Warum die Chefsuche für den Autozulieferer Mahle nicht einfach werden dürfte, was ein Branchenexperte sagt und wie Personalberater Topkandidaten auf den Zahn fühlen.
Nach gut drei Monaten im Amt ist der neue Mahle-Chef Matthias Arleth schon wieder Geschichte und der Autozulieferer auf Chefsuche – zum dritten Mal in knapp vier Jahren.
„Die abermalige schnelle Trennung von einem CEO ist kein gutes Zeichen für ein Unternehmen in der Transformation. Es braucht gerade jetzt eine starke Führung“, sagt Branchenexperte Stefan Bratzel, der Leiter des Forschungsinstituts CAM in Bergisch Gladbach. Dies werfe auch ein Schlaglicht auf den Aufsichtsratsvorsitzenden Heinz Junker. „Entweder wählt er die falschen Nachfolger aus oder er ist sich selbst über die neue strategische Aufstellung nicht im Klaren“, sagt Bratzel. Es zeige sich auch im Fall Mahle, dass der Wechsel von langjährigen CEOs in den Aufsichtsrat nicht immer unproblematisch sei.
Wie Headhunter Kandidaten auf den Zahn fühlen
Auf was legen Headhunter bei der Kandidatensuche eigentlich wert und wie lassen sich Fehlbesetzungen ausschließen? „Entscheidend ist, ob die Unternehmensstrategie und das Kandidatenprofil zusammenpassen“, sagt Personalberater Florian Rochlitz. Er war bei Mahle nicht involviert, hat aber als Hapeko-Regionalleiter für Baden-Württemberg viel Erfahrung bei der Besetzung von exponierten Spitzenjobs. Die Personalberatung Hapeko besetzt jährlich rund 500 Positionen im Führungssektor.
Wichtig sei, Kandidaten richtig auf den Zahn zu fühlen, sagt Rochlitz und berichtet von seiner Berater-Expertise. Meist seien zwei Personalberater oder Personalberaterinnen in den Gesprächen dabei und setzten verschiedene Diagnoseinstrumente ein, um Persönlichkeitsstruktur und Charaktereigenschaften des Bewerbers möglichst gut zu ergründen. So könne das Berater-Team dem Mandanten, der den Auftrag für die Kandidatensuche erteilt habe, fundiertere Einschätzungen geben.
Wenn der Nasenfaktor nicht passt
„Ein Thema, das man nie im Vorfeld ausschließen kann, ist aber der Faktor Mensch“, sagt Rochlitz. Wenn der Nasenfaktor nicht passe, helfe es auch nicht wenn der Kandidat bestens auf das Anforderungsprofil passe. „Salopp gesagt: Wenn man mit dem Chef nicht kann, kann man halt nicht“, sagt Rochlitz.
Bei Mahle scheint es ganz offensichtlich Meinungsverschiedenheiten gegeben zu haben, bevor man sich „einvernehmlich auf eine Beendigung der Zusammenarbeit zum 30. April 2022 verständigt hat“, wie es in der Mitteilung des Konzerns zum Ausscheiden von Arleth hieß. Denn Mahle-Aufsichtsratschef Junker lässt sich darin mit dem Satz zitieren: „Auch wenn wir letztlich unterschiedlicher Auffassung über die strategischen Weichenstellungen für Mahle sind, möchte ich Matthias Arleth im Namen des gesamten Mahle-Teams für seinen großen Einsatz danken.“
Näher will sich Mahle auf Anfrage nicht äußern. Weder Junker noch Arleth gäben weitere Stellungnahmen ab, sagte eine Firmensprecherin. Nur soviel: Die Suche nach einem Nachfolger sei angelaufen. In einem Mahle-Video, einer so genannten Welcome Message, hatte sich Arleth Mitte Januar mit einer Videobotschaft direkt an die Mitarbeiter gewandt. „Die ersten 100 Tage werden eine Zeit des Austausches und Lernens“, sagt er da auf Englisch. Mittlerweile sind die 100 Tage durch und beide Seiten – Arleth und Mahle – haben zweifellos eine Lektion gelernt: Man geht getrennte Wege. Der Betriebsrat wollte sich auf Anfrage unserer Zeitung nicht dazu äußern.
Videobotschaft des Chefs
Wie schon berichtet, hat Mahle-Finanzchef Michael Frick bereits übergangsweise den Posten von Arleth übernommen bis ein Nachfolger gefunden ist. Frick wird an diesem Montag auch die Geschäftszahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr präsentieren, denn Arleth hatte, so ist zu hören, den Zulieferer bereits verlassen, als dieser Mitte April die Trennung öffentlich machte.
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Der erneute Chefwechsel kommt für Mahle zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Lieferkettenprobleme, Corona und wirtschaftliche Verwerfungen durch den Ukraine-Krieg stellen den Stuttgarter Konzern vor große Herausforderungen und machen die Chefsuche nicht einfacher. Die dauert meist Monate. Potenzielle Kandidaten sind meist vertraglich gebunden, sodass erst geklärt werden muss, wann welcher Vertrag ausläuft.
„Sucht man jemanden, der explizit Branchenwissen hat und auch schon in einer geschäftsführenden Position war, dann wird der Kandidatenkreis deutlich kleiner“, sagt Personalberater Rochlitz.