Ausgewilderte Hauskatzen sind meist sehr scheu , oft unterernährt und von Krankheiten geplagt. Tierschützer versuchen, ihr Leid zu lindern. Dabei kann auch eine Katzenschutzverordnung helfen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Hotspots im Weggental und am Martinsberg: Keine andere Gemeinde im Kreis hat so viele Fundkatzen wie Rottenburg. Warum das Leben in der Natur für Haustiere eher Elend als Idylle ist.

Grad saß sie noch auf dem Weg. Ein Blick in Richtung des herannahenden Menschen – da machte sich die Katze schon vom Acker und verschwand im Gebüsch. Wer im Rottenburger Weggental spazieren geht, sieht dort immer wieder Katzen. Das Weggental ist ihr Zuhause. Sie haben keine Halter, keinen Menschen, der sie füttert oder sie zum Tierarzt bringt, wenn sie krank sind. Das Leben in vermeintlicher Naturidylle ist für viele Katzen ein elendiges Dasein, ein Überlebenskampf.

 

Das Weggental ist ein Hotspot im Rottenburger Stadtgebiet, an dem sich die Population freilebender, ausgewilderter Hauskatzen extrem erhöht hat. Auch am Martinsberg oder rund um die Heuberger Höfe ist deren Zahl in den vergangenen Jahren sprunghaft angestiegen. Ehrenamtliche Tierschützer versuchen, in Zusammenarbeit mit dem Tübinger Tierschutzverein, sich um die Tiere zu kümmern. Und vor allem zu erreichen, dass sich deren Zahl nicht weiter vermehrt. Das beste Mittel dazu heißt Kastration.

Am Martinsberg wurden in den letzten anderthalb Jahren an Futterstellen im Freien viele der Katzen gefangen, anschließend tierärztlich versorgt, gechippt und kastriert. Als herrenlose „Fundkatzen“ werden sie in der Statistik des Tübinger Tierschutzvereins geführt.

114 Katzen im Jahr 2025 Keine andere Gemeinde im Landkreis Tübingen hat in dieser Statistik so viele „Fundkatzen“ wie Rottenburg. Laut der Erhebung des Tübinger Tierheims waren es 114 Katzen im Jahr 2025 (44 im Jahr 2024). Tatsächlich sind es noch viel mehr Katzen, die hier ohne Halter leben. In Tübingen sind 62 Fundkatzen für das Jahr 2025 registriert, in Ammerbuch immerhin auch 39 (Tendenz steigend). In Mössingen, den kleineren Gemeinden im Steinlachtal und im Raum Rottenburg ist die Zahl einstellig. Kusterdingen hatte 2025 18 Fundkatzen.

Der Tübinger Tierschutzverein ist an alle Gemeinden im Landkreis herangetreten mit der dringlichen Bitte, Katzenschutzverordnungen zu erlassen. Ein Bundesgesetz ermöglicht diese Verordnungen, die aber jede Stadt und jede Gemeinde für ihr Gebiet selbst erlassen muss.

Die Grünen-Fraktion wollte im Rottenburger Gemeinderat kürzlich einen Antrag stellen, dass die Stadt eine Katzenschutzverordnung erlässt. Die Verwaltung signalisierte: „Wir sind schon dran.“ Es fehlten nur noch letzte konkrete Daten vom Tierschutzverein, die als rechtliche Grundlage einer solchen Verordnung vorliegen müssten.

Fänger-Teams sind am Werk Am Martinsberg waren im letzten Jahr etliche Fänger-Teams der Tierschützer am Werk. Die Zahl der freilebenden Katzen ging dort etwas zurück. Derzeit richtet sich das Augenmerk auf die Landschaft rund um die Heuberger Höfe, auf die Wiesen und Felder zwischen Seebronn und Wendelsheim. Dort versucht die Initiative Artenvielfalt Neckartal (IAN) seit 15 Jahren, die Lebensbedingungen für Grauammer, Kiebitz, Rebhuhn und andere vom Aussterben bedrohte Feldvögel zu verbessern.

Dazu gehört nicht nur, dass Äcker extensiv bewirtschaftet werden und es artenreiche Blumenwiesen gibt. Dazu gehört auch, dass sogenannte „Prädatoren“ – in diesem Fall Tiere, die Jagd auf Vögel machen – sich dort nicht übermäßig ausbreiten. 20 Lebendfallen hat die Kreisjägerschaft dort seit Februar aufgestellt und mit rohen Eiern bestückt. Sobald eine Falle auslöst, erhalten die Jäger sofort eine Nachricht auf ihr Handy, sagt Bernhard Herrmann vom Hegering Rottenburg, der sich in der IAV engagiert.

Quarantäne und Kastration In die Fallen gehen nicht nur Füchse, sondern auch ausgewilderte Katzen. Diese werden bislang ins Tierheim gebracht. Nach dreiwöchiger Quarantäne und Kastration könnten sie eigentlich wieder in ihrem bekannten Revier ausgesetzt werden. Das widerspräche allerdings dem Ziel, die dortigen Vögel zu schützen. So stellt sich die Frage: Was hat Vorrang? Der Schutz der Feldvögel oder der Katzen-Tierschutz? Gefangene Katzen müssen erstmal für drei Wochen in eine Quarantäne-Box und meist vom Tierarzt behandelt werden. Jede der Fundkatzen wird zudem kastriert. Viele von ihnen sind nicht nur unterernährt. Manche leiden an Augenkrankheiten, andere an Parvovirose, einer extrem ansteckenden Virus-Erkrankung, die zu extremem Durchfall führt.

Eine Möglichkeit wäre, die Tiere anschließend an Halter zu vermitteln. Doch das, sagt Anne Kreim, Geschäftsführerin des Tübinger Tierschutzvereins, ist nicht immer so einfach. Die meist sehr scheuen Tiere müssen langsam an Menschen gewöhnt werden, wenn dies überhaupt möglich ist. Im Tübinger Tierheim gibt es deshalb eine „Katzenstreichlergruppe“: Menschen, die den Katzen die Angst vor Menschen nehmen, mit ihnen schmusen und spielen.

200 bis 250 Euro pro Tier für die Kastration Wer bezahlt die Tierheimkosten, das Futter, die Tierarztrechnungen? Auch die Kastration kostet Geld – 200 bis 250 Euro pro Tier. Rechtlich sind die Kommunen für Fundtiere zuständig. Sie haben wiederum einen Vertrag mit dem Tierschutzverein abgeschlossen und zahlen diesem pro Einwohner einen Sockelbetrag von 1,21 Euro pro Jahr. Rottenburg bezahlt also rund 55.000 Euro im Jahr. Das reiche aber bei weitem nicht aus, sagt Kreim. Der Tierschutzverein bräuchte das Doppelte bis Dreifache, damit die Kosten gedeckt sind. Katzenschutzverordnungen wären deshalb auch ein Weg, mittelfristig die Kosten für die Kommunen zu senken.