Die 83-jährige Helga Vetter in Blumberg hat auf dem Lagerfoto ihren Vater wiedererkannt, der im Januar 1945 bei einem Fliegerangriff ums Leben kam. Foto: Bernhard Lutz

Helga Vetter konnte es bei der Zeitungslektüre nicht fassen: Sie entdeckte eine Abbildung ihres Vaters. Über ihre Gefühlsaufwallung und eine traurige Familiengeschichte.

Die Tagung über Zwangsarbeit in Blumberg von 1940 bis 1945 am 14. März zeigt große Resonanz. Unser Vorbericht „Stadt schlägt dunkles Kapitel der Geschichte auf“ weckt Erinnerungen. Ganz intensiv bei der 83-jährigen Helga Vetter.

 

Sie ist sich ziemlich sicher, auf dem Foto mit dem Lager ihren Vater zu erkennen, der im Januar 1945 ums Leben kam. Damals war sie kaum drei Jahre alt.

Helga Vetters Vater Karl Groß war aber keiner der Zwangsarbeiter, die im Zuge des Doggererzabbaus ab 1935 nach Blumberg kamen. Karl Groß war ein Bergmann, der Ende der 1930er-Jahre von sich aus nach Blumberg kam, um beim Doggererzabbau zu arbeiten. Der 1903 geborene Vater hatte zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Schicksalsschläge zu verkraften. Aufgewachsen in Wahnwegen bei Kusel in der Pfalz, war er dort kurz verheiratet, als er bemerkte, dass seine Frau ihn betrog und sich deshalb scheiden ließ.

An die Zeit des Doggererzabbaus in Blumberg von 1935 bis 1942 erinnert dieses Denkmal an der Ecke Tevesstraße/Bergmannstraße. Im Volksmund heißt es der „Schwarze Mann“. Foto: Bernhard Lutz

Im schwäbischen Geislingen an der Steige lernte er die ein Jahr ältere Johanna Herrlinger kennen und lieben. 1937 kam ihre Tochter zur Welt, die sie nach ihrer Mutter ebenfalls Johanna nannten. Karl wollte Johanna heiraten, doch die schwäbische Familie lehnte diese Heirat ab. Mit gebrochenem Herzen verließ Karl Groß Geislingen, ohne der Mutter seines Kindes zu sagen, wohin er gehe.

Jahre vergingen, doch Johannas Liebe zu Karl Groß blieb. So um 1940/41 hörte sie von einem Kameraden von Karl Groß, dass dieser in Blumberg war. Mit ihrer Tochter reiste sie nach Blumberg, fand Karl Groß und sie versöhnten sich. Am 31. Mai 1941 heirateten sie standesamtlich in Blumberg. Standesbeamter war Bürgermeister Theodor Schmid. Ein Jahr später wurde ihre zweite Tochter Helga geboren. Doch das wiedergefundene Familienglück währte nicht lange.

Neben dem „Schwarzen Mann“, dem Denkmal für den Erzabbau in Blumberg, hängt diese Gedenktafel, gefertigt aus Blumberger Doggererz. Sie nennt alle drei Phasen des Blumberger Doggererzabbaus. Foto: Bernhard Lutz

Karl Groß kam zur Wehrmacht nach Herdorf im Sauerland. Dort kam er am 2. Januar 1945 bei einem Fliegerangriff tragisch ums Leben. Mit Kameraden spielte er Karten als die Sirene ertönte. Karl Groß verließ als einziger die Runde, um im Bunker Schutz zu suchen, mit der Begründung, er habe Frau und Kinder.

Auf dem Weg dorthin wurde er von den Trümmern der Kirche erschlagen, die von einer Bombe getroffen wurde. Die anderen Kartenspieler blieben alle unversehrt.

Wiedergefundene Liebe wieder zerstört

Helga Vetter berichtet, ihre Mutter sei zeitlebens darüber verbittert gewesen, dass ihre wiedergefundene Liebe nach so kurzer Zeit wieder zerstört wurde. Von ihrem Vater habe ihre Mutter nie erzählt.

Sie zeigt einen Brief von Karl Groß an seine Schwester, der auf den 29. Oktober 1942 datiert ist. Auf dem Wohnzimmertisch liegen das Familienstammbuch, der Personalausweis ihrer Mutter und ein Porträtfoto ihres Vaters. Das Porträt hat eine große Ähnlichkeit mit dem dritten Mann auf dem veröffentlichten Lagerfoto.

Helga Vetter in Blumberg zeigt den Personalausweis ihrer Mutter mit einem Bild ihres Vaters. Foto: Bernhard Lutz

Das Lagerfoto habe sie sehr berührt, sagt Helga Vetter. Mehr über ihren Vater habe sie von ihrer inzwischen verstorbenen Schwester und von seinen Verwandten in der Pfalz erfahren. Immer wieder sei sie in die Pfalz gefahren und habe sich dort wohlgefühlt. Die Mutter, die noch 13 Geschwister hatte, fuhr mit den Töchtern auch immer wieder nach Geislingen. Jahrelang kam es mit den Cousinen (Bäsle) dort zu „Bäsletreffen“ mit bis zu 70 Personen.

In Blumberg haben viele Menschen Helga Vetter und ihre Frohnatur erlebt. Mit ihrem Mann Erwin Vetter, den sie mit 15 kennenlernte, hat sie fünf Kinder, elf Enkel und drei Urenkel, noch dieses Jahr werden zwei weitere Urenkel das Licht der Welt erblicken.

Im Blumberger Stadtleben hat Helga Vetters Familie vielfältig gewirkt. Sie selbst leitete 27 Jahre die DRK-Seniorengymnastik, bei der Frauenfastnacht der katholischen Frauengemeinschaft war sie in der Bütt mit ihrem Witz und Knitz viele Jahre ein Höhepunkt.

Die Tagung

Fluchtpunkt Schweiz:
Die Tagung „Fluchtpunkt Schweiz – Formen und Ende der Zwangsarbeit in Blumberg von 1940 bis 1945“ ist am Samstag, 14. März, im Blumberger Städtlesaal. Sie beginnt um 10 Uhr. Nach einem letzten Kaffee um 15.30 Uhr gibt es eine gemeinsame Fahrt zum Ort des ehemaligen Lagers. Wolf-Ingo Seidelmann referiert seine Forschungsergebnisse, er moderiert auch ein Gespräch mit drei Nachfahren von ehemaligen Zwangsarbeitern: Dianne Cornell, Fabienne Jung-Beer und Wanda Schmid. Guido Koller aus Biel in der Schweiz berichtet über die Aufnahme von geflüchteten Zwangsarbeitern in der Schweiz. Über Zwangsarbeit in der Region unter den Nazis spricht Florian Kemmelmeier aus Villingen-Schwenningen. Zwangsarbeit in Furtwangen sowie eine virtuelle Stadtführung mit der App Futurehistory thematisiert Johannes Graf vom Deutschen Uhrenmuseum. Es wird um Anmeldungen bis Montag, 9. März, unter info@baarverein.de, gebeten. Die Tagungsgebühr für Vorträge, Essen und Trinken beträgt 25 Euro und ist am Eingang zu entrichten.