Die Ausstellungseröffnung zu den Schramberger Bürgervereinigungen wird zum emotionalen Bekenntnis zu Nachbarschaft, Heimat und Gemeinschaft.
„Liebe Landsleute“ – mit dieser ungewöhnlichen Anrede eröffnet Carsten Kohlmann am Sonntagvormittag die Ausstellung „Zu Hause in Schramberg – Bürgervereinigungen im Wandel der Zeit“ im Schloss. Nicht die „sehr geehrten Damen und Herren“, nicht einfach die „Besucher“ begrüßt der Leiter von Stadtarchiv und Stadtmuseum, sondern Menschen, die dazugehören. Menschen, die Teil einer der acht Bürgervereinigungen in der Talstadt sind. Und manche besitzen, wie er selbst, sogar eine „doppelte Staatsbürgerschaft“: Der Museumsleiter gehört sowohl der Höflevereinigung als auch dem Freiamt Tös an.
Erfolgsrezept
Bereits am ersten Tag stößt die Sonderausstellung auf großes Interesse. Oberbürgermeisterin Dorothee Eisenlohr spricht deshalb in ihrer Begrüßung von „mehr einer Bewegung als einer Ausstellungseröffnung“. Die Bürgervereinigungen hätten über Jahrzehnte hinweg Alteingesessene und Zugezogene zusammengebracht. Egal, welche Schwerpunkte eine Bürgervereinigung setze – Fasnet, Garten- oder Waldfeste – allesamt seien sie „ein Erfolgsrezept für gemeinschaftliches Engagement“.
Schunkelnde Reihen
Yasmin Chiara Hettich nähert sich dem Thema emotional. In ihrem Poetry-Slam „Zu Hause in Schramberg“ blickt sie in der Rolle einer Elster auf die Stadt hinab und stellt fest: „Jeder hat hier seinen Platz.“ Heimat bedeute auch Verbindung zur Gemeinschaft – selbst dann, wenn man sich manchmal allein fühle. Wie sich Zugehörigkeit anfühlt, beschreibt die Künstlerin anhand der Bürgervereinigungen ganz konkret: Denke sie beispielsweise an die Rosswälder, spüre sie sofort die Fasnet. Dieses Gefühl dürfte sich indes bei vielen der Besucher einstellen, als sieben Musiker aus dem Rosswald von „Adelheid, Adelheid, schenk’ mir einen Gartenzwerg“ bis „Ein bisschen Spaß muss sein“ vor und zwischen den Beiträgen ein Mini-Blasmusikkonzert geben. Schunkelnde Reihen und mitklatschende „Landsleute“ inklusive.
Gute Nachbarschaft
Seit mehr als 125 Jahren stehen die Bürgervereinigungen für gute Nachbarschaft, betont Kohlmann in seiner Einführung. Vor allem aber seien sie „eine Eigenart in Schramberg“. Durch ihre flächendeckende Gründung seien sie eine „Schramberger Spezialität“. Die Vereinigungen seien regelrecht „wie Pilze aus dem Boden“ geschossen und hätten die Menschen „anständig“ zusammengebracht.
Wichtiger Startpunkt
Offenbar sei das auch nötig gewesen. „Keine Stadt sei so zerstritten gewesen wie Schramberg“, sagt Kohlmann mit Blick in die Geschichte. Während der NS-Zeit sei es den Bürgervereinigungen „an den Kragen gegangen“. Manche hätten dann, nach der rund 16-jährigen Unterbrechung, ihre Satzungen bewusst „im demokratischen Geiste“ wiederbelebt.
Dass Bürgervereinigungen ein zutiefst emotionales Thema sind, mache sie zugleich schwer ausstellbar, findet Kohlmann. Eisenlohr sieht in der Ausstellung einen „wichtigen Startpunkt, wieder mehr ins Gespräch zu kommen“.
David Kuhner vom Stadtmuseum widmet sich in seinem Beitrag den historischen Brunnengesellschaften. Sie könnten durchaus als Vorläufer der heutigen Bürgervereinigungen angesehen werden. Stand früher die Sicherstellung der Wasserversorgung im Mittelpunkt, sei mit dem Ausbau des Leitungsnetzes zunehmend die Geselligkeit wichtiger geworden.
„Gucken Sie mal zuhause“
Ein besonderer Blickfang der Ausstellung ist die Bildgrafik von Gunnar Link (auch als Puzzle erhältlich). Sie zeigt die acht bestehenden Bürgervereinigungen sowie die vier inzwischen aufgelösten Vereinigungen (Spittel, Staig, Heideckle-Staig und die Goldgrübles-Brunnengesellschaft) – ergänzt um markante Gebäude der Stadt.
Dialog mit Verwaltung
„Offensichtlich hat es aber noch weitere gegeben“, sagt Kohlmann und nennt etwa die Rossgumpen- und die Schillerstraßenvereinigung. Viel wisse man darüber bislang allerdings nicht. Deshalb appelliert er an die Besucher: „Gucken Sie mal zuhause; wir wären sehr dankbar und könnten die Ausstellung noch optimieren.“
Freiamt Tös mit steigender Mitgliederzahl
Mit der Individualisierung hätten die Bürgervereinigungen an sozialer Bedeutung verloren. Einige verzeichneten aber auch steigende Mitgliederzahlen – etwa das Freiamt Tös. Dessen Schultheiß Jochen Buhr war 2022 mit der Idee an die Stadt herangetreten, die Bürgervereinigungen stärker gesellschaftlich in den Mittelpunkt zu rücken.
Er war es auch, der sich zum Abschluss des Programms mit der Zukunft der Bürgervereinigungen auseinandersetzte: „Im Dialog zwischen den Bürgervereinigungen und der Stadtverwaltung kann viel geschaffen werden.“ Voraussetzung sei allerdings, klar zwischen „Muss-, Muss-nicht- und Kann-Aufgaben“ zu unterscheiden.
Halbe Butterbrezeln
Sogar die Künstliche Intelligenz habe Bürgervereinigungen als „Chance für lokale Identität und Mitgestaltung“ erkannt, erzählt Buhr schmunzelnd. Das Stichwort Mitgestaltung setzt er anschließend gleich praktisch um: Weil die Stadt aus Spargründen auf Catering im Schloss verzichtet, spendiert das Freiamt Tös kurzerhand Butterbrezeln zum städtischen Sekt. „Aber nur halbe – es soll ja für alle reichen.“ Die Sonderausstellung „Zu Hause in Schramberg – Bürgervereinigungen im Wandel der Zeit“ ist noch bis 18. Oktober im Stadtmuseum im Schloss zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags bis samstags von 13 bis 17 Uhr, sonn- und feiertags von 11 bis 17 Uhr.