Von Schuckmann wurde Anfang des Jahres in den Vorstand des Zulieferers ZF Friedrichshafen berufen. Foto: ZF

Stephan von Schuckmann verantwortet seit Jahresanfang die Elektromobilität und die Antriebstechnik bei dem Friedrichshafener Zulieferer ZF. Es ist der größte Bereich des Stiftungsunternehmens. Ein Porträt des 46-Jährigen.

Stuttgart - Es kommt nicht häufig vor, dass Stephan von Schuckmann an einem Arbeitstag zu Hause ist. Normalerweise jettet er durch die Welt, bereist fast jede Region seines Verantwortungsbereichs einmal im Quartal. Aber was ist schon normal in Coronazeiten? Seine bisher letzte größere Auslandsreise war Anfang 2020, erzählt von Schuckmann im Gespräch mit unserer Zeitung. „Ich bin das Reisen gewohnt. Mir fehlt das schon“, sagt er. Pandemiebedingt findet das Gespräch per Videokanal statt – vom Homeoffice aus.

 

Von Schuckmann wurde Anfang des Jahres in den Vorstand des Zulieferers ZF Friedrichshafen berufen. Er ist zuständig für das mittlerweile zusammengelegte Geschäft mit Pkw-Antriebstechnik und Elektromobilität. Er verantwortet unter anderem die Automatik- und Achsgetriebe sowie die Elektromotoren. Mit einem Umsatz von knapp zehn Milliarden Euro (Stand 2019) ist es der umsatzstärkste Bereich von ZF. Rund 30 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in diesem Bereich tätig; 20 000 davon in Deutschland, unter anderem an den Standorten Saarbrücken, Schweinfurt und Auerbach (Bayern).

Seit 2003 bei ZF

Trotz der Einschränkungen durch Corona seien die ersten Wochen in seiner neuen Position gut angelaufen, urteilt der 46-Jährige, der in Kirchheim/Teck geboren wurde und mit seiner Familie im Raum Stuttgart lebt. Statt sich persönlich den Mitarbeitern weltweit vorzustellen, kann er derzeit mit ihnen aber nur über Videokonferenzen kommunizieren.

Die meisten dürften ihn ohnehin kennen. Von Schuckmann, der nur die ersten beiden Jahre seines Lebens in Kirchheim/Teck war und dann fast zwei Jahrzehnte in Südafrika verbrachte – „Südafrika ist meine Heimat“, so Schuckmann – kennt ZF aus dem Effeff. 2003 hat er dort seine Karriere begonnen. Zunächst war er bei der Tochtergesellschaft ZF Sachs AG in Schweinfurt tätig. Für ZF Lenksysteme, mittlerweile eine 100-prozentige Bosch-Gesellschaft, war er dann sechs Jahre als Geschäftsführer in Ungarn, anschließend war der Betriebswirt, der in Heidelberg und Paderborn studierte und im australischen Sydney den Master machte, in Schwäbisch Gmünd. Seit 2015 beschäftigt er sich mit der Pkw-Antriebstechnik des ZF-Konzerns, im Herbst 2018 hat er die Gesamtverantwortung dieses Geschäfts übernommen. Seine Berufung in den Konzernvorstand ging einher mit der Erweiterung seines Zuständigkeitsbereichs um die Elektromobilität.

Zukunftsmarkt Elektro

Herausfordernd sei das abgelaufene Jahr gewesen, sagt der Hobby-Sportler im Rückblick. Die Zahlen belegen es: Der Konzernumsatz ist um elf Prozent auf 32,6 Milliarden Euro gesunken. Er sagt nicht, ob sein Bereich eine ähnliche Entwicklung genommen hat. Nur so viel: „Das Vorkrisenniveau von 2017/18 werden wir stückzahlmäßig erst wieder 2024 erreichen“, prognostiziert Schuckmann.

Gerade die Antriebstechnik und Elektromobilität sollen in Zukunft florieren. Beispiel Hybrid: Bei ZF habe sich die Nachfrage nach Antriebstechnik für Pkw mit Verbrennungs- und Elektromotor im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht. Bis 2030, ist Schuckmann überzeugt, wird der Hybrid „einen starken Stellenwert im Markt einnehmen“. Übrigens: Autofan Schuckmann fährt demnächst selbst einen Hybrid. Für welche Automarke er sich entschieden hat, sagt er aber nicht. Nur so viel: Ein Kriterium für ihn sei eine möglichst lange rein elektrische Reichweite.

Gute Auftragslage

Auch bei Systemen für rein batteriebetriebene E-Autos ist die Richtung klar: Es soll aufwärtsgehen. „Unser Ziel ist, definitiv stärker als der Markt zu wachsen. Das ist zwar sportlich, aber im Hinblick auf unsere Auftragslage realistisch.“

Bereits im vergangenen Jahr hat ZF einen Großauftrag von BMW gefeiert. Seitdem sind weitere Bestellungen hinzugekommen. „Es ist ein breites Feld von Kunden, die wir gewonnen haben“, sagt Schuckmann. „Vier der fünf größten Autohersteller in Europa werden mit ZF-Technologie für reine E-Fahrzeuge und Hybride beliefert“, fügt er hinzu. Namen nennt er nicht. Diese Aufträge sorgen bereits heute für eine Auslastung der Werke etwa im Saarland und in Bayern.

Kündigungen ausgeschlossen

Dadurch entspannt sich die Lage an den Standorten. Denn wie alle Zulieferer ist auch ZF von der Transformation betroffen; Sparprogramme haben im vergangenen Sommer besorgte Mitarbeiter auf die Straße getrieben. Die Neuausrichtung alter Verbrennerstandorte – und dazu zählen auch die saarländischen Standorte – soll bis Ende 2022 erfolgen. Bis dahin sind Kündigungen ausgeschlossen, das wurde so mit der IG Metall vereinbart.

„Die Zukunft für uns ist auf alle Fälle elektrisch“, zeigt sich Schuckmann überzeugt. Das liege auch an der Weiterentwicklung der Batterietechnik. Nicht zuletzt wegen staatlicher Subventionen boomt derzeit der Markt. Irgendwann müssen sich die Stromer aber ohne finanziellen Rückenwind im Markt behaupten. Dies sei bereits für mehrere Fahrzeugsegmente der Fall, wenn man bei Batteriekosten in Höhe von 90 Dollar pro Kilowattstunde (75 Euro) liege. „Diese Grenze wird etwa 2025 durchbrochen“, sagt Schuckmann.

Von Kapstadt nach Deutschland

Trotz der Herausforderungen rund um die Transformation, hat Schuckmann auch Träume. „Ich könnte mir vorstellen, mit dem Auto von Kapstadt bis nach Deutschland zu fahren“, sagt er. Als Student war er schon mal drei Monate unterwegs – damals brachte ihn sein Ford Sierra von Johannesburg bis nach Tansania. Reparaturen – vom Austausch Kupplung bis zum Wechsel der Zylinderkopfdichtung – hat er selbst übernommen. „Das habe ich leidenschaftlich gerne gemacht“, schwärmt er. Seine neue Traumreise bleibt aber wohl noch längere Zeit ein Traum.