Zeruya Shalev im Gespräch mit Shelly Kupferberg (li.) und Maria Schrader (re.) Foto: Sebastian Wenzel/Literaturhaus Stuttgart

Die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev hat im Literaturhaus Stuttgart ihren Roman „Nicht ich“ vorgestellt und vor dem Hintergrund des furchtbaren Geschehens in ihrer Heimat darüber gesprochen, wie sich Vision und Realität gegenseitig durchdringen.

Zeruya Shalev trägt schwarz. Vielleicht könnte es indiskret sein, ihr die Zeichen einer fundamentalen Verstörung gleich eilfertig ablesen zu wollen, die Trauer und Ratlosigkeit über die furchtbaren Ereignisse in Israel. Aber was die schmale, hochgewachsene Frau zu einer der bedeutendsten literarischen Stimmen ihres Landes gemacht hat, ist ihr Umgang mit Emotionen. Und man wird an diesem Abend im ausverkauften Stuttgarter Literaturhaus manches darüber erfahren, wie sich der Akt des Schreibens sowohl zu den unwillkürlichen Impulsen des Innenlebens wie den politischen Gegebenheiten der Außenwelt verhält.

 

Der Roman, den sie mitgebracht hat, trägt den Titel „Nicht ich“ und ist ihr Debüt, das mit gut 30-jähriger Verspätung nun auch die deutschsprachigen Leserinnen und Leser erreicht hat. Und er ist ein Affektspeicher, in dem sich das, was etwa die spätere Erfolgstrilogie über die moderne Liebe speist, noch in einem von keiner linearen Handlung gebändigten literarischen Ausnahmezustand befindet.

Es fiel ihr nicht leicht, zum jetzigen Zeitpunkt Israel zu verlassen: „Das ganze Land ist in Trauer und Sorge, und es ist kein Ende in Sicht“, sagt sie mit leiser tastender Stimme. Aber die Solidarität und Wärme, die ihr hier entgegengebracht werde, lasse sie sich weniger einsam fühlen.

„Nicht ich“ ist bereits das siebte Buch, das die 1959 in einem Kibbuz am See Genezareth geborene Autorin im Stuttgarter Literaturhaus vorstellt. Ein Heimspiel könnte man sagen, wenn darin nicht schmerzlich widerklänge, dass die Hoffnung, in Israel eine sichere Heimat zu haben seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober in den Grundfesten erschüttert worden ist.

Zu den traurigen Wechselwirkungen dieser Zeit gehört auch, dass die Präsentation des Anfangs eines Roman-Schaffens mit dessen vorläufigem Ende zusammenfällt. Denn seit dem mörderischen Angriff hat Zeruya Shalev die Arbeit an einem neuen Roman eingestellt. „Ich spüre eine große Lähmung, die Welt um mich herum hat sich so sehr verändert, dass ich gar nicht mehr weiß, ob ich das noch zu Ende bringen kann.“

Unterirdische Verbindungen

Vor zwanzig wurde sie selbst bei einem palästinensischen Attentat schwer verletzt. Trotzdem hat sie sich stets für die Aussöhnung eingesetzt. An ihrer Seite führt die Publizistin Shelly Kupferberg kenntnisreich übersetzend und moderierend durch den Abend. Die Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader, die Shalevs vielleicht größten Erfolg „Liebesleben“ verfilmt hat, entfaltet als deutsche Stimme der Autorin Szenen ihres Erstlings, die waghalsig zwischen Wirklichkeit und Einbildung schlingern.

In einer davon wird die Tochter der Erzählerin von Soldaten aus dem Kindergarten entführt, unter dem sich ein System unterirdischer Gänge befindet. „Als ich das geschrieben habe, hatte das nichts mit der Realität zu tun. Das waren albtraumhafte Metaphern für ein Daseinsgefühl, die jetzt auf fürchterliche Art und Weise, wahr geworden sind.“

Den Schreibakt beschreibt Zeruya Shalev als ein Mysterium, ein Kribbeln in den Fingern, in dem etwas nach außen drängt, und die ihm gemäße Form findet. Dabei kommunizieren ihre Schöpfungen ihrerseits untergründig mit der politischen Geschichte Israels. Am Anfang standen Gedichte, die sich um Erlebnisse während des Sechstagekrieges 1967 gruppierten. Die 90er Jahre, in denen „Nicht ich“ entstand, waren geprägt von Terroranschlägen, aber auch von dem Osloer Friedensprozess – eine heikle Balance zwischen Hoffnung und Verzweiflung, die sich in den irrlichternden Emotionen der Erzählerin des Romans wiederfindet.

Und jetzt?

Zeruya Shalev fühlt sich an eine Debatte erinnert, die am Anfang der 40er Jahren unter jüdischen Autoren geführt wurde. Wie Schreiben in Zeiten des Krieges? Es gab vor allem männliche Autoren, die meinten, gerade jetzt brauche es eine Ermutigungsliteratur, die die Situation mit einbezieht, das Militärische, die kriegerische Auseinandersetzung. Auf der anderen Seite stand eine Autorin wie Lea Goldberg: „Sie war eine sehr wichtige israelische Stimme, und sagte, ,damit wir uns als Menschen fühlen, um der Menschlichkeit willen, müssen wir weiter über das schreiben, was uns als Menschen auszeichnet, Liebe, Schönheit, Naturerfahrung‘“. Wohin Zeruya Shalev tendiert, wird ein Kribbeln in den Fingerspitzen weisen – und hoffentlich bei einem nächsten Besuch im Literaturhaus zu erleben sein.