Tag drei im spektakulären Drogenprozess fördert neue Details zutage. Foto: Cornelia Spitz

Razzia: SEK hebt Drogenring aus. Geldbündel versteckt, ein Anruf im Urlaub und eine Messie-Wohnung mit verwahrlosten Kindern. Polizisten schildern schockierende Einblicke.

Tag drei am Landgericht in Konstanz. Noch immer stellen sich im großen Drogenprozess um fünf Männer aus der Region viele Fragen. Was ihnen vorgeworfen wird, ist gewaltig: Sie sollen einen regelrechten internationalen Drogenring am Laufen gehalten haben. Den Stoff soll der Kopf der Bande in Spanien geordert haben. Die Coups müssen bis ins kleinste Detail durchgeplant gewesen sein. Nur so lässt sich erklären, wie dieses Geschäft über mindestens zwei Jahre und mehrere Ländergrenzen hinweg funktionieren konnte.

 

Was für Krimi-Fans fast schon „genial“ anmuten dürfte, ist der systematische Transport des Rauschgifts auf dem Landweg mit ganz normalen Lastwagen. Kluge Köpfe also? Fünf Männer, die blitzgescheit sind und alles im Griff haben?

Im Gerichtssaal kamen nun die Polizisten zu Wort, die neben einer Gaststätte in VS auch die Zuhause der mutmaßlichen Drogen-Barone aus VS zu Hause durchsucht haben und dort auf manche schockierende Überraschung gestoßen sind.

Morgens um 6 klingelt die Polizei

Es ist am 11. Juni 2025, früh morgens um 6 Uhr. Am Wohnhaus des offenbar als Kopf der Bande einzustufenden Mannes im Oberzentrum klingelt die Polizei. Seine Ehefrau öffnet. „Sie stand noch etwas neben sich“, habe wohl noch geschlafen, erinnert sich die heute 42-jährige Polizeihauptkommissarin im Zeugenstand. Er habe sich im Obergeschoss befunden. „Er tat, als verstehe er nichts“, erinnert sich die Polizistin, „aber er hat sehr wohl verstanden, um was es geht“. Seine größte Sorge: Seinen beiden Kindern sollte die Konfrontation mit der Polizei erspart bleiben. Die Polizei versteht, agiert „in zivil“ weiter.

Fest steht später Folgendes: Im Kleiderschrank lagen 16.200 Euro in 500-Euro-Scheinen. Im Wohnzimmer in einer Art verschlossener Konservendose weitere 5670 Euro. In der Garage ein protziger Mercedes AMG in auffallender Lackierung. Zusammenfassend: insgesamt knapp 23.000 Euro Bargeld, ein Sportwagen, keine Drogen. Auf der Leinwand im Gerichtssaal wird das Zuhause gezeigt. Gut situiert, aber nicht übertrieben luxuriös. Der vermutlich größte Luxus hatte vier Räder und viele PS.

Chaos beim Lagerhalter

Am gleichen Tag schlagen Beamte nahezu zeitgleich an mehreren Stellen zu. Wo das Lager der Drogenbande vermutet wird, geht es zur Sache. Mit einer Ramme schlägt ein Spezialeinsatzkommando die Wohnungstür in einem Mehrfamilienhaus ein, draußen stehen zwei Polizisten Wache. Aber niemand ist zu Hause. Und das Lager, wo kiloweise Kokain für den Drogenhandel portioniert worden sein sollte, gleicht keinem Labor, sondern dem reinsten Chaos.

Ein 33-jähriger Kriminaloberkommissar begleitet die Maßnahme. „Ich war schon in unordentlicheren Wohnungen“, sagt er. Auf den Bildern zu sehen ist ein fast normales, aber sehr unordentliches Heim. Im Bad steht die Waschmaschine, im Schlafzimmer das Bett mit roter und gelber Bettwäsche. Im Wohnzimmer stehen Baumarkt-Umzugskartons, darin Pakete mit Marihuana, Kaffeepulver wurde gestreut – vermutlich als Geruchsneutralisierer. Eine Waage und eine Schale für eine Produktionsstraße stehen bereit.

In ein Marihuana-Paket ist ein Handy mit eingeschweißt, inklusive Ladekabel, und ein Airtag zur Ortung.  Auf einem Tresor liegt ein typisches Kokain-Paket, „was man aus dem Film kennt“, ein Rest Marihuana in einer Netto-Tüte, ein Schuldnerbuch. Und Klappmesser mit Klingen von 7,5 und zwölf Zentimetern – lang genug, um als Waffe zu gelten. In der Küche stehen „typische Proteindosen“und liegen ein paar Plomben – so sagt man zu den mundgerecht portionierten und luftdicht verschlossenen Drogenpäckchen. Auf einem runden, roten Tablett liegen zwei Lines Kokain samt Röhrchen, als würde es in Kürze konsumiert. 498,72 Gramm Kokain in einer Tüte – was nach wenig klingt, ist einen Haufen Geld wert, fast 17.500 Euro bei „ihrem“ Grammpreis von 30 bis 40 Euro.

Nach zwei Stunden Durchsuchung taucht laut Zeuge plötzlich er auf: der mutmaßliche Lagerhalter. Mit einem Rucksack mit rotem Nike-Symbol und reichlich überrascht – er komme gerade von seiner Lebensgefährtin. Er sei „kooperativ“ gewesen, habe gewirkt wie auf Droge, die Pupillen erweitert und irgendwie „neben sich“. Später wurde er dem Haftrichter vorgeführt.

Der Wunscherfüller

Szenenwechsel. Durchsuchung beim Mittelsmann, der die Drogen aus Spanien auf dem Hof einer Spedition im Oberzentrum entgegen genommen haben soll.

Eine 35-jährige Polizistin erinnert sich. Die ordentliche Wohnung in dem Mehrfamilienhaus – drei Schlafzimmer, Küche, Bad, Gästetoilette und ein Partykeller mit Tresor – ist leer, die Familie im Urlaub. Am Telefon verrät die Frau das Versteck des Tresorschlüssels. Die Polizisten heben die Matratze im Schlafzimmer, in eine Heizdecke eingewickelt liegt darunter der Schlüssel. 11.500 Euro Bargeld liegen im Tresor. Weitere 3000 Euro findet man im Kleiderschrank, 3180 Euro  im Auto. Geld spielt hier, beim mutmaßlichen Mittelsmann, offenbar eine große Rolle – die Beamten stoßen auf viele Einzahlungsbelege, hier werden gehörige Summen bewegt. Trotzdem kann man sich offenbar nicht alles mit Geld kaufen: Eine Wunscherfüller-Schatztruhe enthält 3,6 Gramm Marihuana.

Schock beim Kurier

Durchsuchungsort Nummer vier die SEK-Beamten. Beschrieben wird das vor Gericht von der 35-jährigen Zeugin so: Es stinkt bestialisch in der Wohnung des 33-jährigen bulgarischen mutmaßlichen Drogenkuriers. Seine Frau liegt noch mit zwei teilnahmslosen Kindern im Bett, als das SEK zugreift. Zwei andere Kinder sitzen morgens um 6 Uhr schon vorm Fernseher. Die Zielperson schläft im Keller.

Die Wohnung ist vermüllt, völlig verdreckt, überall liegt Katzen- oder Vogelkot und volle Windeln. Rasch sei klar gewesen: Die Kinder müssen hier raus. Das Jugendamt wird eingeschaltet, die Katze eingefangen, Kinder und Frau in Obhut gebracht. Beim Angeklagten im Kellerraum findet man sechs Gramm weiße Paste, Haschisch, Autoschlüssel und ein Messer. Auf die Durchsuchung der Messie-Wohnung wird verzichtet – vielleicht hat Richter Arno Hornstein recht, als er mutmaßt: „ein Fall für den Kammerjäger“ – und die Justiz.