Herr Stutzer, was macht das Mutterbild heute aus?
Zunächst einmal: Mütter sind ja ganz unterschiedliche Frauen. Solche, die mit erst 45 oder noch sehr jung ihr erstes Kind bekommen, Alleinerziehende, Ehefrauen, Patchworkmütter; also Personen mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen und Herausforderungen. Objektiv lässt sich feststellen, dass Muttersein heute im Vergleich zu vorigen Generationen viel schwieriger geworden ist.
Inwiefern?
Flexibilität, Individualisierung und Freiheit, all das soll sich möglichst mit der Familienplanung vereinbaren lassen. Auch die eigene Erwerbstätigkeit gehört für die meisten jungen Frauen heute zum Lebensentwurf. Die Hauptlast, das alles organisatorisch unter einen Hut zu bekommen, tragen aber nach wie vor oft die Mütter.
Aber viele Väter nehmen Elternzeit und helfen mit, Kitas werden ausgebaut . . .
Das sind wichtige Schritte, aber es muss noch mehr getan werden. Wir haben beispielsweise eine stärkere Väterbeteiligung als noch vor zehn Jahren, was sehr positiv ist. Allerdings gibt es auch das Phänomen, dass Paare in vorher gleichberechtigten Beziehungen mit der Geburt des Kindes oft wieder in traditionelle Rollenmuster zurückfallen: Die Mutter kümmert sich hauptsächlich um Kind und Haushalt, der Mann orientiert sich mehr nach außen.
Ist das Kinderkriegen also weniger erstrebenswert geworden?
Nein. Kinder, ein guter Partner, eine stabile Beziehung, das waren und sind die höchsten Lebensziele. Doch mit den unterschiedlichen Lebensentwürfen nahm auch die Unsicherheit zu. Ich bin heute schneller bereit, den Partner zu wechseln, wenn er mir nicht mehr passt, und auf dem Arbeitsmarkt muss man ohnehin flexibel sein. Das Konzept ­Familie dagegen braucht Stabilität, Kontinuität und Verlässlichkeit.
Wie macht man Müttern das Leben einfacher ?
Geld, Infrastruktur in Form von Kinderbetreuung und Zeit, das sind die drei Faktoren, bei denen wir Fortschritte machen müssen. Auch die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt sollten dafür besser an die Bedürfnisse von Müttern angepasst werden. Was die meisten von ihnen beklagen, ist die fehlende Zeit. Wenn es zu eng wird, verzichten Mütter meist auf die Zeit, die sie für sich selbst brauchen. Das ist ein großes Problem.
Wann haben sich die Mutterrolle und die Familie entscheidend verändert?
Der größte Bruch fand Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre statt: Feminismus, Pille, Bildungsexpansion bei den Frauen, Auflösung traditioneller Familienmodelle. Da gab es plötzlich mehr, als „nur“ Hausfrau und Mutter zu sein. Kinder zu kriegen war keine Selbstverständlichkeit mehr. Inzwischen ist es eher ein Abwägen.
Lässt sich die Entwicklung an Zahlen ablesen?
In den 60er Jahren hatten wir die Baby-Boomer-Generation, die Geburtenrate lag bei 2,5 Kindern pro Frau. Innerhalb von zehn Jahren ging der Wert auf 1,4 runter. Andererseits steigt das Durchschnittsalter der Mütter bei der Geburt des ersten Kindes stetig. In Baden-Württemberg sind wir inzwischen bei 30,3 Jahren; 1960 lag man bei 25 Jahren. Und bei 24 Prozent der Geburten sind die Mütter über 35 – also bei fast einem Viertel.
Wie stehen wir im Vergleich zu anderen westeuropäischen Staaten da?
Der gesellschaftliche und demografische Wandel ist in vielen Ländern so passiert, nur gelang es beispielsweise in Frankreich oder Schweden, die Zahlen wieder nach oben zu führen. Ein großer Unterschied dabei ist: Während sich Frauen bei uns zwischen Kindern und Beruf entscheiden mussten, gehörte dort – wie auch in der DDR – beides immer schon zusammen. Es gibt dort eine andere Infrastruktur und auch eine andere gesellschaftliche Sichtweise.
Sind wir, was die öffentliche Diskussion angeht, inzwischen nicht auch so weit?
Nun ja, während anderswo debattiert wird, ob es dem Kind schadet, wenn es nicht in die Krippe kommt, heißt es hier eher noch, dass das Kind doch die Mutter brauche und der frühe Kita-Besuch vielleicht schädlich sein könnte. Das ist ein westdeutsches Muster.
Was muss passieren, damit sich wieder mehr Frauen für die Mutterschaft entscheiden?
Mit Rundum-Kinderbetreuungsangeboten ist es nicht getan. Eine gute Portion Zukunftsoptimismus ist aus unserer Sicht mitentscheidend: Wer eine stabile Partnerschaft und stabile Berufsaussicht hat, entscheidet sich eher für Kinder. Ökonomen sprechen außerdem von den Opportunitätskosten: Menschen entscheiden sich für eine Sache danach, wie hoch der Verlust für eine andere Sache ist. Ein Kind bedeutet Verzicht auf Freiheit und Einkommen. Und dieser Verlust wiegt heute schwerer als vor 40 Jahren: Gewonnene Möglichkeiten bedeuten höhere Kosten auf der anderen Seite.
Sind junge Frauen heute zu verkrampft?
Nein. Aber sie sind in einer schwierigen Situation, denn sie wollen Beruf und Familie gleichzeitig haben. Da wird es knifflig. Auch an die Erziehung werden höhere Ansprüche gestellt: Man will es perfekt machen und dem Nachwuchs möglichst viel bieten. Viele warten ab, bis finanziell und mental die „richtigen Bedingungen“ gegeben sind. Auch deshalb gibt es häufiger späte Mutterschaften, oder eben Kinderlosigkeit. Auch wenn das natürlich nicht für alle gilt: In Umfragen gibt die Mehrheit der kinderlosen Frauen an, dies zu bedauern.