Biber fühlen sich in Villingen-Schwenningen und vermehren sich kräftig. Das führt mittlerweile zu größeren Verwerfungen. Warum die neue Biberverordnung keine Hilfe ist.
Die Einladung der Stadt klingt dramatisch. Vertreter von Forstamt und des Amtes für Grünflächen und Tiefbau (GuT) laden Medienvertreter zu einer Fahrt ein. Das Thema: die „Biberkrise“ in VS.
Dass sich die unter Naturschutz stehenden Tiere in Villingen-Schwenningen offenbar besonders wohl fühlen, legen Zahlen des Forstamtes nahe. Mittlerweile leben 450 Biber in 50 Revieren, viele davon auf der Fläche des Stadtwaldes – dem zweitgrößten in Baden-Württemberg. Es gebe deutlich mehr Vorkommen im Villinger Wald als im Schwenninger. Das hänge mit der Bodenbeschaffenheit zusammen.
Biber verrichten durch ihr emsiges Tun wertvolle Arbeit in der Natur. Ihre starke Vermehrung führt nach Angaben von Forstamtsleiter Tobias Kühn und GuT-Leiterin Silvie Lamla aber ebenso zu massiven Schäden, die das Bibermanagement bei der Stadt an ihre Grenzen – und darüber hinaus – führe.
Große Hoffnungen für mehr Unterstützung bei den finanziellen Folgen wachsender Biberpopulationen sowie pragmatische Lösungen setzte man auf die neue Biberverordnung des Landes, die seit Februar 2026 in Kraft ist. Die ersten Erfahrungen damit sind laut Tobias Kühn und seines Stellvertreters Roland Brauner entmutigend: keine klare Zuständigkeiten, wer denn nun die Schäden für die unter Schutz stehenden Biber refinanziert und weiterhin viel Bürokratie. Das Gegenteil dessen also, was die Praktiker vor Ort gerne hätten und was die Zielrichtung der neuen Verordnung eigentlich sein will.
Weiter zu viel Bürokratie
„Klare Zuständigkeiten und pragmatische Lösungen“, fordert der Forstamtsleiter. Als positives Vorbild wird immer wieder die Regelung in Bayern genannt. Kühn bezifferte die Kosten nur für das Forstamt im vergangenen Jahr mit 200.000 Euro im Offenland und 40.000 Euro im Wald. Für dieses Jahr rechnet er mit Kosten in Höhe von 500.000 Euro. Das Geld gehe dann von dem ab, was das Forstamt an Erträgen an die Stadtkasse zahlt – und das angesichts einer schlechten Finanzlage der Stadt. Förderung seitens des Landes gebe es, allerdings bei weitem nicht in dem Umfang wie es nötig wäre.
Laut neuer Verordnung können „Problembiber“ getötet werden, wenn eine vierwöchige Zeit der Vergrämung nichts gebracht hat. Kühn schilderte dazu: Er habe im Januar einen Antrag auf Vergrämung mit der Möglichkeit der Entnahme gestellt. Dann habe er zwei Monate nichts gehört. Danach kam dann der Hinweis, dass der Antrag nicht ausreichend begründet sei und außerdem ein Gutachten für nötig befunden wurde. Noch wartet er auf grünes Licht für wenige Tiere. Selbst das wäre bei 450 Bibern, Tendenz steigend, ein Tropfen auf den heißen Stein nach langwierigen Verhandlungen. Der auch personelle Aufwand, den das Bibermanagement bei Forstamt und GuT verursache, gehe von anderen Aufgaben ab.
„In VS siedeln sich seit knapp 20 Jahren Biber an. Weil sie hier gute Lebensbedingungen vorgefunden haben, gibt es für die Tiere kaum noch Möglichkeiten, sich auszubreiten“, berichtete Roland Brauner. Das führe inzwischen dazu, dass neue Familien in relativer Nähe zur alten sich niederließen beziehungsweise aus Platzmangel immer mehr in besiedelte Gebiete ein Plätzchen suchten. „Wir haben inzwischen Wald-, Land und Stadtbiber“, veranschaulichte Silvie Lamla die Entwicklung. Zum Beispiel in Hochwasserrückhaltebecken oder Kanalrohren. Das beschädige die Infrastruktur und führe zu Gefahren von Hochwasser oder überschwemmten und unterspülten Straßen, führte sie aus. An den Flussläufen ist das Forstamt dabei, Laubbäume zu pflanzen, um klimaresistentere Wälder hinzubekommen.
Diese Neuanpflanzungen werden allerdings regelmäßig von Bibern weggefressen. Erlen mögen sie besonders. Ergebnis sei, dass sich Fichten (wuchsstark) durchsetzten, die dort nicht mehr erwünscht sind.
Beispiel Warenbachtal: Biber haben dort einen hohen Damm geschaffen, so dass aus einem Bach bei Schneeschmelze und Regen fast schon ein breiter Fluss wurde. Mit Unterstützung des Forstamtes konnte man Bäume, die durch die Vernässung umzufallen drohten, entfernen. Jetzt müsse man ständig ein Auge auf die Situation haben. In der Nähe befinden sich ein Wohngebiet, eine Kita.
Mit so vielen Bibern auf der Gemarkung stelle die Stadt derzeit eine Sondersituation im Land dar, sagte Tobias Kühn. Trotzdem fühle man sich von der Politik allein gelassen. Und er geht davon aus, dass sich in angrenzenden Regionen bald ähnliche Entwicklungen ergeben. Zeit also, endlich zu handeln, finden die Beteiligten vor Ort.