Jamie ist 16 Jahre alt – sie leidet an vielen gesundheitlichen Problemen. Foto: Holderied

Auf dem Hochdorfer Gnadenhof gibt es zwei neue Bewohnerinnen. Kamel Jamie ist vor einigen Wochen mit Mutter Bora eingezogen. Die beiden Tiere haben eine bewegte Vergangenheit hinter sich.

900 Kilogramm schwer und sanftmütig – die Rede ist von Kamelen. Und wo wären die feinfühligen Wesen besser aufgehoben als bei der liebevoll „Kameldoc“ genannten Barbara Münchau? Sie war die erste Zootierärztin und zugleich die erste Zoodirektorin im deutschsprachigen Raum.

 

Seit einigen Wochen hat ihre Jugend- und Tierfarm „Arche Hochdorf“ Zuwachs bekommen: Die Trampeltiere – zweihöckrige Kamele – Bora und ihre Tochter Jamie sind auf dem Hof eingezogen.

Kamele waren ursprünglich in Privatbesitz

Bora und ihr Nachwuchs haben schon ein bewegtes und teils schweres Leben hinter sich. Elf Jahre lebten sie gemeinsam in Privatbesitz. Aufgrund falscher Haltung und Ernährung wurden die Tiere immer kränker, ihr Zustand immer schlechter. Die Wende kam, als sie schließlich auf einen Schweizer Gnadenhof gebracht wurden. Dort wurden die beiden liebevoll und endlich fachgerecht versorgt - fünf Jahre waren sie dort zuhause.

Siran verstarb im Juni 2024. Foto: Münchau

Die Kamelstute Jamie ist ein Inzucht-Tier: Mama Bora wurde wohl von ihrem eigenen Vater gedeckt. Und darüber hinaus viel zu früh: „Bora ist schon mit zwei Jahren Mutter geworden, was in der Kamelwelt völlig unnormal ist. Da ist man ja selbst noch ein Fohlen“, kritisiert Münchau. Glücklicherweise seien die Tiere sonst nicht misshandelt worden.

Durch die Inzucht und die schlechte Haltung im Privatbesitz hat Jamie körperlich starke Einschränkungen. So blieb sie recht klein, neben Hängehöckern und Gelenkproblemen leidet sie an deformierten Füßen, die ihr das Laufen erschweren. „Alles Schlechte wurde eben mitvererbt“, sagt Münchau mit spürbarem Mitgefühl. 

Neue EU-Richtlinien verhindern die Einreise

Auf dem Schweizer Gnadenhof bekam Jamie liebevolle Zuwendung, aber in der Kamelgruppe hatte sie einen schweren Stand: „Die kleine Jamie war auf dem Gnadenhof in der Schweiz immer im Abseits, weil sie von den Großen gemobbt wurde", erzählt Münchau. Deshalb wünschte sich der Gnadenhof ein neues Zuhause für Bora und Jamie, das quasi "behindertengerecht" war - und fanden es in Hochdorf.

Dort war Kamel-Wallach Siran in Hochdorf allein zurückgeblieben, nachdem seine beiden Gruppengefährtinnen verstorben waren. Isa starb 2016, Anuschka folgte sechs Jahre später  – sie litt an einer Krebserkrankung. Deshalb suchten Münchau und ihr Mann Klaus Kohm direkt nach neuer Gesellschaft für das Herdentier und fanden so Bora und Jamie.

Kurzzeitig eingeführte EU-Richtlinien zur Tuberkulose-Überwachung bei Ziegen, Hirschen und Kameliden – also Groß- und Kleinkamele – verhinderten zunächst, dass Bora und Jamie ein neues Zuhause in Hochdorf finden konnten. Münchau und ihr Mann hatten die Hoffnung bereits aufgegeben.

Siran konnten Bora und Jamie deswegen nicht mehr kennenlernen. Im Juni 2024 starb auch er an Krebs.„Wir waren sehr traurig und hatten uns damit abgefunden, dass wir keine Trampeltiere mehr halten würden“,erinnert Münchau sich. Vorher erhielt er viel Zuwendung und freundete sich mit den Lamas im Nachbarstall an.

Barbara Münchau sorgt sich um die Zukunft des Tierschutzes

Doch im März dieses Jahres kam der unerwartete Anruf aus der Schweiz: Jamie und Bora durften nach Deutschland einreisen. Sofort machten sich Münchau und Kohm auf den Weg, um die Tiere zu besuchen und ihre Eignung für den Umgang mit Kindern zu prüfen.

Das Trampeltier Jamie war bei seiner Ankunft noch etwas vorsichtig. Foto: Münchau

Inzwischen haben sich die beiden Trampeltiere gut eingelebt. Die pensionierte Zoodirektorin ist überzeugt, beiden – vor allem der jüngeren Jamie – mit der richtigen Pflege ein schönes Leben ermöglichen zu können.

Die Tiermedizinerin engagiert sich seit vielen Jahren für den Tierschutz. Lebenshilfe, Kinderprogramme und diakonische Arbeit gehören seither zu den Bereichen, in denen sie Menschen mit Hilfe ihrer Tiere unterstützt.

Dennoch macht sich Barbara Münchau über den Tierschutz in den kommenden Jahren sorgen „Behörden zahlen keine Zuschüsse. Ehrenamtliche müssen die Kosten für die Haltung selbst tragen und diese sind auch noch fast doppelt so teuer wie vor einigen Jahren. Tierschutz ist also fast nicht mehr bezahlbar“, warnt die Tiermedizinerin.

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version dieses Artikels hieß es, Bora und Jamie seien in schlechtem Zustand nach Hochdorf gekommen. Dies ist falsch. Sie kamen in schlechtem Zustand auf den Schweizer Gnadenhof, wo sie fünf Jahre lang gut versorgt wurden. Wir haben die entsprechende Stelle korrigiert.