwangsarbeitende, davon etwa 100 Frauen, unter ihnen Barbara Bartkowska. „Da gab es teilweise Sadisten, denen war es egal, was mit den Zwangsarbeitern geschah. Eine Frau wurde mit dem Ochsenziemer geschlagen“, erklärt Seidelmann.
Wunsch nach Denktafel
Die Tagung am 14. März haben der Baarverein und der Blumberger Geschichtsverein organisiert. Friedemann Kawohl, Vorsitzender des Baarvereins, ist schon gespannt. „Interessant ist, dass wir die Nachkommen der ehemaligen Zwangsarbeiter zu Gast haben, die uns aus ihren Familiengeschichten berichten können.“
Autor Wolf-Ingo Seidelmann äußert einen Wunsch: „In Blumberg gibt es über die Zwangsarbeit bisher keine Erinnerung. Vielleicht könnte man hier ein Zeichen setzen.“ Zum Beispiel eine Gedenktafel.
Programm und Anmeldung
Der Ablauf
Die Tagung „Fluchtpunkt Schweiz“ ist am Samstag, 14. März, im Blumberger Städtlesaal. Sie beginnt um 10 Uhr, nach einem letzten Kaffeetrinken um 15.30 Uhr gibt es eine gemeinsame Fahrt zum Ort des ehemaligen Lagers. Wolf-Ingo Seidelmann referiert über seine Forschungsergebnisse, er moderiert auch ein Gespräch mit drei Nachfahren von ehemaligen Zwangsarbeitern: Dianne Cornell, Fabienne Jung-Beer und Wanda Schmid. Guido Koller aus Biel in der Schweiz berichtet über die Aufnahme von geflüchteten Zwangsarbeitern in der Schweiz. Über Zwangsarbeit in der Region unter den Nazis spricht Florian Kemmelmeier aus Villingen-Schwenningen. Zwangsarbeit in Furtwangen sowie eine virtuelle Stadtführung mit der App Futurehistory thematisiert Johannes Graf vom Deutschen Uhrenmuseum. Eine Anmeldungen bis Montag, 9. März, unter E-Mail info@baarverein.de ist erwünscht. Die Tagungsgebühr für Vorträge, Essen und Trinken beträgt 25 Euro und ist am Eingang zu entrichten.