Das Dienstleistungsunternehmen erhält aus der Autoindustrie weniger Aufträge und will bis zu 1200 Stellen abbauen. Der Standort Nufringen soll geschlossen werden.
Gegen den Abbau von 800 bis 1200 Stellen beim Entwicklungsunternehmen Bertrandt in Ehningen bei Böblingen setzen sich die Beschäftigten zur Wehr. Nach Angaben des zuständigen Betriebsrats soll die Fahrzeugerprobung in Nufringen bei Böblingen bis Ende Januar geschlossen werden. Knapp 130 Beschäftigte machen dort Probefahrten und Tests mit Fahrzeugen.
Holger Lung, der Betriebsratsvorsitzende des Standortes zur Fahrzeugerprobung, ist der Ansicht, Kurzarbeit wäre eine Alternative zur Schließung. „Kurzarbeit hätte dazu beitragen können, die wirtschaftliche Lage zu stabilisieren und gleichzeitig die Arbeitsplätze zu sichern“, sagt der Betriebsratsvorsitzende. Dies sei aber von der Geschäftsführung abgelehnt worden. Zusammen mit dem Stuttgarter IMU-Institut für arbeitsorientierte Forschung und Beratung will der Betriebsrat Alternativen prüfen. Mit den vorliegenden Aufträgen werde bis 2026 eine Auslastung von 70 bis 80 Prozent erreicht.
Bertrandt: Der Markt verändert sich rasant
Hintergrund der Stellenstreichungen bei Bertrandt ist die Krise in der Autoindustrie. Diese holt sich zunehmend Aufträge für Entwicklungs- und Erprobungsarbeiten ins eigene Haus zurück. „Wir haben mit einer veränderten Vergabepolitik gerechnet und uns darauf eingestellt. Dass diese aber so dynamisch erfolgt, war nicht abzusehen“, erklärte Vertriebsvorstand Michael Lücke. „Der Markt verändert sich momentan in Gänze nachhaltig und rasant“, berichtet Lücke.
Dies auch, weil weniger Kunden Elektrofahrzeuge kaufen, an deren Entwicklung Bertrandt ebenfalls beteiligt ist. Angaben zu Stellenstreichungen an einzelnen Standorten in Baden-Württemberg macht das Unternehmen nicht. Dies gilt auch für den Firmensitz Ehningen, an dem 1300 Beschäftigte tätig sind. Der Abbau von Arbeitsplätzen über alle Unternehmensbereiche sei unabdingbar, sagte eine Sprecherin. Teilweise seien schon Beschäftigte ausgeschieden.
Kahlschlag vor den Toren von Wolfsburg
Besonders hart trifft es Tappenbeck bei Wolfsburg. Dort sollen nach Angaben von Bertrandt 600 Stellen gestrichen werden. Nach den Worten von Steffen Schmidt, Sprecher der IG Metall in Wolfsburg, wäre dies etwa ein Viertel der Belegschaft. Neben einer Ausweitung der Kurzarbeit fordert die Gewerkschaft auch gezielte Weiterbildungsprogramme. Der Standort Tappenbeck ist von Aufträgen von Volkswagen abhängig.
Fast total abhängig von der Autoindustrie
„Das hängt alles mit der Krisensituation von VW, Mercedes und Porsche zusammen“, meint Detlef Schwoon, Gewerkschaftssekretär bei der IG Metall Stuttgart, zu den Stellenstreichungen bei Bertrandt. Das Unternehmen rechnet damit, dass die Arbeitsplätze im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2024/2025, das am 1. Oktober begann, abgebaut werden. Weltweit hat Bertrandt 14 000 Beschäftigte, davon mehr als 70 Prozent in Deutschland.
Die Gesamtleistung – bei Ingenieurunternehmen vergleichbar dem Umsatz bei Industriefirmen – lag im Geschäftsjahr 2022/2023 bei knapp 1,16 Milliarden Euro, für das im September zu Ende gegangene Geschäftsjahr 2023/2024 war mit einem leichten Anstieg der Gesamtleistung, aber mit einem deutlich geringeren Ertrag vor Steuern und Zinsen (Ebit) gerechnet worden. An der Automobilbranche hängen nach Angaben des Unternehmens 90 Prozent der Gesamtleistung.
Ausland wird wichtiger
Der Auslandsanteil an der Gesamtleistung ist in den vergangenen Jahren gestiegen und erreicht inzwischen mehr als 20 Prozent. Bertrandt beschäftigt mehr als 1000 Beschäftigte in Ländern wie Rumänien, Marokko und der Türkei. Zu den wichtigsten Auslandsmärkten gehören europäische Länder, aber auch die USA und China. Bertrandt will seine Stellung im Ausland weiter ausbauen. Beim Ebit wird mit einem deutlichen Rückgang gerechnet.
Herbert Rehm, Branchenbeauftragter für Entwicklungsdienstleister beim IG-Metall-Vorstand in Frankfurt, sieht neben der Krise noch einen anderen Grund für fehlende Aufträge inländischer Firmen: „Die Autohersteller verlagern Ingenieurdienstleistungen dorthin, wo sich die Märkte entwickeln, also etwa nach Indien, China und Nordamerika“. Die Entwicklungsdienstleister selbst verlagerten Arbeit in Länder, „wo es kostengünstig ist, also nach Indien, China oder Rumänien“, sagt Rehm.