Freude am kreativen Arbeiten: Die Landessiegerin Liz Hengsteler (links) und die Zweitplatzierte Linda Jost in der Schneiderwerkstatt der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule in Balingen. Foto: Mayer

Erste beiden Plätze bei Landesbestenehrung.  Schon als Kind mit der Oma Stofftiere genäht. Interview

Zollernalbkreis - Die Philipp-Matthäus-Hahn-Schule Balingen freut sich über einen Doppelsieg: Liz Hengsteler und Linda Jost, Auszubildende bei der Firma Mey in Albstadt, haben bei der Landesbesten­ehrung die beiden ersten Plätze belegt. Der Schwarzwälder Bote sprach mit den beiden Landessiegerinnen.

Liz, Linda, wie wird denn ein Landessieger ermittelt?

Liz: Es kommt auf die Gesamtpunktzahl an, die man bei der Prüfung erreicht. Dabei werden die Noten in Punkte umgerechnet und die Prüfungsblöcke gewichtet. Die Theorieprüfung zählt 30 Prozent, Wirtschaftskunde 10 und die praktische Prüfung 60 Prozent. Am Ende kam Linda auf 93 von 100 Punkten, ich auf 93,3. Das ist ja nur ein hauchdünner Vorsprung.

Linda: Zum praktischen Teil kommen die Prüfer in den Betrieb. Zuerst erhält man seinen Arbeitsplan, den man vervollständigen und dann ausführen muss. Dazu müssen die einzelnen Teile zusammengesucht, die Maschinen zur Fertigung eingestellt und dann alles zusammengenäht werden. Nebenher wird ein Fachgespräch geführt. Das heißt, die Prüfer stellen einem während der Arbeit Fragen. Bei uns kamen fünf Prüfer auf fünf Prüflinge, da fühlten wir uns manchmal regelrecht umzingelt.

Wann habt ihr von euren guten Platzierungen erfahren?

Liz: Erst bei der Bestenehrung der IHK Reutlingen, zu der die Preisträger und Belobigten aus allen Berufsfeldern eingeladen waren. Als wir bei der Zeugnisvergabe in unserem Lehrberuf nicht aufgerufen wurden, waren wir irritiert. Am Schluss erst wurden die Landessieger verkündet. Das war eine große Überraschung.

Ihr habt letzten Sommer eure Ausbildung abgeschlossen, seid aber immer nach an der Berufsschule. Wie kommt das?

Linda: Wir hängen noch mal ein Jahr dran und machen dann den Abschluss als Modeschneiderin. Wir hatten das von Anfang an so geplant. Im dritten Ausbildungsjahr lernt man weitere Maschinen kennen und macht mehr Prototypentraining, das heißt, man erstellt selbst Entwürfe und arbeitet nicht nur in der Produktion. Als Modeschneiderin hat man im Betrieb mehr Möglichkeiten, sich weiterzubilden.

Was sind eure weiteren Pläne?

Linda: Ich werde mich bei der staatlichen Modeschule in Stuttgart bewerben, weil ich weiterhin kreativ und handwerklich arbeiten will. Dort kann ich einen Abschluss als staatlich geprüfte Produktentwicklerin machen und danach im Bereich Modedesign arbeiten.

Liz: Auch ich möchte langfristig im Modebereich bleiben, werde aber zuerst einmal den Studiengang Psychologie und Wirtschaft an der Hochschule Furtwangen belegen. Das geht in Richtung Personalmanagement und Unternehmensberatung. Damit halte ich mir die Türe offen für eine anschließende Tätigkeit im Textilbereich – vielleicht wieder bei Mey.

Wie kamt ihr eigentlich zu euren Ausbildungsberufen?

Linda: In der Grundschule hatten wir ein bisschen von Hand genäht, aber einmal wollte ich zum Muttertag was Größeres machen. Mit meiner Oma zusammen habe ich dann einen Hasen genäht. Ich bin danach oft zu ihr und habe Teddybären und Kuscheltiere genäht. Das fand ich immer sehr schön, aber ich dachte nicht groß darüber nach. Als ich dann in der neunten Klasse der Realschule bei der "Visionen"-Messe den Infostand von Mey sah, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich machte ein Praktikum dort und bewarb mich nach der Mittleren Reife für eine Ausbildung.

Liz: Auch ich bin über die "Visionen"-Messe auf Mey aufmerksam geworden. Wie Linda habe ich auch immer gern bei der Oma genäht und meinem Opa über die Schulter geschaut, der Schneidermeister ist. Ich bin quasi in diesen Stand hineingeboren: Schon mein Urgroßvater hat das Bekleidungsgeschäft in Balingen gegründet, das meine Eltern führen. Nach dem Abi habe ich ein Praktikum bei Mey gemacht und dann eine Ausbildung dort begonnen. Viele Schulabgänger tun sich schwer mit der beruflichen Orientierung.

Was ratet ihr ihnen?

Liz: Es ist ganz wichtig, sich umfassend zu informieren, zum Beispiel auf Berufsmessen. Tiefere Einblicke bekommt man in Praktika. Dort merkt man schnell, ob einem eine Tätigkeit liegt und kann auch falsche Vorstellungen revidieren. Grundsätzlich denke ich, eine Ausbildung ist immer gut. Egal, was man danach macht, man lernt hier Grundlegendes, vor allem über betriebliche Abläufe.

Linda: Wenn ich daran denke, was ich in den vergangenen zweieinhalb Jahren alles gelernt habe, bin ich selbst beeindruckt. Nicht nur praktisch, sondern vor allem auch persönlich. Die Arbeit im Betrieb, die Zusammenarbeit mit Kollegen und Vorgesetzten, die Strukturen, das praktische Denken, die Fertigkeiten – man nimmt ganz anders wahr, was man gelernt hat. Ich würde es genauso wieder machen.