Fritz Baur erinnert sich: „Explosionen trieben uns in den Keller.“ Foto: Hannes Kuhnert

Am 16. April jährt sich die Zerstörung Freudenstadts zum 80. Mal. Stadt und Bündnis für Demokratie und Menschenrechte haben dazu ein großes Veranstaltungsprogramm zusammengestellt. Dabei sollen auch Zeitzeugen zu Wort kommen, darunter Fritz Baur.

Fritz Baur, ehemals Bäckermeister, ist 91 Jahre alt. Bereits in Ruhestand, hatte er sich im Jahr 2012 hingesetzt, „und den Versuch unternommen, für die nachfolgenden Generationen unsere Familiengeschichte aus meiner Sicht nahe zu bringen“, wie er damals in sauberer Handschrift in eine Kladde schrieb.

 

Der Angriff auf Freudenstadt, die Kriegsjahre zuvor und danach nehmen viel Raum in seinen Erinnerungen ein. Wir zitieren daraus nachstehend einige Abschnitte. Es sind Erinnerungen aus schlimmen Jugendjahren. Fritz Baur war damals elf Jahre alt.

„Anfangs April 1945 kamen die amerikanischen und französischen Truppen immer näher. In der Schule gab es oft Fliegeralarm und wir mussten geschlossen in Dreierreihen in den Keller marschieren, man sah hunderte von Bombern am hellen Tag.“

Der 16. April „Am 16. April war es dann soweit. Um 14.30 Uhr begann der Artilleriebeschuss der Stadt. Ein Pfeifen und eine Explosion trieben uns in unseren Keller. Es begann nun ein mehr als einstündiges Trommelfeuer. Ohne Pause hörte man Granateneinschläge, besonders laut, wenn es den Kirchturm traf. Es war eine unheimliche Stille im engen Keller. Er hatte keinen direkten Ausgang ins Freie, er hätte leicht verschüttet werden können. Das Schlimmste war, dass man im Ungewissen war, was über unseren Köpfen passiert. Mein Vater versuchte vergeblich, nachzuschauen, doch sobald er die Kellertür öffnete, regnete es Glassplitter, Staub und Dreck. Wir mussten untätig ausharren, bis der fürchterliche Krach der Granaten, das Pfeifen und Heulen der Geschosse aufhört.“

Das Feuer Und weiter schreibt er: „Um etwa 15.30 Uhr trat eine gespenstische Stille ein. Mein Vater verließ als erster den Keller. In der Backstube traf er den reinsten Horror an. Das Eckhaus hinter der Kirche brannte, ein paar Männer mit einem Feuerwehrschlauch versuchten, das Übergreifen der Flammen auf die angrenzenden Häuser zu verhindern. Es war hoffnungslos, denn wegen eines Volltreffers in der Höhe des Postamts war die Hauptwasserleitung zerstört. Wir mussten den Keller so schnell wie möglich verlassen, denn der Brand kam immer näher und unser Haus war nicht mehr zu retten.“

Nach Artilleriebeschuss völlig zerstört: Freudenstadt im April des Jahres 1945. Foto: Heimat- und Museumsverein

In den folgenden Zeilen schildert Baur, wie sein Vater mit seiner Frau, den drei Töchtern und dem Schwesterchen Erika im Wäschekorb zu „Oma Vögele“ in die Musbacher Straße flüchtete und dort „überfallartig“ den Wagen ablud. Fritz Baur, sein Bruder Hermann und ein Bäckergeselle hatten derweilen den Auftrag, „alles, was brauchbar war, aus dem Keller und dem Haus zu tragen. Bettzeug, Matratzen, Brot und Lebensmittel wurden auf die Wiese vor die Kirche gelegt“.

Die brennende Kirche Die zweite Fuhre mit dem vom Vater handgezogenen Pritschenwagen wurde so hoch beladen, dass Bruder Hermann und der Geselle die Ladung seitlich stützen mussten. Weiter Fritz Baur in seinen Erinnerungen: „Es war aber immer noch reichlich Zeug zu bewachen und ich musste wieder da bleiben und darauf aufpassen. So saß ich in der etwa anderthalbstündigen Feuerpause da und betrachtete das Schauspiel der brennenden Kirche. Aus beiden Türmen schlugen Flammen heraus und das Dach, das vollständig aus Holz gebaut war, stürzte nach einiger Zeit unter fürchterlichem Krachen in das Kirchenschiff. Eigentlich war es für einen elfjährigen Jungen ein überwältigendes Erlebnis. Ich erinnere mich nicht mehr an besondere Angstgefühle, nur an den Anblick der Flammen, die vom Wind angefacht bis zu zehn Meter hoch loderten, ein Prasseln und Fauchen, ich habe es wohl wie Kino empfunden...“

Bis in die Abendstunden Der Beschuss der Stadt ging bis in die Abendstunden weiter. Fritz Baur erinnert sich: „Als eine Granate etwa in Höhe des Gasthauses „Ochsen“ (heute „Zum Speckwirt“) explodierte, rannte ich so schnell ich konnte in Richtung Musbacher Straße. Ich kam bis etwa Friseur Wölper, als wieder ein Pfeifen und fast gleichzeitig das Krachen des Einschlags zu hören war. Die nächste Granate kam angerauscht, als ich auf Höhe der heutigen Kreissparkasse ankam. Wieder der Sprung in einen Hauseingang, danach der Endspurt zu Oma Vögeles Haus, wo alle schon wieder im Keller saßen...“

Wunder von Freudenstadt Soweit die Erinnerungen an die Zerstörung Freudenstadts am 16. April 1945. Dabei brannte auch Baurs elterliches Haus mit Bäckerei in der Alfredstraße 36 völlig ab. Es sollte eines der ersten Häuser sein, die im „Wunder von Freudenstadt“ Anfang der 50er-Jahre wieder aufgebaut und bezogen wurden.

Zur Person

Fritz Baur
wurde am 22. November 1933 in Freudenstadt geboren. Seine Eltern betrieben eine Bäckerei in der Alfredstraße 36. Nach der mittleren Reife absolvierte Baur eine Bäckerlehre im elterlichen Betrieb, arbeitete dort und zeitweise in Stuttgart und übernahm mit seiner Frau Monika 1971 die Bäckerei. Fritz Baur ist Vater von zwei Kindern und Großvater von fünf Enkelkindern. Seine Frau Monika starb nach langer Krankheit im Jahr 1999. Baur ist seit jungen Jahren vielseitig interessiert, belesen und reiselustig soweit ihm das sein Beruf erlaubte. Als begeisterter Bücherfreund war er bis zum 85. Lebensjahr Lesepate zur Förderung von leseschwachen Kindern an der Christopherus-Schule. Heute versorgt er sich weitgehend selbstständig in seiner Wohnung am Marktplatz und nimmt regen Anteil am politischen und gesellschaftlichen Leben seiner Umgebung. Freudenstadt befand sich noch in den Aufbauwochen zu Beginn der 50er-Jahre, da war Fritz Baur schon einer der ersten Auslandshandwerker im Lande. Durch die Vermittlung eines Kurgasts wurde es ihm 1954 ermöglicht, in einer Bäckerei in Longwy im Dreiländereck von Belgien, Frankreich und Luxemburg zu arbeiten. Vorausgegangen war ein langer Papierkrieg, in den selbst das französische Arbeitsministerium involviert war. Nach gut einjährigem Aufenthalt in Frankreich kehrte Baur zurück in den elterlichen Betrieb.