Er war ein Chronist der Welt im Kleinen, und sein Atelier in München steckte voller Träume – auch für Erwachsene: Anlässlich des Todes des Wimmelbuch-Künstlers Ali Mitgutsch veröffentlichen wir ein Porträt, das zu dessen 75. Geburtstag erschienen war.
München - Es wimmelt. Es wimmelt von Dingen, die wahrscheinlich niemand außer Ali Mitgutsch gebrauchen kann. Er ist ein Sammler. Sein Atelierzimmer ist der Sammelplatz. Überall liegen Utensilien herum. Ein paar Murmeln, riesige Papierrollen, eine Pinguinfigur aus Holz, ein Puppenkopf und Schiffsmodelle. Daraus bastelt Mitgutsch seine Traumkästchen, die im langen Altbauflur auf dem Weg zum Atelierzimmer hängen. Eines heißt „Der kopflose Familienvater“. In dem Guckkasten sieht man vier Personen aus Papier, dem Mann fehlt der Kopf. Man schmunzelt und schaut weiter, was die Traumkästchen noch so alles bieten. „Fetisch gegen die nackte Gier“ etwa, in dem man nicht sehr viel sieht außer einer kleinen weißen Kugel und einer Art Minisattel aus Bronze.
Der Mitgutsch für Erwachsene
„Das ist der Mitgutsch für Erwachsene“, sagt er über seine Traumkästchen. Bekannter ist der Mitgutsch für Kinder. „Ich bin ein bisschen schizophren“, sagt er und lacht dabei. Seine stahlblauen Augen strahlen, seine Haut ist faltig und braun gebrannt. Er trägt eine braune Cordhose, ein blaues Hemd und eine dunkelgrüne Weste. Er sieht aus, wie sich viele einen Künstler und Lebenskünstler Mitte siebzig vorstellen. Weißer Bart und Käppi mit ornamentalem Muster gehören zu Mitgutsch wie seine Wimmelbilder.
Ali Mitgutsch ist der Vater der sogenannten Wimmelbilderbücher, die jeder zwischen zwei und 88 Jahren kennt. Diese großformatigen, wortlosen,vollgeladenen Bilder, an denen man sich auch nach gefühlt vier Stunden nicht sattgesehen hat. Kein Wartezimmer in einer Kinderarztpraxis kommt ohne sie aus.
Keine der Figuren wird in den Hintergrund gedrängt
Mitgutsch malt für Kinderaugen, die über Baustellen, Dörfer, Piratenschiffe oder Spielplätze wandern. Er nimmt Kinder mit auf visuelle Entdeckungsreisen, mal geht es in die Berge, mal ans Wasser. In seinen Bildern gibt es überall und immer wieder etwas zu entdecken. Ali Mitgutsch meint, dass Kinder selektiv sehen. Dies kommt seinen Wimmelbüchern zugute, die immer wieder angeschaut werden können. Es gibt da im Alltäglichen heitere Szenen, Lustiges, Amüsantes, Miniunfälle und Minimissgeschicke zu entdecken. Es ist ein Blick von oben, und keine der kleinen Figuren wird in den Hintergrund gedrängt. „Die Kavalierperspektive“ nennt Mitgutsch das.
Deutscher Jugendbuchpreis
Nur acht Wimmelbilderbücher hat er gemacht. Bestseller sind sie noch heute. Allein in Deutschland haben sie sich zwischen drei und vier Millionen Mal verkauft. Dazu kommen noch die Auflagen im Ausland. Sein erstes Kinderbuch „Pepes Hut“ wurde 1959 veröffentlicht und stand auf der Auswahlliste des Deutschen Jugendbuchpreises. Zehn Jahre später bekam er ihn dann für sein erstes Wimmelbuch „Rundherum in meiner Stadt“, das einer dieser Fantasieanreger ist. Seine Wimmelbilderbücher waren aber auch mal Aufreger. Pädagogen hielten sie für zu verwirrend. Feministinnen beschwerten sich, dass zu wenig Frauen in seinen Bildern vorkämen. Und dass die Rollen zu klassisch verteilt wären. „Mit meinen kleinen Manderln da“, sagt Mitgutsch und lacht.
Die schlimme Kindheit war ein Glück
Ali Mitgutschheißt eigentlich Alfons. Die dunklen Locken brachten ihm den Spitznamen Ali ein. Seine Kindheit war keine leichte. In der Schule in einem Dorf im Allgäu, in das es die Familie nach den Bombennächten in München verschlagen hatte, war der Lehrer ein Sadist, die Mitschüler hänselten Klein-Ali. Der Außenseiter hat damals nicht nur „eine beträchtliche Grundschnelligkeit entwickelt“, sondern auch eine große Fantasie aus „Ermangelung an Spielkameraden“.
Diese schlimme Kindheit war ein Glück, sagt Mitgutsch heute. „Ich kann mir vorstellen, was Kinder mögen“, sagt der Zeichner, „die schlimmen Erfahrungen haben sich so doch irgendwie als Segen erwiesen.“ Zwei Freunde hatte er sich als Kind ausgedacht: einen großen Brummer und den kleinen Fritz mit der spitzen Nase, der immer die listigen Ausreden erfunden hat. Mit ihnen hat der kleine Ali seine Abenteuer erträumt. Die Mutter erzählte dem Bub viele Geschichten. Auch Märchen. Im Moment arbeitet Mitgutsch an einem „Märchenschatz“, wie er sagt. An einer Sammlung von Märchen mit Illustrationen, „so wie ich sie als Kind gesehen habe“. Nur: „Der kleine Däumling“, der ist „grauselig“ sagt Mitgutsch. So etwas soll nicht vorkommen. „Hänsel und Gretel“ wiederum hält er für ein „sagenhaft schönes Märchen“.
Es wimmelt von Detailliebe
Eine der ersten Skizzen für sein neues Projekt liegt auf dem Zeichentisch in seinem Atelier. Es ist der Entwurf für „Dornröschen“. Ein Angler ist am Ufer eingeschlafen, die Katzen hängen über den Dächern. Man kann es sich gut vorstellen, wie es in dem fertigen Bild wieder von allerlei Detailliebe wimmeln wird. Irgendwann nächstes Jahr soll seine Märchensammlung erscheinen.
Heute ist Mitgutsch Illustrator und Künstler, geworden ist er das über ein paar Umwege. Mitgutsch machte zuerst eine Lithografenlehre. „Das war schrecklich“, weil es eine ganz ruhige Arbeit war. Viel lieber wollte er grafischer Zeichner werden. Er ging auf eine private Akademie in München. Nebenher musste er arbeiten, um das Schulgeld zahlen und sich Kinobesuche leisten zu können. Zum Beispiel hat er Fahrräder geputzt – für 40 Pfennig das Stück. Irgendwann hat er Cartoons für Illustrierte gezeichnet, die damals aber nicht Cartoons, sondern „Witze ohne Worte“ hießen.
In die weite Welt
Mit 19 Jahren zog es ihn mit dem besten Kumpel hinaus in die weite Welt. Fast 20 Jahre lang waren sie immer wieder jedes Jahr für ungefähr drei Monate auf Tour. Trotz der Kunden in den Werbeagenturen und Verlagen, die den Faulenzern die Reisen nicht gönnten. Trotz Frau und drei Kindern, die zu Hause auf Mitgutsch warteten.
Ali Mitgutsch ist ein Unikat. Gerhard Polt, der bekanntlich mit Lob eher hinterm Berg hält, hat über ihn gesagt: „Er zeigt mir, wie bunt das Grau ist, wie schräg der Vogel, wie souverän der Depp! – das heißt, wie unendlich reich die Kindheit ist, auch ohne Haftpflichtversicherung.“
Viele Nachahmer
Manchmal ist Mitgutsch auch ein bayrischer Grantler, wenn er sich über die Geldgeier aufregt, die das denkmalgeschützte Haus, in dem er hier in der Maxvorstadt lebt, niederreißen wollen.
Über seine vielen Nachahmer, die einen ähnlich naiven Malstil pflegen, kann er nur müde lächeln. Manche sind gar so dreist und nennen ihre Werke auch „Wimmelbücher“. Er selbst sagt lieber „sich selbst erzählende Bilder“ dazu, auch wenn das viel zu lang sei. Den Begriff Wimmelbücher hat Mitgutsch erfunden, doch schützen lassen hat er ihn nie. „Ja mei, ich dacht, mir fällt noch was Besseres ein.“
Vielfach preisgekrönt
Leben
Ali Mitgutsch wurde als Alfons Mitgutsch am 21. August 1935 in München geboren, dort starb er am 10. Januar 2022 im Alter von 86 Jahren. Seine Karriere begann er als Grafiker. 1968 erschien sein erstes Wimmelbuch „Rundherum in meiner Stadt“ im Ravensburger Verlag. 1969 erhielt er dafür den Deutschen Jugendbuchpreis. Seitdem sind mehr als 70 Bücher, Poster und Puzzles mit seinen Figuren und Zeichnungen erschienen. Allein in Deutschland wurden mehr als fünf Millionen Exemplare der Kinderbücher verkauft, international kamen mehr als drei Millionen verkaufte Exemplare dazu. Ab 2007 konzentrierte er sich auf das Schaffen seiner „Traumkästen“, kleine gerahmte Bühnen. Seit 2017 war er im Ruhestand und zog sich aus dem öffentlichen Leben zurück.
Stuttgart
In dem von ihm geschaffenen Wimmelbuch-Genre gibt es viele Nachahmer, auch Stuttgart ist längst mehrfach in einem Wimmelbuch porträtiert worden.