Wahrzeichen: Die Zeltkuppel vom Sony-Center in Berlin ist eine Gemeinschaftsleistung von Helmut Jahn und dem Stuttgarter Ingenieur Werner Sobek. Foto: Imago

Der deutsch-amerikanische Architekt Helmut Jahn baute in aller Welt, vorzugsweise groß und hoch. Auch Stuttgart hat einen Jahn-Bau. Der Ingenieur Werner Sobek äußert sich zum Tod seines engen Freundes.

Stuttgart - Den amerikanischen Traum vom märchenhaften Aufstieg hat er jenseits des großen Teichs wahr gemacht. In Nürnberg am 4. Januar 1940 geboren, der Vater ein Sonderschullehrer, aufgewachsen im nahen Zirndorf, entschied sich Helmut Jahn für die Architektur und wagte den Aufbruch: 1966 ging er nach seinem Studium an der TU München als Rotary-Stipendiat nach Chicago. Dort wurde er weltberühmt, und in aller Welt baute er. Seine Gebäude finden sich in New York, Washington und in Singapur, in Berlin, Las Vegas und Schanghai.

 

„Turmvater Jahn“

Am Chicagoer Illinois Institute of Technology studierte er zunächst weiter, so sollte er seinem frühen Vorbild Mies van der Rohe – noch so eine deutsch-amerikanische Karriere – begegnen und sich zunächst vom funktionalen Purismus des Meisters der Moderne prägen lassen. Beim Büro C. F. Murphy stieg Jahn vom Mitarbeiter zum Teilhaber auf, um schließlich 2012 alleiniger Inhaber zu werden – aus Murphy/Jahn wurde Jahn, mit Niederlassungen in Chicago, Schanghai und Berlin.

Helmut Jahn war ein schmaler, eher klein gewachsener Mann, der gerne Hut trug – und sich in seinem Schaffen, das mehr als hundert Bauwerke hervorbrachte, ganz dem amerikanischen „Think big“ oder besser „Build big“ verschrieb.

Immer wieder Hochhäuser

Er baute fast immer im großen Maßstab, häufig für Global Player wie Sony oder Bayer. Flughäfen, Bahnhöfe, Hotels, Messehallen und, von Anfang an und immer wieder, Hochhäuser. „Turmvater Jahn“, dieses Etikett wurde er nicht mehr los, es störte ihn nicht.

Als sein Durchbruch gilt das State of Illinois Center, das heute James R. Thompson Center heißt: 1985 führte er damit in Chicago vor, was es heißt, aus Stahl und Glas um ein gewaltiges Atrium herum einen plastischen Baukörper zu formen, der als „Stadt in der Stadt“ funktioniert. Heute heißt es, der Bau sei extrem reparaturanfällig und lasse sich nicht effizient betreiben.

Neues Wahrzeichen der Hauptstadt: das Sony Center

Die deutsche Hauptstadt hat ihm mit dem Sony-Center am Potsdamer Platz eines ihrer zeitgenössischen Wahrzeichen zu verdanken – der Multikomplex, zu dem auch der Bahntower gehört, wurde mit seiner ovalen Zeltdachkuppel zum architektonischen Signet des Neuen Berlin; auch der Glaskeil des Neuen Kranzler Ecks am Kurfürstendamm ist made by Jahn. Frankfurt erhielt 1991 mit dem Messeturm einen markanten postmodernen Campanile im Art-déco-Stil, damals das höchste Gebäude Europas. Der Turm trug entscheidend zur Akzeptanz der Hochhauskultur in der Bankenstadt bei.

In München baute Jahn das überdimensionierte Airport Center, den Skyline Tower und die umstrittenen Zwillingstürme der Highlight Towers, in Bonn veränderte er mit dem gläsernen Post Tower das Antlitz der Rheinstadt, er entwarf auch das zweite Terminal am Flughafen Köln/Bonn. Später kamen der Hegau Tower in Singen, der Weser Tower in Bremen, das Hochhaus Sign im Düsseldorfer Medienhafen hinzu. Auch Stuttgart hat einen Jahn: In Vaihingen entstand zwischen 1989 und 1994 das „Pallas“-Gebäude, in dem das Regierungspräsidium Stuttgart seinen Sitz hat.

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In Deutschland polarisierten die Stahl- und Glas-Giganten des Wahlamerikaners häufig. Architekten seien keine Künstler, sondern Problemlöser, sagte er einmal. Das kollidierte mit dem Selbstbild mancher Kollegen. Bei Investoren hingegen kam sein Streben nach Effizienz, Wirtschaftlichkeit und Innovation bestens an. Jahn selbst sprach gern von „Performance“, wenn es um Architektur ging; diese Leistungsorientierung konnte auch in eine Großspurigkeit münden, die immer wieder auch die Belange der Stadt ignorierte.

Identitätsstiftende Landmarken

Hochhäuser, in Deutschland ungeliebt, hielt er für die Stadt von morgen unverzichtbar, tatsächlich sind sie wieder im Kommen. Die Fähigkeit, zunächst als Fremdkörper empfundene Baukörper in identitätsstiftende Landmarken zu verwandeln, konnte man ihm nicht absprechen. Auch er selbst blieb wandlungsfähig; sein Motto lautete: „Die Zukunft hat immer Recht“. Der reflexhaft als „Stararchitekt“ Titulierte ließ das „Less is more“ der Moderne hinter sich, wandte sich der bildhaften Postmoderne zu und verband früh Hightech mit Nachhaltigkeit. Nur konsequent, dass er mit dem Stuttgarter Ingenieur Werner Sobek unter dem Schlagwort „Archi-Neering“ Architektur und Ingenieurbaukunst zusammenführte, etwa beim Rottweiler Aufzugstestturm. 2018 erhielt Sobek dafür den Deutschen Ingenieurbaupreis – an der Verleihung in der Stuttgarter Staatsgalerie nahm Jahn teil.

Segler und Radfahrer

Seiner fränkischen Heimat blieb der Vater eines Sohnes, der mit einer Innenarchitektin verheiratet und ein sogar einen Weltmeistertitel tragender Segler war, stets verbunden. Er lebte nicht in der Hochhausmetropole Chicago, sondern bewohnte eine Farm in der Kleinstadt Campton Hills. Im Autoland Amerika fuhrt er gern Rad. Am 8. Mai ist Helmut Jahn mit dem Fahrrad im Alter von 81 Jahren tödlich verunglückt.

Werner Sobek zum Tod von Helmut Jahn

So äußert sich der Stuttgarter Ingenieur Werner Sobek zum Tod seines langjährigen Freundes:

„Helmut Jahn und ich waren mehr als 27 Jahre auf das Engste befreundet. Unsere zwischenmenschliche Verbundenheit, unsere Achtung voreinander und unsere voraussetzungslose gegenseitige Wertschätzung empfanden wir beide und nicht nur ich als ein großes Glück. Als Architekt hat Helmut Jahn seit Beginn unserer Freundschaft nahezu alle seine Gebäude mit mir zusammen gezeichnet. Er als der Architekt, ich als der Ingenieur – und, häufig genug, in umgekehrten Rollen. Am Ende sind wir als Architektengemeinschaft aufgetreten. Wir sahen dies auch als Symbol unserer Freundschaft. Wir haben, zusammen mit unseren Teams, den internationalen Flughafen Bangkok, die Erweiterungen der Flughäfen von Chicago und Köln-Bonn, die Hauptverwaltungen der Post von Japan in Tokio, der Deutschen Post in Bonn, von Bayer Leverkusen oder das Sony-Center in Berlin geplant. Dazu kamen viele Wohn- und Bürohochhäuser in der ganzen Welt, Studentenwohnheime und vieles mehr. Alles war dabei gleich wichtig. Viele unserer Gebäude waren ihrer Zeit weit voraus und trotzdem waren wir noch nicht am Ende. Wir hatten noch große Ziele, wollten zusammen ein Bauschaffen für die kommende Zeit entwickeln. Das hat ihn erfüllt. Noch einen Tag vor seinem Tod haben wir stundenlang dazu telefoniert. Das hat ihn gefesselt, das hat ihn nicht schlafen lassen, ihn, einen der ganz Großen der Architektur.“