Gymnastikstunde im Altenburgheim. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Bis in den März hinein grassierte im Altenburgheim in Stuttgart Corona, ein paar Wochen später können die Bewohnerinnen und Bewohner wieder ein fast normales Leben führen. Dank der Impfungen sind die Pflegeheime im Land zu sicheren Orten geworden.

Stuttgart - Im 3. Stock ist gerade Gymnastikstunde. Neun Frauen und Männer haben sich in dem Gang, von dem die Bewohnerzimmer abgehen, in einen Stuhlkreis gesetzt. Ihre Rollatoren müssen so lange abseits warten. Betreuungsassistentin Cosima Böhme wirft jedem abwechselnd einen roten Ball zu. „Wie heiße ich, Frau Müller?“, ruft sie dabei. „Wie viel ist zwei mal zwei, Herr Schuster?“

 

Wer den Ball bekommt, soll eine Frage beantworten. Gymnastik für Körper und Hirn sozusagen. Jeden Tag macht Cosima Böhme den Bewohnern des Altenburgheimes in Stuttgart-Bad Cannstatt so ein Angebot. Mal kochen sie. Mal gehen sie in den Garten, mal bewegen sie sich zu Musik. Außer Kursleiterin Böhm und Pflegekraft Gülsün Metin, die alle nur Gülli nennen, muss keiner eine Maske tragen oder Abstand halten.

Bis März grassierte das Coronavirus im Haus

Vor ein paar Wochen noch haben sie in der Einrichtung des Wohlfahrtswerkes andere Zeiten erlebt. Von Weihnachten bis März grassierte das Coronavirus im Haus. Die 95 Bewohner saßen in ihren Zimmer. Die Mitarbeiter trugen Vollschutz. Besuche von der Familie, gemeinsames Essen oder Singen – unmöglich. Ein Drittel des Teams infizierte sich damals, 40 Bewohner ebenfalls, fünf von ihnen starben an oder mit dem Virus.

Es sei, sagt Heimleiter Bernd Kux, die schlimmste Zeit in einem ohnehin schlimmen Coronajahr für das Heim gewesen. Kux, der gelernte Altenpfleger, habe sich vor allem zu Beginn der Pandemie wie ein Gefängniswärter gefühlt.

Kux, der zum hellblauen Kurzarmhemd ein Augenbrauenpiercing trägt, ist keiner, der zum Dramatisieren neigt. Dennoch sagt er, dass die Angst lange das Leben im Haus bestimmt habe. Die Angst der Bewohner, ihre Angehörigen nicht sehen zu können. Die Angst der Angehörigen, dass ihre Mütter, Väter, Großeltern, Geschwister sich infizieren könnten. Die Angst der Pflegekräfte um die eigene Gesundheit und die der ihnen Anvertrauten. Dazu kam das Gefühl, als Einrichtung mit all den Hygiene- und Schutzaufgaben und der Verantwortung auf sich allein gestellt zu sein. In der Corona-Hochzeit fiel Kux oft Personal aus. Einen Ersatz konnte ihm keiner besorgen.

Kürzlich waren die Albhornbläser da

Wenn man heute auf der Gartenterrasse des Heimes steht, zu dessen Füßen sich erst ein Weinberg und dann das Panorama der Stuttgarter Ostbezirke bis hin zum Neckarstadion ausbreitet, kann man kaum glauben, dass das alles noch gar nicht lange her ist. Erst seit ein paar Wochen ist das Leben hier wieder fast so wie vor der Pandemie – von verkürzten Besuchszeiten und Testpflicht abgesehen. Mehr noch: „Wir haben hier Freiheiten, die in anderen Bereichen der Gesellschaft noch nicht denkbar sind“, sagt Bernd Kux. Zum Beispiel können seit Kurzem wieder alle Bewohner um zwölf zusammen im Speisesaal essen. Kürzlich waren die Albhörnbläser da, derzeit planen sie ein Sommerfest.

Dank der Impfungen – im Altenburgheim etwa sind nur rund zehn Prozent der Bewohner nicht geimpft – haben sich die Pflegeheime im Land vom Hochrisiko-Ort zu einem mit den größten Freiheiten entwickelt. Was für eine Erleichterung!, sagt Bernd Kux.

Gemeinsam singen und schwätzen

Auf einem der Gartensessel hat Edeltraud Koch es sich an diesem Juni-Vormittag bequem gemacht. Ein paar Meter weiter sitzen fünf Frauen beisammen und schwätzen. Ein anderes Grüppchen singt gemeinsam Lieder: „Lustig ist das Zigeunerleben, faria, faria, ho.“ Ein paar Bewohner kreuzen mit Rollatoren durch die Rasenfläche. Edeltraud Koch genießt lieber die Aussicht. „Wunderbar ist es nun wieder im Heim“, sagt die 89-Jährige. Kürzlich waren ihre Tochter und der Enkel zu Besuch. Sie machten einen Spaziergang, nahmen sich in den Arm, saßen zusammen ohne Abstand und Masken – einfach so, ohne Beschränkungen und Sorgen. Seit Anfang Mai sind solche nahen Begegnungen zwischen Angehörigen in Heimen, in denen 90 Prozent der Bewohner geimpft sind, laut Verordnung wieder möglich.

Edeltraud Koch zog Anfang 2020 ins Altenburgheim. Es gefiel ihr sofort. Die vielen Angebote, ihr Erdgeschosszimmer direkt auf den Garten hinaus – das machte ihr den Abschied aus dem Zuhause in Stuttgart-Zuffenhausen nach mehr als 60 Jahren leichter. Aber dann kam die Pandemie. Innerhalb weniger Tage wurde das Altenburgheim zu einer Art Festung gegen das Virus.

Besuch hinter der Plexiglasscheibe

Ihre Tochter und den Enkel konnte Edeltraud Koch damals nur durch eine Plexiglasscheibe sehen, die im Eingangsbereich ein durchsichtiges Bollwerk bildete. Später richteten die Mitarbeiter im Garten einen Pavillon ein, unter dem sich Besucher und Bewohner mit Abstand und Masken treffen konnten. Kux’ Team versuchte möglich zu machen, was irgendwie möglich war: Konzerte im Garten, denen die Senioren von den Balkonen aus zuhörten, Treffen untereinander in Kleinstgruppen. Die nahe gelegene Grundschule brachte Briefe und Geschenke. Als gar keine Besuche möglich waren, machte es, wo es ging, Videotelefonate möglich. Aber echte Freiheit, die genossen lange nur die Neckar-Enten, die den Heimgarten besuchen, wann immer sie wollen, und die Koch vom Fenster aus beobachten kann.

Die Frage, ob sich die Coronabeschränkungen auf den Zustand der Bewohner ausgewirkt haben, sei schwer zu beantworten, sagt Kux. Den Biva-Pflegeschutzbund, der die Rechte von Heimbewohnern vertritt, haben während der Pandemie Hunderte Nachrichten von Angehörigen aus ganz Deutschland erreicht, die berichteten, wie ihre alten Väter, Mütter, Geschwister oder Freunde geistig und körperlich abbauten – ohne die zusätzliche Zuwendung ihrer Familien. Angehörige sind im Heimalltag ein wichtiger Baustein. Nicht selten helfen sie beim Essen und Trinken, animieren, das Bett und das Zimmer zu verlassen. Mehr als 29 000 Menschen sind in deutschen Pflegeheimen an oder mit Covid-19 gestorben. Die Folgeschäden der Einschränkungen der Pandemie bei den Alten sind hingegen nicht zu beziffern.

Herzzerreißende Berichte

Es gab herzzerreißende bis dramatische Berichte aus Heimen. Senioren, die hinter den Plexiglasscheiben heulten, weil sie ihre Kinder nicht umarmen durften. Demente, die nicht verstanden, warum keiner mehr kam. Angehörige, die sich durch den Keller ins Zimmer der Eltern schleichen wollten oder von der Straße aus brüllende Konversationen mit ihnen führten. Heimpersonal, das sich von Coronaleugnern beschimpfen lassen musste, dass sie die alten Leute durch „das Wegschließen“ umbrächten.

Im Altenburgheim hätten sowohl Bewohner als auch deren Familien überwiegend Verständnis gezeigt, sagt Kux. Auch er fand die drastischen Maßnahmen zu Beginn der Pandemie gerechtfertigt. Dennoch: Die Frage, ob das Recht auf bestmöglichen Schutz vor dem Virus oder jenes auf soziale Teilhabe schwerer wiegt, die hat sich auch Kux gestellt. Für ihn ist klar: „Wir müssen aus den Erfahrungen lernen. Die Alten einfach nur wegzuschließen – das darf es bei einem eventuell nächsten Mal nicht mehr geben.“

Sie hat schon schlimmere Zeiten erlebt

Edeltraud Koch will sich nicht beschweren. Lieber will sie von ihrem Leben erzählen. Von der Kindheit und Jugend in der Nähe von Breslau im damaligen Schlesien. Von der Flucht vor der russischen Armee. Mutter, Vater und sechs Kinder. „Das kann man gar nicht alles erzählen.“ Als ihr Vater Arbeit in Stuttgart fand, holte er die Tochter nach, damit sie den Haushalt führen konnte. Sie blieb, gründete eine Familie, arbeitete, wurde Großmutter. Die Seniorin hat in ihrem Leben schon bessere Zeiten erlebt als jetzt, aber eben auch schon schlimmere.

Es ist Mittag geworden. Edeltraud Koch will pünktlich mit den anderen zum Essen in den Speisesaal. Aber vorher muss sie noch etwas loswerden. Sie habe, sagt sie zu Bernd Kux, für ihren 90. Geburtstag dieses Jahr einen Wunsch: „Ich will noch einmal nach Zuffenhausen.“ Bernd Kux nickt. Auch solche Wünsche werden jetzt wieder wahr.