Alarm! Die Wächter blasen in ihre Hörner. Foto: Peter Petsch

Am Dreikönigstag hat sich sich in Weil der Stadt bereits zum zweiten Mal die Zunft der baden-württembergischen Nacht- wächter und Türmer getroffen. Mit Willi Bothner wurde ein Neuling aufgenommen. Er lächelt künftig über den Dächern der einstigen freien Reichsstadt.

Am Dreikönigstag hat sich sich in Weil der Stadt bereits zum zweiten Mal die Zunft der baden-württembergischen Nachtwächter und Türmer getroffen. Mit Willi Bothner wurde ein Neuling aufgenommen. Er lächelt künftig über den Dächern der einstigen freien Reichsstadt.

Weil der Stadt - „Hört ihr Leut’ und lasst euch sagen, so tönt es in dunkler Nacht. Hat die Glocke acht geschlagen, tritt der Wächter an zur Wacht. In den Städten, in den Dörfern können Menschen friedlich ruhn, weil wir Wächter und wir Türmer unsern treuen Dienst jetzt tun.“ Während der Dreikönigsmesse in der Weil der Städter St. Peter und Paul Kirche singen die Mitglieder derbaden-Württembergischen Nachtwächter- und Türmerzunft lautstark ihre Hymne.

Nach der Messe verlassen sie in einem feierlichen Auszug das Gotteshaus und posieren vor einer Reihe von Fotografen, die sich das Spektakel nicht entgehen lassen wollen. 24 Türmer sind am Dreikönigstag zum 12. Treffen ihrer Zunft nach Weil der Stadt gekommen. Hauptsächlich ältere Männer, mit buschigen weißen Bärten, die in ihren Gewändern und mit den schweren Laternen aussehen, als seien sie einer ganz anderen Zeit entsprungen. Die Nachtwächter stellen sich zum Spalier am Kirchenausgang auf und blasen in ihre Hörner. Die schwarze Tracht, samt Filzhut und Hellebarden lässt sie finster wirken.

Natürlich sind Nachtwächter überhaupt nicht gefährlich. Ihre ursprüngliche Auf-gabe war es schließlich, die Bewohner der Städte vor Gefahren zu schützen, erklärt Gerd Diebold, einer der Nachtwächter aus Weil der Stadt. „Seit dem 13. Jahrhundert gab es Nachtwächter in Weil der Stadt“,sagt er. Wenn der Türmer, so etwas wie der Chef der Wächter, von seinem hohen Aussichtspunkt aus eine Gefahr sah, alarmierte er die Wächter, die mit ihren Hörnern Alarm schlugen“, erzählt Diebold und stützt sich dabei auf seine Hellebarde, die nicht nur täuschend echt aussieht, sondern sich gefährlich scharf anfühlt. Diebold mahnt zur Vorsicht mit der Waffe: „Wemmer will, dann kammer scho“, sagt er.

Vor zwölf Jahren trat der heute 74 Jahre alte Rentner auf einem Treffen des Weiler Heimatvereins aus Jux als Nachtwächter auf. „Daraus entstand die Idee, öfters als Nachtwächter unterwegs zu sein.“ Heute sind die Nachtwächter und Türmer aber keineswegs mehr für die Sicherheit der Bürger zuständig. „Wir machen nächtliche Führungen, geben Unterricht in Schul-klassen oder führen Kinder bei Geburts-tagen durch die Stadt“, sagt Diebold. Pro Jahr kommt er auf 17 Führungen und etwa 30 weitere Veranstaltungen. Klar, dass der Nachtwächter einiges an geschichtlichem Wissen parat haben, denn nette Anekdoten gehören zum Auftritt dazu. Er weiß etwa, dass jeder Bürger im Mittelalter dazu verpflichtet war, zwei Ledereimer zu besitzen, die jeweils einen Wert von 22 Hühnern hatten. Schlug der Nachtwächter Feueralarm, mussten alle mithelfen, um das betroffene Haus zu löschen.

Früher gab es Nachtwächter in allen größeren Städten. Heute sind 32 Nachtwächter und Türmer aus 15 Städten Mitglied in der baden-Württembergischen Zunft. „Meist kommen sie aus ehemals Freien Reichsstädten“, sagt Diebold. „Esslingen ist aber nicht dabei. Die fühlen sich zu erhaben.“ Neben der baden-württembergischen Zunft gibt es sogar einen Verein, in dem Mitglieder aus ganz Europa vertreten sind.

Neben den Nachtwächtern hat Weil der Stadt mit Willi Bothner seit vergangenem Jahr auch wieder einen Türmer. Auf dem Zunfttreffen wird der 60-Jährige offiziell in die Zunft aufgenommen, stellt sich vor und wird in Abwesenheit von den Mitgliedern gewählt. Auch seine Aufgabe ist es, wie die der meisten anderen Türmer, Führungen anzubieten. Bothner ist für den Kirchturm der St. Peter und Paul Kirche zuständig. Vor sechs Jahren spielte er bei der Einweihung eines historischen Tors schon mal Türmer. Als er in Rente ging, entschied er sich, das Amt wieder zu bekleiden, das seit 1928 niemand in Weil der Stadt mehr innehatte.

„Der bisher letzte Türmer, August Schlutz, bekam 17 Mark im Monat. Und diesen Lohn hat mir der Bürgermeister auch versprochen, sagt Bothner und lacht. Er nimmt seine neue Bestimmung so ernst, dass er sogar mittelalterliche Geschichte an der Universität Tübingen studiert. „Donnerstag ist mein Bildungstag“, sagt er. Auch seine Hauptaufgabe ist es, Gruppen in den Turm zu führen. Er kennt sich mittlerweile genauestens aus. Auch mit der Glockenanlage: „Der Klöppel darf die Glocke nur sanft küssen, sonst reißt etwas. Da darf es kein wildes Rumgeknutsche geben, wie damals im Kino.“ Humor haben sie, die Nachtwächter und Türmer. So finster wie sie auf den ersten Blick wirken, sind sie also lange nicht.

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