Sprengstoff vor der Jahreshauptversammlung: Ein langjähriges Mitglied beantragt den Rücktritt des gesamten Kreisvorstands.
Jahreshauptversammlung bei der SPD im Schwarzwald-Baar-Kreis. Eigentlich eine Regularie, die die Satzung der Sozialdemokraten vorsieht und von vielen eher als notwendiges Übel, denn als wertvolles, zentrales Organ des politischen Verbandes betrachtet wird.
Doch dieses Mal könnte es sich mit der Mitgliederversammlung der SPD im Schwarzwald-Baar-Kreis anders verhalten, denn ein Mitglied sorgt schon im Vorfeld für Sprengstoff.
„Der Vorstand der SPD im Schwarzwald-Baar-Kreis tritt geschlossen mit sofortiger Wirkung von seinem Amt zurück“, so der Vorschlag von Rudolf Winker. Ginge es nach ihm, würde also am Samstag, 25. April 2026, der gesamte Vorstand des Kreisverbandes unter dessen Vorsitzender Derya Türk-Nachbaur seinen Hut nehmen.
Ist’s ein Nestbeschmutzer? Oder gibt es innerhalb der SPD im Landkreis ein tiefgreifendes Zerwürfnis?
Schuld oder Verantwortung
Klar ist jedenfalls: Mit Rudolf Winker, der diesen Antrag stellte und ganz bewusst auch an die Presse sandte, da er argwöhnte, sein Antrag werde „wohl nicht vom Kreisvorstand zur Beratung und Abstimmung vorgelegt“, steht man sowohl in der Doppelstadt als auch im Kreisverband in regem Austausch.
„Die Sozialdemokratische Partei steht am Abgrund“, schreibt er auf Anfrage unserer Redaktion. Und er hadert mit der einen oder anderen regionalen Personalie: Der SPD-Kreisvorstand sei zwar „im engeren Sinn“ nicht schuldig am Ergebnis der Landtagswahl, schreibt er, „aber er ist verantwortlich für die Aufstellung des Kandidaten, für die Planung und Ausführung des Landtagswahlkampfs, für das Programm“ – nur mit dessen Rücktritt könne eine unabhängige Aufarbeitung der Wahl stattfinden. „Einen Sieg hätte man gefeiert; bei einer solchen Niederlage sind Konsequenzen unausweichlich“, sonst bereite der alte Vorstand „das Personaltableau für die Zukunft vor“ und bleibe letztlich „alles beim Alten“.
So will man damit umgehen
Der Landtagswahl-Kandidat 2026, Nicola Schurr, bestätigt im Gespräch mit der Redaktion, Kenntnis von Winkers Forderung zu haben. Doch bezüglich einer Vermutung nimmt er ihm den Wind aus den Segeln: „Selbstverständlich“ werde der Antrag bei der Versammlung behandelt, „so wie es sich gehört“ – wenngleich er sich eigentlich ohnehin schon damit erledige, dass bei der Versammlung auch Wahlen anstünden und somit ohnehin ein neuer Vorstand gewählt werde.
Was der Antrag bewirken soll, ist Schurr schleierhaft – und da ihm vorgeworfen werde, ein schlechter Landtagskandidat gewesen zu sein, stellt er sogleich den Vergleich an: Sein Wahlergebnis sei besser als das vieler Kandidaten, die mit weniger Stimmen sogar im Parlament gelandet seien, bilanziert er zumindest dahingehend zufrieden. Dass ihm an der Spitze der Kreis-SPD Rückhalt gewiss ist, wird auf Anfrage an den Vize-Kreisvorsitzenden Oliver Freischlader deutlich: „In unserem Kreisverband haben wir ein im Vergleich exzellentes Erststimmenergebnis bekommen und auch im Vergleich mit anderen Kreisverbänden in der Raumschaft war unser Zweitstimmenergebnis besser, wenn auch weiter enttäuschend.“ Er wolle den Vorschlag des „Genossen Winker“ daher „vorsichtig unter Aktionismus aus Sorge um die Partei verbuchen“.
Das gehöre dazu
Die noch amtierende Kreisvorsitzende Derya Türk-Nachbaur gibt sich ebenfalls gelassen: „In einer Volkspartei, die die gesamte Bandbreite der Gesellschaft abbildet, gehört es dazu, dass Meinungen auseinandergehen“, betont sie. „ Ich empfinde das nicht als Zeichen von Schwäche, sondern von Lebendigkeit.“ In ihrer langen Geschichte habe die SPD bewiesen, „dass sie unterschiedlichste Positionen aushalten und integrieren kann. Wir sind eine Mitmachpartei: Jede und jeder kann sich einbringen, Anträge stellen, kandidieren, mitgestalten. Diese Offenheit ist eine unserer größten Stärken.“
Dennoch betont sie auch für alle geltende Regeln „des demokratischen Miteinanders. Anträge gehören dort ausgetragen und abgestimmt, wo sie hingehören: nämlich auf Kreisdelegiertenkonferenzen. Diese findet nun am Samstag statt.“ Rudolf Winker sei das „in mehreren persönlichen Gesprächen“ mitgeteilt worden, „die Prozedur ist also bekannt“. Bei der Konferenz werde ein neuer Vorstand gewählt, auch er könne dabei kandidieren und aktiv Verantwortung übernehmen.
Rudolf Winker, seit „fast 60 Jahren“ aktives SPD-Mitglied, betont: „Verantwortung habe ich nie abgelehnt“, seine Mitarbeit sei aber „nicht erwünscht“, nach den Regeln der innerparteilichen Demokratie sei es also legitim, seine Mitarbeit abzulehnen. Er wünsche sich, dass möglichst viele Mitbürger sich die „intellektuelle Mühe“ machten, nach besseren Lösungen zu suchen – er „streite“ deshalb „seit bald 60 Jahren in der SPD“.
Appell an Mitglieder
Streit hin oder her – die noch amtierende Kreisvorsitzende Derya Türk-Nachbaur wollte mit Blick genau darauf einen eindrücklichen Appell nicht verpassen: Menschen, die sich hier im Schwarzwald-Baar-Kreis für die SPD engagierten, „tun das im Ehrenamt“, aus voller Überzeugung und mit Herzblut sowie häufig neben Beruf und Familie. „Sie haben nachts Plakate geklebt, bei Kälte an Infoständen gestanden, Flyer verteilt und mit Bürgerinnen und Bürgern über Inhalte diskutiert. Trotz politischem Gegenwind“ – diese Menschen zu diskreditieren, stehe „einem Sozialdemokraten nicht gut zu Gesicht“. Die SPD eine der Respekt für alle Demokraten, unabhängig anderer Meinungen. „Genau diesen Respekt wünsche ich mir auch im Umgang mit unserem Regelwerk und vor allem gegenüber denjenigen, die sich ehrenamtlich für unsere gemeinsamen Werte einsetzen.“