"Corona hat uns lange verschont, aber jetzt schlägt Omikron voll zu", sagt Intendantin Bettina Schültke. Im Gespräch erzählt sie, womit das Rottweiler Zimmertheater zu kämpfen hat und welches spannende Projekt in den Startlöchern steht.
Rottweil - Hinter dem Zimmertheater liegt eine harte Zeit. Nicht nur, dass die steigenden Inzidenzzahlen und die wechselnden Verordnungen das Planen äußerst schwer machen, es gab auch Ausfälle zu beklagen – trotz geboosterter Schauspieler. So erkrankte einer der Darsteller in Molières "Der Menschenfeind" an Corona. Kurz darauf sprang auch noch die Nachbesetzung ab. Und nun habe man noch einen krankheitsbedingten Ausfall in der Regieassistenz. Für die Schauspieler sei die aktuelle Lage sehr belastend.
Sehr froh ist Schültke darüber, dass das Kinderstück "Ronja Räubertochter" aufgeführt werden konnte. "Wir hatten extra nur 30 Vorstellungen angesetzt und waren innerhalb einer Woche ausgebucht." Doch dann seien mit den steigenden Inzidenzzahlen nach und nach die Absagen gekommen. "Manchmal wussten wir morgens gar nicht, wer überhaupt kommt", schildert sie die Situation. Einige Eltern seien in Panik gewesen und viele Lehrer gestresst wegen des ständigen Testens.
Umso schöner sei es gewesen, die große Freude der Kinder zu sehen. "Man hat richtig gemerkt, dass ihnen das gefehlt hat", sagt Schültke. Sechs Vorstellungen hätten ausfallen müssen, und manchmal habe man nur vor 20 Kindern gespielt, "aber wir wollten das unbedingt durchziehen".
Besondere Lebensgeschichten
Ein "Stück der Stunde", das auf der Lebensgeschichte des Schauspielers Mathias Kopetzki basiert, sei "Und plötzlich war ich noch ein anderer" gewesen. Am Wochenende wurde das Stück zum letzten Mal aufgeführt. "Das war ein besonderes Projekt. Es ging um die großen Themen im Leben, etwa die eigene Identität." Bei Kopetzkis Geschichte – er ist als Adoptivkind in Deutschland aufgewachsen und leibliches Kind eines strenggläubigen Muslims im Iran – handle es sich nicht ein Einzelschicksal, sondern um etwas, das viele Menschen beschäftige. "Spannend war, dass es nach jeder Vorstellung jemanden gab, der sich mit seiner besonderen Lebensgeschichte geoutet hat", erzählt Schültke.
Nun habe man sich mit "Und plötzlich war ich noch ein anderer" für die Hamburger Privattheatertage 2022 beworben. Eine Jury wird sich das Stück in Rottweil ansehen. Die zwölf interessantesten Theaterproduktionen werden nach Hamburg eingeladen und für den Monica-Bleibtreu-Preis nominiert.
Gerade sei es wieder sehr schwierig, die Leute ins Theater zu holen, sagt Schültke. Manche seien ungeimpft, andere hätten keine Lust, die ganze Zeit eine FFP2-Maske zu tragen, und wieder andere sorgten sich wegen der Ansteckungsgefahr. Trotz der gerade schwierigen Lage müsse man aber in die Zukunft schauen. Und da sei einiges Interessantes geplant.
Angebote in der Stallhalle
Über das Landes-Förderprogramm "FreiRäume", mit dessen Hilfe neue kulturelle Begegnungsorte mit innovativen Projektideen erschlossen werden sollen, hat das Zimmertheater Geld bekommen, das in eine Veranstaltungsreihe in der Rottweiler Stallhalle fließen wird. "Wir wollen vor dem Jazzfest einfach ein wenig Leben dort rein bringen – mit ganz unterschiedlichen Angeboten von der Yoga-Session bis zum Kinderkonzert." Damit wolle man auch neue Zielgruppen anlocken. Zehn Veranstaltungen stehen bereits fest.
Der Sommer bereitet dem Zimmertheater noch Kopfzerbrechen, wie Schültke zugibt. 2021 habe man nur sechs Mal draußen im Bockshof spielen können. Eine gute Ausweichmöglichkeit habe die Stallhalle geboten. 2022 sollen ausgerechnet da aber Materialien für die Kinderspielstadt Flottweil gelagert werden – sofern diese möglich sein wird. "Sollte Flottweil ausfallen, dann ist unser aktueller Plan wieder hinfällig", sagt Bettina Schültke. Dieser sehe aktuell vor, dass man ein Stück bereits Mitte oder Ende Juni zeige, danach eine Pause einlege und dann erst wieder ab Mitte August spiele. Das finanzielle Risiko sei ohne Ausweichort einfach zu groß.
Hegneberg unter der Lupe
Was das Sommerstück sein wird, steht noch nicht fest. Dafür ist aber schon klar, was im Herbst gezeigt wird. So hat das Rottweiler Zimmertheater jüngst 30 000 Euro zugesprochen bekommen für ein Projekt, das den Hegneberg in den Fokus nimmt. Dort will das Zimmertheater-Team Interviews führen, das Gebiet unter die Lupe nehmen und schließlich in einem Theaterstück die Themen Zweisprachigkeit, Globalisierung und Heimat sowie Kampf und Rechte verschiedener Zuwanderergruppen aufgreifen. "Es ist wichtig, nicht nur Literaturtheater zu machen, sondern auch etwas über die Menschen, die hier leben", erklärt Schültke.
Auf die Idee gekommen sei man über den französischen Fotografen Juste Ridicule. Dieser wurde dadurch bekannt, dass er seine Fotografien von Einwohnern von Banlieues als großflächige Poster an Hochhäusern und Brücken anbringen ließ. "Wenn man die Rottweiler in so etwas einbeziehen könnte, würde das sicher für Wirbel sorgen", meint Schültke. Für den Winter plant die Intendanz wieder ein Kinderstück. Kürzlich sei man von Sophie Reyer, einer Autorin aus Österreich, kontaktiert worden. Eventuell entstehe daraus eine Kooperation.
Toll sei, dass man eine Investitionshilfe in Höhe von 30 000 Euro bekommen habe, um neue Stühle, Scheinwerfer, Sofas und Computer für das Zimmertheater beschaffen zu können. Klammere man all den Wirbel um Inzidenz-Zahlen, Absagen und Krankheitsfälle aus, sei man vor allem dankbar für diejenigen, die die Zimmertheater-Vorstellungen trotz der schwierigen Lage weiter besuchen, so Bettina Schültke. Und die Vorfreude auf eine Zeit, in der wieder Hunderte von Zuschauern gebannt das Bühnengeschehen verfolgen, dürfte nicht nur bei den Schauspielern riesengroß sein.