Mit 32 bekam „Angi“ aus Rangendingen Leukämie. Heute ist sie 40 und seit sieben Jahren krebsfrei. Zum Weltkrebstag erzählt sie von ihrem Schicksal – und vom Treffen mit ihrer Spenderin.
Fast jeder zweite Mensch erkrankt in Deutschland im Laufe seines Lebens an Krebs. Das geht aus einem im Januar veröffentlichten Bericht des Robert-Koch-Instituts (RKI) hervor. Auch Angela Lachner-Wehrmann aus Rangendingen musste sich dieser Diagnose bereits stellen. Mit damals 32 Jahren erkrankte die junge Frau an akuter lymphatischer Leukämie – Blutkrebs.
„Ich habe gerade mein zweites Kind bekommen – ein Wunschkind. Wir haben ein Haus gekauft. Ich war extrem glücklich. Es war eigentlich das perfekte Leben. Und plötzlich habe ich diese Diagnose bekommen“, erinnert sich die heute 40-Jährige im Gespräch. Das perfekte Leben hat sich plötzlich zum Horror-Leben gewandelt, erzählt sie. „Und damit klarzukommen, wenn man eigentlich fit war und so ein schönes Leben hatte – das ist schon heftig.“
Damals hat sie neben ihrem Beruf als Lehrerin auch als Fitnesstrainerin gearbeitet. Nach einem Kurs wurde sie unter der Dusche gefragt, warum sie so viele blaue Flecken auf der Wade hat. „Wir haben noch Witze darüber gemacht. Aber am nächsten Tag wurde es immer schlimmer und plötzlich hatte ich die blauen Flecken auch an den Armen“, erzählt sie. Daraufhin ist sie ins Krankenhaus gegangen. „Ich wurde von manchen Leuten deswegen belächelt. Aber obwohl ich keine Schmerzen hatte, habe ich gleich gewusst, dass etwas nicht stimmt.“ Nach einigen Tests war schnell klar, dass sie richtig gehandelt hatte. „Ich wurde dann nach Tübingen ins Uniklinikum verlegt und dort habe ich dann die Diagnose bekommen.“
Plötzlich ist die Spenderin nicht mehr verfügbar
Nur eine Stammzellentransplantation konnte ihr Leben retten. „Aber es gab keinen passenden Spender und der Arzt hat mir damals auch nicht viel Hoffnung gemacht“, erinnert sie sich. Auch ihre beiden Schwestern wurden getestet, sind jedoch ebenfalls nicht infrage gekommen. „Doch wie durch ein Wunder hat man nach zwei Wochen plötzlich eine passende Spenderin gefunden.“
Kurz bevor die Transplantation dann stattfinden sollte, mussten die Ärzte ihr jedoch mitteilen, dass die Spenderin nicht mehr verfügbar war. „Da ist für mich eine Welt zusammengebrochen“, erzählt die zweifache Mutter. Drei Wochen später konnte die Transplantation dann aber doch stattfinden. „Ich habe erst nach zwei Jahren erfahren, dass die Spenderin damals einen Eisenmangel hatte. Man durfte mir das aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht sagen.“
Am 31. Juli 2018 war es dann so weit: „Man bekommt die Stammzellen über das Blut und dann muss man hoffen, dass sich die Zellen wieder aufbauen“, erklärt sie. Generell werden die Patienten sechs bis acht Wochen isoliert, weil das Immunsystem zuvor so gut wie möglich heruntergefahren wird. Nach zehn Tagen konnten die Ärzte ihr sagen, dass die Zellen sich wieder aufbauen.
„Seitdem kam der Krebs zum Glück nie zurück“, berichtet die heute 40-Jährige mit strahlenden Augen. Der schlanken Frau mit den langen blonden Haaren sieht man nicht an, was sie damals durchgemacht hat. „Aber ich bin trotzdem nicht mehr die Alte. Dadurch, dass man das Immunsystem so herunterfahren musste, bin ich oft krank“, erzählt sie. Klagen möchte sie aber nicht. „Natürlich ist das manchmal frustrierend. Früher war ich so gut wie nie krank. Aber ich weiß, wie viel Glück ich damals hatte.“
Nach fünf Jahren gilt man als krebsfrei, „dann ist das Schlimmste überstanden. Bei mir ist es ja jetzt schon sieben Jahre her, aber trotzdem weiß ich noch ganz genau, wie ich mich damals gefühlt habe. So etwas vergisst man nie.“
Im Gespräch hat uns "Angi" erzählt, was ihr damals Mut gemacht hat und was sie anderen Krebspatienten raten würde:
Geholfen habe ihr damals ihr Instagram-Account, mit dem sie ihr Schicksal mit der Öffentlichkeit teilte. „Damit habe ich in gewisser Hinsicht die Last ablegen können. Aber ich habe auch viel Zuspruch bekommen. Dafür bin ich wahnsinnig dankbar und das versuche ich heute weiterzugeben“, sagt sie. Oft würde sie Nachrichten von Menschen bekommen, die ihr Schicksal teilen. „Ich werde beispielsweise gefragt, wie bestimmte Dinge bei mir damals waren und wie ich damit umgegangen bin.“
Der Zuspruch sei enorm wichtig – „positives Denken ist das A und O bei so einer Krankheit.“ Damals habe ihr jemand gesagt, sie solle sich immer vorstellen, wie ihr Leben aussieht, wenn sie wieder gesund ist. Wie sie tolle Dinge mit ihren Kindern erleben kann, wieder lange Haare hat und weiblich aussieht. „Das würde ich heute meinem damaligen Ich und jedem anderen auch raten. Man darf nie aufgeben.“
Auch die positiven Beispiele von Menschen, die wieder gesund wurden, haben ihr damals Kraft gegeben. „Und natürlich meine Kinder, meine Familie und Freunde, das ganze soziale Umfeld. Dafür bin ich so dankbar. Man ist nicht alleine und das ist auch das Wichtigste. Man darf sich nicht zurückziehen, das bringt nichts.“
Nach sieben Jahren trifft „Angi“ ihre Spenderin
Zwei Jahre nach einer Stammzellentransplantation dürfen Spender und Empfänger Kontakt zueinander aufnehmen – „wenn beide einverstanden sind“, erklärt die ehemalige Krebspatientin. Sie haben das damals direkt gemacht, aber nur Nachrichten geschrieben. Ihre Spenderin ist eine junge Frau aus der Nähe von Köln, die sich zufälligerweise zwei Wochen nach „Angis“ Diagnose bei der DKMS als Spenderin registrieren ließ – ohne je von ihrem Schicksal gehört zu haben. „Getroffen haben wir uns seither nie. Aber ich bin im Oktober 40 Jahre alt geworden und dann habe ich sie einfach zu meinem Geburtstag eingeladen.“ Und tatsächlich ist sie mit ihrem Partner gekommen, „am 24. Oktober 2025.“ Ein Tag, den sie und ihre Familie wohl nie vergessen werden.