Vicco von Bülow alias Loriot mit seinen Geschöpfen Foto: epd/akg-images GmbH

Vor zehn Jahren ist der Humorist Vicco von Bülow alias Loriot gestorben. Die Deutschen liebten ihn. Sein Werk ist unvergänglich.

Stuttgart - Vor zehn Jahren, am 22. August 2011, ist der Humorist Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow im Alter von 87 Jahren gestorben. Er selbst hatte seinen Namen frühzeitig eingekürzt auf Vicco von Bülow. Für die Deutschen aber war er schlicht Loriot. Man darf sagen: Sie liebten ihn. Die traurige Nachricht von seinem Tod war die Spitzenmeldung der 20-Uhr-„Tagesschau“.

 

Auch zehn Jahre später muss man nur die Titel seiner TV-Sketche nennen, um Menschen zum Losglucksen oder zumindest zum Lächeln zu bringen: Das Frühstücksei. Der Lottogewinner. Die Steinlaus. Die Jodelschule. Der Kosakenzipfel. Mutters neues Klavier. Herr Müller-Lüdenscheidt und Doktor Klöbner in der Badewanne (nebst Gummiente). Es gibt Zitate, die man völlig willkürlich in jede Unterhaltung einstreuen kann und die noch immer von den meisten sofort verstanden werden: Sagen Sie jetzt nichts, Hildegard! Ihr Hund kann ja gar nicht sprechen! Früher war mehr Lametta! Da hab ich was Eigenes! Frauen haben auch ihr Gutes! Im Grunde reichen zwei Worte, und noch immer denken Millionen Deutsche an Loriot: Ach was! Oder noch schlichter: Ach!

Nur sechs TV-Sendungen: Das ist der Kern

Loriot hat vieles gemacht: Karikaturen, Spielfilme, Kolumnen, Operneinführungen, Wum und Wendelin. Sein Opus Magnum bleibt aber die TV-Reihe „Loriot I–VI“, die von 1976 bis 1978 bei und mit Radio Bremen entstand – genau: die Sendungen mit dem schönen Sofa, in dessen einer Ecke er ebenso elegant wie leicht distinguiert seine Ein- und Überleitungen sprach.

Aus diesen sechs Folgen stammt fast der gesamte unvergängliche Loriot-Sketch-Kanon. Und hier war auch erstmals jener Film zu sehen, der im Kern das ganze Geheimnis von Loriots Humor beschreibt: „Das Bild hängt schief“.

Während Richard Wagner beim „Ring des Nibelungen“ bekanntlich vier Opernabende braucht, um die Welt in Trümmer zu legen, braucht Loriot nur dreieinhalb Minuten – und fast keine Worte. Zum Auftakt sagt Loriots kongeniale Partnerin Evelyn Hamann in der Rolle des Hausmädchens mit weißer Schürze zum Besucher des Hauses: „Nehmen Sie doch einen Augenblick Platz. Ich werde den Herrschaften Bescheid sagen.“ Sie dreht noch am Radioknopf – eine „Bolero“-ähnliche Melodie erklingt –, dann lässt sie den Besucher allein.

Das Bild hängt schief

Zurück bleibt der Gast, Loriot selbst, im brackbraunen, stark spießigen Trenchcoat und in einem äußerst üppig möblierten und dekorierten Salon. Ja, er will sich tatsächlich nur gedulden. Aber dann sieht er das Bild, das ein ganz klein wenig schief hängt. Den Rest kennt wohl jeder. Aus dem Versuch, das Bild zu richten, wird, weil in diesem Zimmer offenbar alles irgendwie mit allem zusammenhängt, ein grandioses Zerstörungswerk, in dem kein Teller und keine Tasse mehr im Wandregal bleibt. Ein Albtraum! Und ein großartiges Kunstwerk zugleich.

Die Skurrilität all unserer (klein-)bürgerlichen Selbstinszenierungen anzupiksen, zu ironisieren, aufzubrechen, das Resultat aber nie platt anzuprangern, sondern letztlich liebevoll hin- und anzunehmen, das war Loriots große Kunst. Er ermöglichte dem Betrachter etwas unglaublich Wertvolles: sich in ihm zumindest teilweise selbst zu erkennen – und über sich zu lachen. Und das war nie pädagogisch. Sondern ein Vergnügen.

Ein Klavier, ein Klavier!

Loriot lehrt uns bis heute: Offen gestanden, auch bei dir hängt das Bild ein bisschen schief. Aber lass es einfach so. Es wird schon seinen Sinn haben. Ja, liebe (wenige) Loriot-Kritiker, das ist affirmativ. Aber affirmativ auf die denkbar revolutionärste Art.

Was kann man dem noch hinzufügen? Auftritt Helga: ein Klavier, ein Klavier! – Loriot, wir danken dir!