„Keiner ist besser als der andere“, sagt Thomas D. Foto: Mumpi Künster

Thomas D freut sich auf die Fanta-4-Konzerte diese Woche in der Schleyerhalle. Solo tritt er im Januar zugunsten der Telefonseelsorge Stuttgart auf. Und er plant ein neues Album.

Thomas D setzt sich mit einem Benefiz-Auftritt für die Telefonseelsorge Ende Januar für alle ein, „die ein offenes Ohr und ein offenes Herz haben“. Bei den Jahresabschluss-Konzerten der Fantastischen Vier Ende dieser Woche in der Schleyerhalle vermutet er ein bisschen Wehmut, nachdem die Band ihre Abschiedstournee angekündigt hat. Die bedeute aber nicht das Ende der Fantas, stellt der Rapper und Sänger klar.

 

Thomas D, Popstars werden überschüttet mit Anfragen für Benefiz-Aktionen. Warum haben Sie ausgerechnet zum „ganz persönlichen Abend mit Thomas D“ Ende Januar im Hospitalhof zugunsten der Telefonseelsorge Ja gesagt?

Das liegt zum einen natürlich an meiner Verbundenheit mit Stuttgart. Darüber hinaus bin ich selber jemand, der sich gerne mit der Psyche und den Gefühlen von uns Menschen beschäftigt, und die Zeiten sind hart, und die Leute haben es schwer. Dann mit jemandem reden zu können und jemanden zu haben, der zuhört – das ist echt was wert. Dafür setze ich mich ein, stellvertretend für alle, die am anderen Ende der Leitung sitzen und ein offenes Ohr und ein offenes Herz haben und Menschen helfen. Außerdem kenne ich einen Kumpel, der einen Kumpel kennt, und der hat mich gefragt.

Die Telefonseelsorge wirbt damit, dass ihr Hilfsangebot anonym ist, dass man also nicht seinen Namen nennen muss, um seine Nöte loszuwerden. Wie sehen Sie dieses Angebot der Anonymität als berühmter Mensch, bei dem die Leute immer gleich den Namen wahrnehmen, wenn Sie zum Beispiel einen Kaffee am Schlossplatz trinken?

Dazu gibt es einen schönen Spruch: Anonymität ist ein sehr kostbares Gut, und das weiß man erst, wenn man sie verloren hat. Bei der Telefonseelsorge ist es egal, wie du heißt und wer du bist, sondern es geht um das, was du auf dem Herzen hast. Am Ende sind wir Menschen da ja wieder gleich: Wir haben alle dieselben Gefühle, auch wenn sie mit anderen Begebenheiten zusammenhängen. Bei Trauer denkt der eine an seinen verstorbenen Vater, der andere an seinen verstorbenen Bruder, der nächste an seinen verstorbenen Hund. Egal was wir erleben – das Gefühl kann dasselbe sein. Deshalb ist es auch egal, wie man heißt.

Wenn Popstars von seelischen Nöten oder anderen Krisensituationen geplagt werden, müssen sie wahrscheinlich nicht bei der Telefonseelsorge anrufen, weil’s da ja abgesehen von Familien und Freunden noch das Management und das Label und die Entourage gibt. Wie hält man als prominenter Mensch im Fokus des öffentlichen Interesses Kontakt zu den Nöten und Ängsten weniger privilegierter Menschen?

Ein großes Vorurteil besagt ja, dass es uns Popstars gut geht. „Die haben keine Probleme“, denken manche. Darunter leiden viele Prominente doppelt, denn sie hören oft Sätze wie: „Dir geht’s doch gut, du hast doch genügend Geld – was hast denn du für ein Problem? Ich habe Probleme.“ Die Probleme prominenter Menschen werden oft übersehen, ignoriert und gar nicht ernst genommen. Ich persönlich bin ein kleines Sternchen an diesem großen Nachthimmel, aber wenn man sich internationale Stars anschaut, sieht man manche von ihnen zerbrechen. Jeder denkt: „Denen muss es doch gut gehen!“ Aber das ist falsch.

Man hat das bei Amy Winehouse gesehen. Oder bei Kurt Cobain…

Ja natürlich. Guck sie dir an: Justin Bieber zum Beispiel. Oder Britney Spears ist am Dauer-Durchdrehen. Das sind Menschen, die der Erfolg ruiniert hat. Dazu kommt: In Amerika ist der Star ja eine Gelddruck-Maschine. Die finden in ihrem Umfeld niemanden, der ihnen rät, sich helfen zu lassen. Wenn du dort „nein“ oder „aber“ sagst, bist du raus, dann kommt ein anderer, der wieder „ja“ sagt und dein Geld einstreicht. Da alle an diesem Finanztropf hängen, findest du niemanden, der dir eine ehrliche Reflexion gibt, außer vielleicht der Psychotherapeut. Aber auch der muss um seinen Job bangen, wenn er ein falsches Wort sagt.

Nachdenklich: Thomas D Foto: Mumpi Künster

Und hierzulande?

In Deutschland ist das alles Gott sei Dank halb so wild. Trotzdem sind etwa bei mir der engste Freundeskreis – also zwei, drei Leute, die mich schon kannten, bevor ich berühmt geworden bin – und die Familie die einzigen Leute, denen man sich auch mit unangenehmen Gefühlen öffnen kann, ohne dass man Angst haben muss, Sätze zu hören wie: „Was redest du? Vom hohen Ross herunter, und jetzt geht’s dir schlecht?“ Manchmal hat man es als Promi fast schwerer, wenn man ein Problem hat.

Das trifft übrigens auch auf Angestellte in nahezu unkündbaren Arbeitsverhältnissen zu, die nicht unmittelbar von Arbeitslosigkeit bedroht sind.

Ja, und manche denken, damit seinen dann alle Probleme gelöst. Das ist eine unglaubliche Verallgemeinerung. Wir sind ja auch gut darin, zu glauben, die Probleme der anderen an einem Nachmittag lösen zu können. Gleichzeitig halten wir unsere eigenen Probleme für unlösbar. Jemand hat Probleme mit seiner Freundin? „Dann verlasse sie doch!“, hört man dann – einen einfachen, dummen Rat, weil man gar nicht dahinter guckt, was da überhaupt Sache ist.

Wie erhält man sich diese Empathie, während einem hunderte Leute dauernd sagen, wie toll man sei?

Die Regel ist einfach: Keiner ist besser als der andere. Meine Zeit ist nicht kostbarer als die Zeit von anderen. Wir teilen alle die gleiche Zeit auf dieser Welt, und wir sind alle gleich viel wert. Das ist ein Grundsatz, den ich lebe, und der mich von Höhenflügen abhält, wenn ich mich geschmeichelt fühle. Meine Frau sagt immer, dass zu mir alle nett seien. Das stimmt, und ich genieße das auch, aber ich weiß, dass es nicht normal ist. Jeder von uns ist einzigartig, und jeder ist ein besonderer Mensch, der es verdient, genauso gehuldigt zu werden wie ich.

Ihre erste Solo-Single hieß „Rückenwind“, und das Motto des Benefizabends im Hospitalhof zugunsten der Telefonseelsorge nimmt diesen Songtitel auf. Was kann man tun, um in Krisensituationen wieder Rückenwind zu kriegen?

Es ist Demut und Dankbarkeit. Der Buddhist sagt, dass der Schmerz ein großer Lehrmeister ist, aber wir versuchen alle, den Schmerz schon im Ansatz zu vermeiden: Bloß immer ne gute Zeit haben! Wenn wir aufs Leben zurückschauen, gibt es Situationen, die hart und schwer waren. Aber wir haben es überlebt und sind durch diese dunklen Zeiten gereifter und vielleicht sogar weiter gekommen als durch Schulterklopfer und Jasager und „Alles richtig gemacht!“-Typen wie Robbie.

Wer ist Robbie?

Robbie aus meiner Realschule in Gerlingen hatte schon Brustbehaarung, ein Feinripp-Unterhemd und leichte Muskulatur-Ansätze. Er ist mit dem Mofa mit seiner Spiegel-Sonnenbrille durch die Gegend gefahren, und die Mädels fanden den super. Ich war – wie die anderen drei Fantas auch – nicht der Coolste der Schule. Eher Klassenkasper. Wir hatten einen Antrieb, es denen allen zu zeigen, während Robbie keinen Grund hatte, was zu ändern. Als ich ein Jahrzehnt später durch Gerlingen gefahren bin, habe ich einen Typen mit Feinripp-Unterhemd und Spiegel-Sonnenbrille auf dem Mofa gesehen. Ich schwöre, das war Robbie. Der dachte immer noch, das sei okay. Wenn man hart an etwas arbeiten muss, bringt einen das weiter.

Auf der Website der Telefonseelsorge steht: „Krisen durchstehen und Orientierung finden.“ Erfüllt ein Konzertformat wie die traditionellen „Alle Jahre die da“-Konzerte der Fantastischen Vier, die diesen Freitag und Samstag in der ausverkauften Schleyerhalle stattfinden, eine ähnlich orientierungsstiftende Funktion?

Ich glaube schon, und wir werden das auch in Zukunft machen. Viele Stuttgarter kommen an Weihnachten nach Hause, und es fühlt sich so an, als würde „Alle Jahre die da“ zur Tradition gehören. Wir sind Kinder dieser Stadt, und man feiert auf einem Fanta-Konzert ja auch die Vergangenheit. Die haben wir von den ersten Anläufen im Jugendhaus Heslach gemeinsam erlebt. Es gibt einige Lieder wie „Tag am Meer“, die Leute mit einem Sommerurlaub verbinden oder „Sie ist weg“ mit dem Verlassenwerden. Bei den „Alle Jahre die da“-Konzerten kann man solche Stationen noch mal durchleben. So was verbindet. Wir füllen die Schleyerhalle diese Woche zwei Mal. Das nach 36 Jahren immer noch erleben zu dürfen, ist echt was wert und wird von mir auf keinen Fall als selbstverständlich gewertet.

Glauben Sie, dass dieses riesige Klassentreffen in diesem Jahr anders laufen wird, nachdem die Fantastischen Vier vor kurzem ihre Abschiedstournee namens „Der letzte Bus“ angekündigt haben?

Seitdem ist echt was los! Eine letzte Tour heißt für uns nicht das letzte Konzert und heißt auch nicht, dass die Band sich auflöst. Wir bleiben zusammen, und es wird kein Bandende geben. Aber nach dieser letzten Tournee ab Dezember 2026, die hauptsächlich Anfang 2027 laufen wird und danach im Sommer mit eigenen Open-Airs und im Jahr darauf wahrscheinlich auch noch einmal – dann steht unser Vierzigjähriges vor der Tür und sind 60 und älter. Realistisch betrachtet, wird es da dünner. Wenn wir ein Konzert spielen oder wenn man auf ein Konzert von uns geht, weiß man also: Das wird nicht mehr ewig so gehen.

Wie bei allem.

Eigentlich weiß man das bei allem, aber man verdrängt es halt gerne, darin bin auch ich sehr gut. Wir machen eine energetische Show, in der wir alles geben. Das machen wir auch noch die nächsten Jahre, aber irgendwann werden wir das nicht mehr so können. Ich will nicht, dass es ein Abklatsch von sich selbst wird. Deshalb schlage ich vor: Lasst uns die Fantas feiern, ehe sie fallen, also umfallen. Es kann also sein, dass am Freitag und am Samstag ein bisschen Wehmut mitschwingt, der nächsten Dezember vielleicht noch stärker wird.

Ein Performer: Thomas D Foto: Mumpi Künster

Wenn die Abschiedstour nicht das Ende der Fantastischen Vier bedeutet: Dürfen unsere Leser davon ausgehen, dass es auch 2035 noch Konzerte mit dem Titel „Alle Jahre die da“ gibt?

(lacht) Der kleine Finger reicht mal wieder nicht. Die ganze Hand! Der Arm bis ans Schultergelenk! 2035? Ich glaub, ich muss gleich mal mit der Telefonseelsorge sprechen, weil ein Journalist versucht, mich festzunageln (lacht). ’35 ist echt ne Ansage!

Wird Ihnen zwischen den beiden Konzerten Ende dieser Woche und dem Start der Abschiedstournee im Dezember 2026 eigentlich langweilig?

Nein, die Fantas machen ja ein Jahr lang Pause, aber ich habe eine kleine Information für alle, die wissbegierig und hungrig befürchten, dass sie bis zum Start unserer Abschiedstour ihre Zeit alleine im Keller verbringen müssen: Ich arbeite gerade an meiner nächsten Soloplatte. Sie kommt Mitte April 2026, und dann gehe ich damit auf Tour. Diese Platte beschäftigt sich auch sehr mit unserem Kopf, unseren Gedanken und der Art, wie wir Menschen strukturiert sind. Auch sie soll ein bisschen Seelsorge betreiben.

Der Rapper live

Künstler
Thomas D, eigentlich Thomas Dürr (56) hat gemeinsam mit Smudo, Michi Beck und And. Ypsilon vor bald 40 Jahren Die Fantastischen vier gegründet. Seit knapp 30 Jahren verwirklicht er auch Soloprojekte. Der Rapper und Sänger ist im Kreis Ludwigsburg aufgewachsen, lebte lange in der Eifel, aber begreift sich als Kind der Stadt Stuttgart, wo ihm seine musikalischen Anfänge gelangen.

Termine
Die beiden Konzerte der Fantastischen Vier am Freitag, 19. Dezember, und am Samstag in der Schleyerhalle sind ebenso ausverkauft wie die drei Konzerte dort im Dezember 2026. Am 25. Januar 2026 kann man Thomas D im Hospitalhof Stuttgart bei einem „Mit Rückenwind“ betitelten Gesprächsabend zugunsten der Telefonseelsorge Stuttgart erleben.