Die E-Wende stockt – umso wichtiger wird es für Autobauer, die richtigen Technologien zu nutzen. Neue Zahlen zeigen deren Strategien.
Der Stuttgarter Mercedes-Konzern hat auf dem deutschen Markt seinen Vorsprung bei Hybridfahrzeugen verteidigt und liegt bei dieser Technologie weiter deutlich vor dem Rivalen BMW. Nicht zuletzt angesichts des schleppenden Absatzes seiner E-Fahrzeuge setzt Mercedes deutlich stärker auf sogenannte Plug-in-Hybride, die Verbrennungs- und E-Antrieb miteinander verbinden.
Der Hybrid ist damit für Mercedes deutlich wichtiger als das vollelektrische Fahrzeug. Unter den im ersten Halbjahr abgesetzten Fahrzeugen mit diesen alternativen Antrieben macht er 60 Prozent aus. Er hat damit für Mercedes ein deutlich höheres Gewicht als für BMW, wo das Verhältnis umgekehrt ist und der Hybrid nur etwas mehr als 40 Prozent ausmacht. Dies ergibt eine Auswertung der aktuellen Zulassungszahlen des Kraftfahrt-Bundesamts durch unsere Zeitung. Gegenüber den vergangenen Jahren konnte Mercedes den Vorsprung gegenüber BMW beim Hybrid damit noch ausbauen. Lag er im ersten Halbjahr 2023 noch bei 11 Prozentpunkten, ist er nun auf 19 Prozentpunkte gestiegen.
Die Kehrseite dieser Entwicklung ist aus Mercedes-Sicht die starke Position von BMW bei vollelektrischen Fahrzeugen. Von diesen verkauften die Münchner in diesem Jahr bisher 23 000 Stück und damit über 50 Prozent mehr als die Stuttgarter. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum konnte BMW den Vorsprung bei reinen E-Autos sogar noch ausbauen. Fast jeder fünfte BMW hatte einen vollelektrischen Antrieb, bei Mercedes ist es nur rund jeder neunte. Die meisten E-Modelle verkaufte BMW vom Geländewagen X1.
Die folgende Grafik zeigt, wie BMW Mercedes-Benz dieses Jahr beim Anteil der Plug-in-Hybrid und E-Autos an den Neuzulassungen überholt hat:
Insgesamt verkauft BMW durch diesen starken Anstieg mehr Autos als Mercedes mit Plug-in-Hybrid- oder E-Antrieb. Mittlerweile haben 32 Prozent der verkauften BMW-Fahrzeuge einen Hybrid- oder Batterieantrieb an Bord, bei Mercedes sind es 28 Prozent. Damit hat BMW einen Vorsprung von vier Prozentpunkten – im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres waren die Verhältnisse umgekehrt.
Angesichts der schwachen Nachfrage nach E-Autos könnte sich die vergleichsweise starke Position von Mercedes bei Hybridfahrzeugen als Vorteil erweisen – ist die Technologie, die bisher oft als fauler Kompromiss angesehen wurde, jetzt doch stark gefragt. Die Zahlen zeigen allerdings auch, dass BMW dies erkannt und zu einer Aufholjagd angesetzt hat. In diesem Jahr stieg der Absatz von Plug-in-Hybriden um fast die Hälfte auf 16 000, während er bei Mercedes in der Größenordnung von 22 000 stagnierte. Der Vorsprung von Mercedes ist weiter beträchtlich, hat sich binnen Jahresfrist aber fast halbiert.
Auch BYD, der chinesische Weltmarktführer bei E-Fahrzeugen, hat seine Strategie deutlich verändert. Einst in Deutschland ein fast reiner E-Auto-Anbieter, hat BYD den Anteil von Plug-in-Hybriden am Absatz binnen Jahresfrist von 3 auf 28 Prozent vervielfacht. In diesem Jahr verkaufte BYD bisher in Deutschland knapp 1800 Hybridfahrzeuge; im gesamten Jahr 2023 waren es gerade mal vier Autos.
Auffällige Veränderungen gab es auch beim Stuttgarter Sportwagenhersteller Porsche, bei dem sich insbesondere der Start des vollelektrischen Geländewagens E-Macan stark bemerkbar macht. Binnen Jahresfrist ist der Anteil an vollelektrischen Fahrzeugen von 8 auf 29 Prozent gestiegen. Auch wenn es bei den Plug-in-Hybriden einen Rückgang um ein Drittel gab, ist der Anteil dieser beiden alternativen Antriebe zusammen am Porsche-Absatz von 30 auf 48 Prozent gestiegen.
Bereits im vergangenen Jahr hatte Porsche erklärt, das ursprüngliche Ziel bei der Elektrifizierung sei wohl nicht zu halten. Ursprünglich wollte das Unternehmen 80 Prozent der Neufahrzeuge im Jahr 2030 als vollelektrische Autos auf den Markt bringen. Im Oktober vergangenen Jahres kündigte der damalige Finanzchef Lutz Meschke jedoch an, dass Porsche angesichts der schleppenden Nachfrage nach vollelektrischen Fahrzeugen länger an Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren einschließlich des Hybrid festhalten wolle.
Tesla stürzt ab
Mit dem neuen E-Macan hat Porsche nun gleichwohl den Anteil der E-Fahrzeuge sprunghaft gesteigert - zumal dieses neue Modell in Europa mit dem Auslaufen der Verbrennerversion dieses Modells einhergeht. Auf Anhieb verkaufte Porsche in Deutschland 3121 Autos des E-Macan, der damit aus dem Stand für einen Absatzanteil von fast 20 Prozent steht.
Ob sich die Entwicklung des E-Markts so fortschreiben lässt, ist aber eine andere Frage. Denn in den vergangenen Monaten ist außer dem Anteil der Hybride auch der Anteil reiner E-Autos in Deutschland wieder deutlich gestiegen. Während Tesla in diesem Jahr einen spektakulären Absturz von 21 200 auf 8900 Autos hinnehmen musste, hat sich der E-Absatz von VW von 29 200 auf 52 400 Autos erhöht. Auch der E-Gesamtmarkt ist stark gewachsen. Die Frage, wer den Trend erkannt hat und wer ihn gerade verpasst, ist heute schwerer zu beantworten denn je.