Für einen kurzen Kick, den Jugendliche durch das Zünden eines Böllers in einer Höhle erlebt haben, musste diese Fledermaus ihr Leben lassen – und viele ihrer Artgenossen vermutlich auch, wurden sie doch durch einen Böller in ihrer Höhe so sehr erschreckt, dass sie flüchten mussten – ohne ausreichend Energiereserven. Foto: Dieter Hoffmann

Die Detonation in der Bitzer Höhle war mehr als ein Jugendstreich – und weit mehr als ein Kavaliersdelikt, dessen ist sich unsere Autorin sicher. Wer Leben tötet, handelt grausam und überschreitet eine Grenze – egal, ob es sich um Tiere oder Menschen handelt.

Wer hat es nicht schon erlebt, das Böllern und Krachen, vor oder nach der eigentlich dafür vorgesehenen Zeit: Silvester ab Mitternacht? Geht man am Nachmittag arglos durch die Stadt, kann es einem – anders als früher – heutzutage passieren, dass in unmittelbarer Nähe ein Kracher detoniert, der einen zu Tode erschreckt.

 

Abgesehen von der Gefahr von Hörschäden: Es gibt Menschen, für die das lebensgefährlich oder zumindest folgenreich sein kann, etwa wenn sie ein Herzleiden haben. Über solche Dinge machen sich jene, die entweder die Tradition des Böllerns nicht verstanden haben, die nicht bis Mitternacht aufbleiben dürfen oder einfach rücksichtslose Zeitgenossen sind, natürlich keine Gedanken. Warum auch? Sie wissen ja, dass es jetzt gleich laut krachen wird, und wenn ein herzkranker Passant davon zu Tode erschreckt wird, ist’s wieder ein Rentenempfänger weniger.

Die reife Jugend – das sind keine Egoisten

Erwachsene und die reife Jugend wissen freilich, dass es solche Egoisten gibt, die zu Zeiten – und zuweilen auch an Orten – böllern, an denen das übrigens gar nicht erlaubt ist. Was aber ist mit kleinen Kindern und Senioren, die unter Demenz leiden? Ihnen kann man tausend Mal sagen, was sie erwarten kann, sobald die lauten Feinstaub-Bomben verkauft werden dürfen – sie werden es nicht verstehen oder wieder vergessen haben, bis es kracht. Und sich dann ebenso erschrecken, als ob sie nie vorgewarnt worden wären.

Plötzlich kracht die Welt, plötzlich kracht das Leben zusammen

Genau so geht es Haustieren. Und übrigens auch Wildtieren, die nichtsahnend in ihrem Bau hocken und nicht wissen, was das ist, das sie da – wie ein Blitz aus heiterem Himmel – zu Tode erschreckt. Wie schlimm muss es dann erst für Tiere im Winterschlaf sein, die sich in ihrer Höhle sicher und geborgen fühlen und die plötzlich von einer Detonation nicht nur aufgeweckt, sondern in helle Panik versetzt werden?

So ging es wohl den Fledermäusen, die in der Höhle „Hohler Fels“ bei Bitz zu Tode gekommen – oder in Todesangst aus ihr geflohen und dann anderswo mangels Energiereserven verendet sind, weil ein paar Jugendliche gemeint haben, sie müssten in der Höhle einen Kracher zünden. Ein Kavaliersdelikt? Mitnichten.

Für die sterbenden Tiere ist es kein Spaß

Den Tod von Lebewesen für einen „Spaß“ in Kauf zu nehmen, von geschützten noch dazu, ist eine Grausamkeit und zeugt von null Respekt gegenüber anderen – auch wenn es „nur“ Fledermäuse sind. Die Tierschutzorganisation PETA, die 1000 Euro Belohnung für Hinweise auf die Täter ausgesetzt hat, zitiert Aggressionsforscher Christoph Paulus von der Universität des Saarlandes: „Geschätzte 80 bis 90 Prozent aller extremen Gewalttäter haben vorher bereits Tiere gequält.“ Dass die Hemmschwelle für Gewalt an Menschen bei jenen niedriger ist, die ihre Hemmschwelle gegenüber Gewalt an Tieren schon überschritten haben, ist keine zwingende Konsequenz – aber sehr wohl nachvollziehbar. Diese Hemmschwelle gibt es. Daher haben wir das Schlachten von Schweinen, Kühen, Hühnchen und Wildtieren zum Zweck des Verzehrs ja delegiert. Müssten wir die Lieferanten unserer Steaks und Schnitzel selbst erschießen, abstechen oder enthaupten, um ihr Fleisch essen zu können: die Zahl der Vegetarier stiege wohl sprunghaft an.

Ein Tier töten zu lassen, um Nahrung daraus zu gewinnen, ist eine Sache. Seinen Tod für einen Jugendstreich in Kauf zu nehmen, ist eine andere. Hätte ein Fünfjähriger in der Bitzer Höhle ein paar Knallerbsen zu Boden geworfen, wäre es ein Kinderstreich. Die Jugendlichen, die das Video der Wildkamera zeigt, aber waren alt genug, um zu wissen, was sie tun. „Jedes Leben ist ein Wert an sich“, hat Hubert Weinzierl, der große Naturschützer, einmal gesagt. Wer Tiere zum Spaß tötet, quält oder gefährdet, missachtet das Grundrecht auf Leben, das für alle Wesen gilt.