Eltern brauchen gute Nerven, wenn ihre Kinder einen Arzttermin brauchen oder im Krankenhaus behandelt werden müssen. Während Ärzte über Sparzwänge und Bürokratie klagen, verweist das Bundesgesundheitsministerium auf Verbesserungen.
Wenn ihre Kinderarztpraxis endgültig schließt, beginnt für viele Eltern eine Odyssee. „Seit drei Monaten suchen wir jetzt schon. 13 Praxen haben uns direkt am Telefon abgewiesen. In den wenigsten Fällen war das Telefonat freundlich“, schreibt eine Leserin. Drei Praxen hätten sie auf die Warteliste gesetzt – hinter 70 weiteren Interessenten. „Bis wir da drankommen, sind beide Kinder volljährig oder selbst Mediziner“, so die Mutter.
Die Kinderheilkunde ist in Deutschland längst selbst zum pflegebedürftigen Patienten geworden. Etliche Kinderärztinnen und -ärzte, die altersbedingt aufhören, finden keine Nachfolger. Dabei ist die Zahl niedergelassener Mediziner in diesem Bereich nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zwischen 2013 und 2022 um gut 13 Prozent auf 8260 gestiegen. In Baden-Württemberg gab es ein Plus von gut 14 Prozent auf rund 1000. Die Zahlen erweckten aber einen falschen Eindruck, sagt ein Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW): „Eine wachsende Zahl von Ärztinnen und Ärzten arbeitet in Teilzeit.“ Umgerechnet auf Vollzeitstellen habe sich die Versorgungssituation also keineswegs verbessert.
Rückläufige Kapazitäten
Zudem wertet die Statistik es bereits als Vollzeittätigkeit, wenn ein Arzt 25 Stunden Sprechstunde pro Woche abhält. Bestehende Praxen bieten laut KVBW oft längere Sprechzeiten an, doch nicht selten werde das Angebot im Zuge einer Praxisnachfolge auf besagte 25 Stunden reduziert. „Insgesamt sind die Behandlungskapazitäten von Kinder- und Jugendärzten rückläufig – und das bei einer wachsenden Bevölkerung“, so der Sprecher. Gleichzeitig brauchten Ärzte mehr Zeit für die Versorgung eines Kindes – etwa durch zusätzliche Pflichtuntersuchungen.
Die Fallzahlen hätten zugelegt, bestätigt Till Reckert, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in Baden-Württemberg. Kinder werden häufiger zum Arzt gebracht als früher – auch, weil Eltern inzwischen selbst kleinere Infekte medizinisch abklären lassen wollen. Das spüren auch die Kliniken: Von einem „Überlaufeffekt“ spricht etwa Jan Steffen Jürgensen, der Chef des Klinikums Stuttgart, zu dem auch das Olgahospital gehört – Deutschlands größtes Kinderkrankenhaus. „Wenn die Eltern bei den niedergelassenen Kollegen nicht unterkommen, gehen sie in die Notaufnahme.“
Hinzu kommt der Mangel an Pflegekräften. Dieser führt auch auf Kinderstationen dazu, dass weniger Betten belegt werden können. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts ist die Zahl der Krankenhausbetten für Kinder zwischen 2012 und 2022 um vier Prozent auf 25 800 gesunken. Lässt man die Kinder- und Jugendpsychiatrie außen vor, ergibt sich sogar ein Rückgang von mehr als neun Prozent. Die Zahl der Kinder in Deutschland ist im gleichen Zeitraum um zwölf Prozent gestiegen.
Chronische Unterfinanzierung
Die Kindermedizin ist chronisch unterfinanziert. Auch deshalb sind in den vergangenen Jahren viele Praxen und Kinderstationen geschlossen worden. So werden Behandlungen im Krankenhaus seit fast 20 Jahren über Fallpauschalen abgerechnet. Dabei richtet sich die Bezahlung mehr an der Diagnose als am tatsächlichen Aufwand aus. Doch gerade bei Kindern dauern Untersuchungen oft länger als bei Erwachsenen.
Um gegen Sparzwänge und bürokratischen Hürden zu demonstrieren, hatte Anfang Oktober bundesweit das Gros der Kinderarztpraxen geschlossen. Tatsächlich gehören Kinderärzte nicht zu den Spitzenverdienern im ambulanten Sektor. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lag der Reinertrag je Praxis in der Kinder- und Jugendmedizin 2021 im Mittel bei 271 000 Euro. Im Durchschnitt aller Fachrichtungen waren es 323 000 Euro. Radiologische Praxen lagen mit durchschnittlich 1,1 Millionen Euro an der Spitze.
Der Reinertrag ist nicht vergleichbar mit dem Einkommen abhängig Beschäftigter und muss zudem durch die Zahl der Praxisinhaber geteilt werden. Vom Reinertrag gehen noch die Sozialversicherungsbeiträge für die Praxisinhaber und ihre Familienangehörigen ab, zudem eventuelle Kosten aus der Praxisübernahme und Beiträge zu Versorgungseinrichtungen.
Honorarsteigerung unter der Inflationsrate
Till Reckert verweist zudem auf starke Schwankungen. „Mein Bruttoeinkommen aus der Praxis liegt bei rund 80 000 bis 140 000 Euro jährlich“, so der Landessprecher des BVJK. Davon müsse man Steuern, Sozialversicherung, Berufsversicherungen und Ähnliches abziehen. „2021 war mit Extraschichten beim Coronamanagement ein wirtschaftlich gutes Jahr, 2022 war durchschnittlich, 2023 wird unterdurchschnittlich, da die Kosten und Löhne für die Praxen explodieren.“ Zudem seien die Honorare jüngst nur um 3,85 Prozent gestiegen – was bei der gegenwärtigen Inflation eine reale Senkung ergebe. Seine Arbeitszeit beziffert der Mediziner auf 50 bis 60 Stunden pro Woche.
„Wie viel ist der Politik die Gesundheitsversorgung unserer Kinder noch wert?“ – lautete eine der Fragen beim Protesttag am 2. Oktober. Die Antwort seitens des Bundesgesundheitsministeriums klingt optimistisch: „Die Gesundheitsversorgung von Kindern genießt beim Bundesgesundheitsministerium besondere Aufmerksamkeit.“ Ein Sprecher teilt unter anderem mit, dass die Budgetierung der Leistungen für Kinder- und Jugendärzte ausgesetzt worden sei. Dadurch würden nun alle erbrachten Leistungen ohne Mengenbegrenzungen zu festen Preisen vergütet.
Weit gestreute Verantwortung
Zudem verweist das Ministerium darauf, dass die Verantwortung für die ambulante Versorgung bei den Kassenärztlichen Vereinigungen liege. Die Krankenhausplanung – und damit auch die zu den Kinderkliniken – sei wiederum Sache der Bundesländer. Die weit gestreute Verantwortung erklärt auch, warum die Situation vor Ort sehr unterschiedlich sein kann – und warum strukturelle Reformen so schwer sind.
Der eingangs erwähnten Mutter rät die KVBW, ihr Telemedizinangebot in Anspruch zu nehmen, das unter der Nummer 116 117 wochentags erreichbar ist. Dort werden auch Kinderarzttermine vermittelt. Allerdings, so räumt selbst die KVBW ein, sei dies keine ideale Lösung. Denn der Weg zu den vermittelten Praxen sei teilweise recht weit.