Die Hohenzollernbahn zwischen Tübingen und Sigmaringen entstand zwischen 1867 und 1878. 1875 begann der Bau ihrer prominentesten Brücke: des Lautlinger Viadukts.
Am 7. Dezember 1835 ging die erste Bahnfahrt in Deutschland über die Bühne; sie führte von Nürnberg nach Fürth.
Zehn Jahre später schließlich war auf der Strecke Cannstatt-Untertürkheim die württembergische Premiere fällig. Im Rest des Landes dauerte es allerdings noch ein paar Jahrzehnte, ehe die Dampflok Postkutsche und Pferdegespann ablöste.
Im Süden waren besonders dicke Bretter zu bohren, denn dort mussten sich die Württemberger erst einmal mit den Preußen handelseinig werden: Die Hohenzollerischen Lande, die seit 1849 zu Preußen gehörten, verriegelten den Weg von Tübingen ins Amt Balingen.
1865 schlossen die beiden Königreiche einen Staatsvertrag, in dem sich die Württemberger verpflichteten, die gesamten Baukosten zu übernehmen. Sehr unschwäbisch – das Projekt war ihnen offenbar äußerst wichtig.
Das erste, nördlichste Teilstück der Zollernbahn – Tübingen-Hechingen – war 1869 fertig, das zweite mit der vorläufigen Endhaltestelle Balingen 1874. Danach wurde es ernst: Der Albanstieg wartete; es galt, die Bahntrasse über eine Rampe von Laufen hinauf zur europäischen Wasserscheide zu führen.
Die Geislinger Steige ist auch nicht steiler
Das Verhältnis von Wegstrecke und Höhendifferenz betrug auf dieser Steilrampe 45 zu eins; das entspricht einer durchschnittlichen Neigung von 2,22 Prozent. Zum Vergleich: Die wesentlich prominentere Geislinger Steige ist auch nicht steiler, mit 5,7 Kilometern Länge aber über einen Kilometer kürzer als die Lautlinger.
Die Ingenieure um den verantwortlichen Oberbaurat Josef von Schlierholz erstarrten anfangs vor Respekt – sie erwogen sogar, eine Streckenschleife über Margrethausen zu legen. Der Weg wäre dadurch noch einmal 3,6 Kilometer weiter geworden, es hätte eines „Kehrtunnels“ bedurft, und die Fahrzeit hätte sich um fast eine Stunde verlängert.
Zum Glück entschied man sich für die „Direttissima“ – und damit für den Bau eines Viadukts über den Talbach bei Streckenkilometer 54,6.
Drei Jahre lang war Lautlingen Großbaustelle
Für Lautlingen bedeutete dies, dass es für drei Jahre zur Großbaustelle wurde. Es mussten ausgedehnte Materiallagerplätze geschaffen werden; die handschriftlich verfasste Ortschronik vermerkt unter anderem für April 1876 die Vermietung von einem halben respektive ganzen „Viertel Platz im Tuffsteinbruch“ an die Bauunternehmer Heid und Bomborn sowie die Überlassung einiger „Möckel Tuffstein“ durch die Gemeinde.
Bereits im August 1875 war die Einstellung eines zweiten Polizeidieners beschlossen worden; am 1. September trat Christian Oßwald seinen Posten an. Die Besoldung betrug 60 Mark; Rock, Mütze und Säbel stellte ihm die Gemeinde.
Heimstatt für Pioniere der Arbeitsmigration
Wieso ein zweiter Büttel? Nun, in Lautlingen wimmelte es drei Jahre lang von „fremdem Volk“, denn die Bauunternehmen brachten ihre eigenen Männer mit, darunter zahlreiche Österreicher und Italiener.
Lautlingen wurde damit temporäre Heimstatt von Pionieren der europäischen Arbeitsmigration; einer soll am Ende sogar im Eyachtal ansässig geworden sein. Die meisten dürften friedliche Leute gewesen sein; abgesehen von einer gerichtlichen Untersuchung im Mai 1877 schweigt die Chronik über Untaten.
Übrigens wurden auch ortsansässige Arbeitskräfte angeworben; Hilfsarbeiter erhielten zwischen 3,60 und vier Mark, Steinhauer bis zu fünf Mark – pro Tag wohlgemerkt.
Im Sommer 1878 wurden sowohl die Zollernbahn als auch das Viadukt fertig. Letzteres ist mit 77,35 Metern Länge, einer Scheitelhöhe von maximal 17,20 Metern und fünf Bögen à zwölf Metern Spannweite die zweitgrößte steinerne Bahnbrücke Württembergs. Es gilt als Spitzenleistung des schwäbischen Ingenieurwesens und mit seinem Wechsel von dunklem Keuper und hellem Kalkstein auch als optisch sehr ansprechend.
Im 20. Jahrhundert hat es drei große Erdbeben verkraftet – und 1945 die Pläne der Wehrmacht, es angesichts der nahenden Franzosen zu sprengen. Die Soldaten ließen sich von den protestierenden Lautlingern umstimmen und jagten stattdessen „versehentlich“ die weiter östlich gelegene Brücke über einen Feldweg in die Luft.
Der Ortsvorsteher will zum Jubiläum ein Kinderfest
Eingeweiht wurde die neue Bahnstrecke im Juli 1878 – der Lautlinger Gemeinderat bewilligte aus diesem Anlass 113 Schulkindern je 50 Pfennig für eine Rückfahrkarte, mit der sie zur festbegleitenden Gewerbeausstellung in Ebingen reisen konnten – für die meisten wird es die erste und auf lange Zeit letzte Bahnfahrt gewesen sein.
147 Jahre später erwägt Ortsvorsteher Eckhard Hofele, es seinen Vorgängern nachzutun und das Bahnjubiläum 2028 angemessen zu feiern: mit einem Kinderfest.