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Daimler hat ein milliardenschweres Sparprogramm aufgelegt und will zugleich mit neuen Modellen punkten. Wie passt das zusammen? Konzernchef Dieter Zetsche nimmt Stellung.

Detroit - Daimler hat ein milliardenschweres Sparprogramm aufgelegt und will zugleich mit neuen Modellen punkten. Wie passt das zusammen? Konzernchef Dieter Zetsche nimmt Stellung.


Herr Zetsche, noch nie hat Mercedes mehr Autos verkauft als 2012, trotzdem lagen BMW und Audi beim Pkw-Absatz vorn. Wann werden erste Erfolge Ihrer Strategie sichtbar, spätestens 2020 der führende Premiumanbieter zu sein?
Diesen Wettlauf entscheidet letztlich der Kunde. Wir sind allerdings überzeugt, dafür die stärkste Marke zu besitzen. Wir befinden uns in der Mitte unserer Produktoffensive, die Reaktionen auf unsere neuen Fahrzeuge hier in Detroit sind sehr positiv. Lediglich China hat sich zuletzt nicht so entwickelt wie erhofft, außerhalb der Volksrepublik haben wir ein ähnliches Wachstum wie BMW und in vielen Märkten ein größeres als Audi hingelegt. Sobald all unsere Kompaktwagen sowie die neue E-Klasse im Markt sind, werden wir in den nächsten Jahren weiter steigende Absatzzahlen sehen.

Gilt das auch für die Profitabilität, bei der Mercedes ebenfalls Nachholbedarf hat?
Bei der Profitabilität halten wir an unseren strategischen Zielen fest.

Auf den Messen der letzten Jahre waren Elektroautos der Trend schlechthin, in Detroit spricht kaum jemand darüber. Manche sehen in batteriebetriebenen Fahrzeugen bereits wieder ein Auslaufmodell. Was bedeutet das für Daimler und den 2012 in Serie eingeführten Elektrosmart?
Weder habe ich vor Jahren gesagt, es gibt irgendwann nur noch Elektroautos, noch sage ich heute, die Elektromobilität ist tot. Momentan ist die Nachfrage nach unserem Elektrosmart so groß, dass wir mit der Produktion kaum hinterherkommen. Jetzt muss man sehen, wie nachhaltig diese Entwicklung ist und ob sie sich mit der Markteinführung des Fahrzeugs in anderen Ländern fortsetzt.

BMW bringt in diesem Jahr sein erstes Elektroauto in den Markt – scheint aber bereits heute überzeugt davon, dass dies der Technologie zum Durchbruch verhelfen wird.
BMW hat sicherlich große Stärken im Marketing. Entscheidend ist aber letztlich, wie viele Fahrzeuge auf der Straße sind.

Apropos Straße: In einer Fahrt um die Welt hat Mercedes 2011 bewiesen, dass Brennstoffzellenautos für den Alltag taugen. Warum verschieben Sie den Marktstart eines solchen Fahrzeugs immer weiter in die Zukunft?
Es genügt nicht, ein funktionsfähiges Fahrzeug zu haben, wenn die Infrastruktur lückenhaft ist. Derzeit sind wir dabei, Allianzen mit anderen Herstellern aufzubauen, um später gemeinsam die Tankstellenversorgung voranzutreiben. Das ist keine Produkt-, sondern eine Systemfrage, entsprechend werden wir auch unsere Markteinführung mit künftigen Partnern abstimmen.

Ist es auf Dauer nicht erfolgversprechender, sich auf nur eine alternative Technik zu konzentrieren?
Auch wir setzen selbstverständlich Prioritäten. Als ein Hersteller, der Fahrzeug-Technologie entscheidend mitgestaltet, hielte ich es aber für unverantwortlich, nur auf ein Pferd zu setzen, solange keiner weiß, welcher Antrieb sich durchsetzen wird.

Mit dem CLA, einer überarbeiteten E- sowie einer neuen S-Klasse bringt Mercedes 2013 binnen Monaten drei wichtige Modelle auf den Markt. Wie passt das mit Ihrem Sparprogramm „Fit for Leadership“ zusammen?
„Fit for Leadership“ ist die logische Ergänzung unserer Produktoffensive. Wer Prozesse optimiert, wird die Qualität verbessern und die Effizienz steigern. Bis Ende 2014 soll das Programm zwei Milliarden Euro Ersparnis bringen, und dieses Ziel werden wir erreichen. Wir schaffen damit den Freiraum für künftige Investitionen.

Was heißt das für die Jobs am Standort Sindelfingen, wo die neue E- und S-Klasse montiert werden?
In Deutschland erwarten wir eine stabile Beschäftigung. Die Produktionszuwächse werden die Effizienzsteigerung aufwiegen.

Ihre Ziele in Ehren. Aber eine Umfrage unter Automanagern weltweit hat jüngst ergeben, dass Führungskräfte VW und BMW in den nächsten Jahren das stärkste Wachstum zutrauen, gefolgt von acht asiatischen Autobauern. Daimler kommt nur auf Rang 16. Woran liegt das?
Daran, dass Prognosen in aller Regel als Fortsetzung der Vergangenheit gesehen werden. In China hatten wir zwar jahrelang die höchsten Wachstumsraten, 2012 hatten wir allerdings mit Problemen zu kämpfen, die größtenteils hausgemacht waren. Also werden wir das auch mit unseren Mitteln reparieren und sind zuversichtlich, uns in absehbarer Zeit wieder mit BMW messen zu können.

Weil ein neuer Vorstand das Chinageschäft verantwortet?
Wir sind viel später in den Markt eingestiegen als unsere Wettbewerber. Ein Problem 2012 war sicherlich eine sich widersprechende Markenstrategie unserer zwei chinesischen Vertriebsorganisationen für vor Ort produzierte und importierte Fahrzeuge. ­Inzwischen haben wir die Organisationen fusioniert und müssen unsere Händler nun richtig qualifizieren.

Dem Vernehmen nach erwägt Mercedes im Zuge der Partnerschaft mit Renault-Nissan eine gemeinsame Produktion mit Nissans Nobelmarke Infinity in Mexiko. Wie weit sind diese Pläne?
Darüber ist keine Entscheidung gefallen, bisher kooperieren wir bei Motoren, und Nissan plant ein Modell auf Basis unserer Kompaktwagen. Es ist aber in der Tat eine strategische Überlegung wert, in einem gemeinsamen Werk Kompaktwagen zu bauen. Wenn, dann käme das aber erst für die nächste Generation unserer A- und B-Klasse-Familie infrage. Keiner in dieser Branche kann es sich heute leisten, seine Mitbewerber zu ignorieren, manche Zusammenarbeit macht einfach Sinn.

Das sieht der Aufsichtsrat, was Sie angeht, offenbar genauso, Anfang Februar soll Ihr Vertrag verlängert werden, munkelt man. Sind Sie in fünf Jahren noch an Bord?
Das stand noch nicht zur Diskussion. Im ­Moment spricht aber einiges dafür.
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