Nach der US-Notenbank will auch die Europäische Zentralbank ihren Leitzins erhöhen. Das ist nötig, aber kein Allheilmittel, meint Wirtschaftsredakteurin Barbara Schäder.
Die Inflation ist so hoch wie seit 40 Jahren nicht mehr. Für viele Verbraucher ist das schmerzhaft. Einige wissen nicht mehr, wie sie ihr Essen bezahlen sollen: Die Tafeln verzeichnen einen deutlichen Anstieg an Hilfesuchenden.
Nach der Fed will auch die EZB ihren Leitzins erhöhen
Nach der US-Notenbank will endlich auch die Europäische Zentralbank (EZB) auf die hohe Teuerungsrate reagieren. Gleich mehrere EZB-Granden haben sich diese Woche für eine Zinserhöhung ausgesprochen, die allerdings frühestens im Juli erfolgen soll. Begründung: Die Notenbank will zunächst die nächste Konjunkturprognose ihrer hauseigenen Experten abwarten.
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Tatsächlich bremsen die Folgen des Ukraine-Kriegs und die Coronapolitik der chinesischen Regierung, die zwecks Eindämmung des Virus Millionen-Metropolen stilllegt, das Wirtschaftswachstum. Das ändert bislang aber nichts an der hohen Nachfrage nach knappen Gütern sowie am Nachholbedarf Reisen und Freizeitangeboten. Hieran haben viele Menschen zwei Jahre lang unfreiwillig gespart – und sind deshalb durchaus bereit, jetzt mehr Geld auszugeben. Kurzum: Höhere Preise auch für nicht lebensnotwendige Produkte durchzusetzen, ist für Unternehmen derzeit relativ einfach. Das aber nährt die Inflation.
Die Konjunktur im Euroraum ist fragiler als in den USA
Es ist deshalb höchste Zeit, dass die EZB ihre Billiggeldstrategie beendet. Mit dem ersten Zinsschritt müsste sie auch nicht mehr warten – er wird wohl ohnehin nur eine Linderung der heftig umstrittenen Negativzinsen auf Einlagen bringen. Danach werden die Euro-Währungshüter aber weiter auf Sicht steuern müssen. Obwohl die Inflationsrate diesseits des Atlantiks fast genauso hoch ist wie in den USA, befindet sich die EZB in einer anderen Lage als die US-Notenbank, die gerade den größten Zinsschritt seit der Jahrtausendwende gewagt hat.
Allein schon wegen der Nähe zur Ukraine und Russland und den damit einhergehenden wirtschaftlichen Verflechtungen sind die konjunkturellen Risiken für Europa größer als für die USA. Die EZB wird daher vor jedem Zinsschritt erneut prüfen müssen, wie weit sie gehen kann, ohne das Wachstum abzuwürgen.
Ein moderates Tempo wäre wünschenswert
Denn so sehr sich Sparer nach höheren Zinsen sehen – die haben eine Kehrseite. Das zeigt sich derzeit an den Bauzinsen, die sich seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt haben. Im historischen Vergleich sind Immobilienkredite zwar weiterhin günstig, aber die Geschwindigkeit des Zinsanstiegs erschwert Häuslebauern die Planung. Auch Unternehmenskredite haben sich in den vergangenen Monaten kräftig verteuert.
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Diese Belastungen sind angesichts der hohen Inflationsrate kein Argument gegen Zinsanhebungen. Aber ein moderates Tempo wäre wünschenswert, um Unternehmern wie Verbrauchern Planungssicherheit zu geben. Die Verunsicherung ist so schon groß, vor allem wegen der Ungewissheit über die Zukunft russischer Gaslieferungen. Ihre Einstellung würde den Energiekosten einen weiteren Schub verleihen – und dagegen wäre die EZB vollkommen machtlos.
Einkommensschwache Haushalte müssen entlastet werden
Schon jetzt gilt: Gegen die Verwerfungen auf den Energiemärkten können die Notenbanken nichts tun. Auch nicht dagegen, dass Unternehmen die daraus resultierenden Mehrkosten an ihre Kunden weitergeben. Sie können lediglich versuchen, durch eine Dämpfung der Kreditnachfrage weiteren Preisrunden vorzubeugen. Deutlich sinken wird die Inflationsrate erst, wenn der Ukraine-Krieg endet oder die Europäer tragfähige Alternativen zu den russischen Energielieferungen finden. Das kann dauern. Der Staat wird deshalb einkommensschwache Haushalte stärker unterstützen müssen.