Zeppelin-Pilotin am Bodensee Kate und der Riese: „Für mich gibt es keine schönere Art zu fliegen“

Christine Frischke
Fast senkrecht steigt der Zeppelin in die Luft und erreicht in wenigen Minuten seine Flughöhe von 300 Metern. Foto: Verena Müller/KI/Midjourney/Montage: Ruckaberle

Nur wenige beherrschen die Kunst, Zeppeline zu steuern. Die 50-jährige Katharine Board ist eine von ihnen. Und ihr Können zeigt sie seit vielen Jahren am Bodensee.

Am frühen Morgen steht eine Frau in Uniform im Schatten eines Ungetüms. Sie legt den Kopf in den Nacken und mustert den imposanten Körper: die pralle blau-weiße Hülle, die vier Propeller, die kurzen Flügelchen. Kein Öl tritt aus, keine Beschädigung ist zu sehen. Sie nickt zufrieden und macht sich bereit, den schlafenden Riesen zum Leben zu erwecken.

 

Die Frau heißt Katharine Board, hier nennen sie alle kurz „Kate“. Und Kate, 50 Jahre alt, kann etwas, das in Europa keine andere Frau beherrscht: Zeppeline fliegen. Sie hat sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag.

Zusätzliche Hilfe beim Abheben

Helium verleiht dem plumpen Zeppelin-Körper die Anmut eines Tänzers. Jetzt gerade tänzelt er über eine Wiese in Friedrichshafen. Im Hintergrund ist der Hangar zu erkennen, in dem er nachts ruht. Wäre das Luftschiff nicht mit der Nase an einem Mast befestigt, würde der Wind es einfach davon wehen. Kate muss aufpassen, nicht von der Gondel getroffen zu werden, wenn der Wind plötzlich die Richtung ändert.

Um abzuheben, braucht der Zeppelin aber zusätzliche Hilfe. Seine Propeller ziehen und drücken ihn nach oben. Auch zum Landen müssen die Propeller arbeiten und den Zeppelin wieder nach unten drücken. Er ist schwerer als Luft. Das unterscheidet ihn etwa vom Heißluftballon. Ein Ballon fährt, der Zeppelin aber fliegt.

Fast so groß wie der Airbus A 380

Kate klettert über eine Leiter in die Gondel, um die Motoren zu testen. Im Vergleich zum Luftschiff wirkt die Pilotin winzig, ein Gänseblümchen neben einem Mammutbaum. Der Zeppelin der Deutschen Zeppelin-Reederei ist fast so groß wie ein Airbus A380, das aktuell größte Passagierflugzeug der Welt. Doch während in dem Flugzeug mehr als 500 Fluggäste Platz finden, passen in den Zeppelin gerade einmal 14 Mitreisende, Kate und ein weiterer Pilot.

Vor 100 Jahren waren Zeppeline als Transportmittel für Menschen und Waren bekannt und beliebt. Benannt sind sie nach ihrem Erfinder Ferdinand Graf von Zeppelin. Sie werden auch Starr-Luftschiffe genannt, weil sie von einem starren Gerüst getragen werden. Am 2. Juli 1900 hob der erste Zeppelin am Bodensee ab. Die damaligen Luftschiffe waren teilweise mehr als dreimal so lang wie die heutigen. Das größte und bekannteste, die „Hindenburg“, maß 245 Meter und war damit fast so lang wie die Titanic. Sie konnten höher und weiter fliegen als die damaligen Flugzeuge, von Deutschland aus sogar bis nach Amerika. Heute gibt es weltweit nur noch sechs Exemplare: drei in den USA, drei in Deutschland.

Bevor Kate zum Flugfeld aufgebrochen ist, hat sie sich wie jeden Morgen in ihrem Büro an den Computer gesetzt. Dort rief sie die Daten des Deutschen Wetterdienstes ab, überprüfte die Windrichtung, die Windstärke und die Regenwahrscheinlichkeit. „Heute sieht alles perfekt aus“, sagt sie.

Ein Zeppelin ist ein ziemlich sensibles Gefährt. Er braucht bestimmte Wetterbedingungen, um sicher abheben zu können. Manchmal müssen Flüge kurzfristig abgesagt werden. „Wir gehen kein Risiko ein“, sagt Kate. Zieht ein Gewitter oder ein Sturm auf, ändern die Piloten die Route oder landen vorher. Eine wirklich gefährliche Situation hat Kate aber noch nie erlebt: „Selbst wenn alle Motoren ausfallen würden, könnten wir immer noch wie ein Ballon schweben.“

Kate Board im Cockpit Foto: Verena Müller

Kate ist in England geboren. Mit 22 Jahren arbeitete sie in einem Callcenter und hörte zum ersten Mal von Luftschiffen. Ihre Neugier war geweckt. Sie hatte damals zwar schon eine private Fluglizenz, aber wie man ein Luftschiff steuert, musste sie erst lernen. Das war etwas ganz anderes als die kleine Cessna, die sie bisher geflogen war. „Ein Flugzeug ist ein bisschen fly by numbers, ein Luftschiff fly by feel“, sagt sie. Während das Flugzeug mit viel Technik geflogen wird, braucht es für das Luftschiff mehr Gefühl.

An dieser Stelle ist bewusst von Luftschiff, nicht etwa von Zeppelin die Rede. Denn in den meisten Fällen, in denen man am Himmel so ein Gefährt mit aufgedruckter Werbung entdeckt, handelt es sich um einen sogenannten Blimp, ein Prall-Luftschiff. Äußerlich ähnelt es einem Zeppelin. Allerdings haben Zeppeline innen ein Gerüst aus Karbon und Aluminium. Das fehlt beim Blimp. Außerdem ist der Name Zeppelin geschützt. Nur die Luftschiffe, die in Friedrichshafen gebaut werden, dürfen so heißen.

Die Insel Mainau von oben

Zehn Jahre lang flog Katharine Board mit einem Blimp Werbebotschaften quer durch die USA und Europa. Jede Woche eine neue Stadt, Nächte in Hotelbetten. Passagiere hatte sie keine an Bord. Fliegen mag frei machen, aber manchmal auch ein wenig einsam. Irgendwann hatte Kate von diesem Leben genug. Sie wechselte zur Handelsmarine, tauschte das Schiff am Himmel gegen eines auf dem Wasser ein. Doch der Faszination fürs Fliegen konnte sie nicht lange entkommen. Eine amerikanische Firma machte ihr ein Angebot: Komm zu uns und flieg einen Zeppelin! „Ein richtiger Zeppelin – aber hallo“, dachte Kate. Sie konnte natürlich nicht widerstehen.

Nach einer kurzen Zeit in den USA ging sie zur Deutschen Zeppelin-Reederei an den Bodensee. Seit mehr als zehn Jahren macht sie nun Rundflüge mit Touristen. Zeigt ihnen Lindau und die Insel Mainau von oben, fliegt bis ins Allgäu oder an den Rheinfall.

Entschleunigte Art des Reisens

Es sind kurze Spazierflüge. Nicht zu vergleichen mit der glorreichen Zeit, in denen Zeppeline den Ozean überwanden. Die tragisch-berühmte „Hindenburg“ brachte Post und Fracht von Deutschland nach Nord- und Südamerika und bot Platz für rund 70 Passagiere. Sie war ein fliegendes Hotel mit Speisesaal, Schlafkabinen, Bar und Lesezimmer. Sogar ein Klavier befand sich an Bord. Der Flug von Frankfurt nach New York dauerte seinerzeit zweieinhalb Tage. Es war eine angenehme und entschleunigte Art des Reisens – bis es schließlich am 6. Mai 1937 zu einem großen Unglück kam.

Beim Anflug auf den Landeplatz in Lakehurst nahe New York fing die „Hindenburg“ am Heck Feuer. Warum es ausbrach, ist bis heute nicht ganz geklärt. Die Zeppeline flogen damals mit hochexplosivem Wasserstoff. So breitete sich das Feuer rasend schnell aus. Nur eine halbe Minute später stürzte das Luftschiff zu Boden. 35 Menschen starben. Damit war die große Zeit der Zeppeline vorbei. Passagiere durften nun nicht mehr mitfliegen.

Die Wiedergeburt der Zeppeline

Und wenige Jahre später, mit Beginn des Zweiten Weltkriegs, wurden Zeppelinflüge ganz eingestellt. Jahrzehntelang gab es keine Zeppeline mehr. Erst in den 1990er Jahren wurde in Friedrichshafen an einem neuen Modell getüftelt. Im Jahr 1997 startete dann der erste Zeppelin NT. Die Abkürzung steht für neue Technologie. Statt mit Wasserstoff sind Zeppeline heute mit dem nicht brennbaren Helium gefüllt.

Der Himmel ist an diesem Tag bewölkt. Kate ist für sechs Flüge eingeteilt, vier hat sie gegen Mittag schon hinter sich. Allerdings fliegt sie nicht selbst. Sie sitzt als Fluglehrerin neben ihrem Kollegen Jürgen Würtz, dem noch ein paar Übungsstunden fehlen.

Schon fährt ein Kleinbus mit den nächsten Fluggästen vor. Alle halten eine Kamera oder ihr Smartphone in der Hand. Mit den neuen Zeppelinen fliegt man allein zum Vergnügen, nicht um von A nach B zu kommen. Und ein tolles Foto für den Familienchat oder Social Media sollte dabei auch noch abfallen. Das muss man sich leisten können und wollen. Ein Zeppelinflug ist teuer. Eine halbe Stunde kostet pro Person 340 Euro, zwei Stunden über 1000 Euro.

Meist sind es ältere Menschen, die schon lange von so einem Flug geträumt haben. Kate erinnert sich an eine Hundertjährige, die aus ihrer Kindheit noch die alten Zeppeline kannte. Heute sind auch zwei Schwestern im Bus. Eine ist vor Kurzem 40 geworden und hat den Flug von ihren Eltern geschenkt bekommen: „Das war schon immer mein Traum.“ Sie wohnt am Bodensee und hat die Zeppeline oft über den See schweben sehen.

Eine Indiskretion gab es schon bei der Flugbuchung. Denn die Passagiere müssen ihr Gewicht verraten. Die Menge des Heliums in der Hülle ist so berechnet, dass der Zeppelin sein eigenes Gewicht tragen kann, also schwebt. Mit Menschen an Bord wird er schwerer. Das Unternehmen rechnet mit 77 Kilo pro Person. Wiegen einige Passagiere mehr, können nicht alle Sitzplätze besetzt werden. In den Seitenwänden der Gondel sind zudem Fächer für Bleigewichtssäcke eingebaut. Wenn alle eingestiegen sind, lädt die Bodencrew – zack, zack, zack – einige Säcke aus. So viele, bis der Zeppelin wieder in seinem schwebenden Gleichgewicht ist.

Wie eine Spielzeuglandschaft

Innen sieht die Gondel aus wie ein normales Flugzeug, nur viel kleiner. Links und rechts vom Gang gibt es jeweils nur einen Sitz. Vor dem Start müssen sich alle anschnallen. Dann hebt der Zeppelin majestätisch ab. Nicht ratternd und dröhnend wie ein Flugzeug, eher wie ein Heliumballon vom Jahrmarkt, den sein Besitzer nicht fest genug gehalten hat. Er steigt fast senkrecht in die Luft und erreicht schon in wenigen Minuten seine Flughöhe von 300 Metern.

Die Passagiere schnallen sich ab, laufen durch die Gondel und fotografieren aus den Fenstern. Einige davon lassen sich – anders als im Flugzeug – sogar öffnen. Die Welt unten ist zur Spielzeuglandschaft geschrumpft. Mit rund 65 Kilometern pro Stunde gleitet der Zeppelin ruhig wie ein Schiff dahin. Als er über einen Hof fliegt, sieht man unten die Traktoren, jemand führt ein Pferd über den Platz. Dann taucht das Seeufer auf. Noch ein Foto, und noch eins.

Seit 25 Jahren regelmäßig in der Luft

Für Kate ist der Anblick Routine. Aber sie freut sich über die Stimmung. „Wir haben immer gut gelaunte Passagiere an Bord“, sagt sie. Anders als im Flugzeug ist das Cockpit nicht durch eine Wand von der Kabine getrennt. Sie bekommt mit, was sich hinter ihrem Rücken abspielt und beantwortet auch Fragen. Sie und Jürgen Würtz behalten im Cockpit die Instrumente im Blick. Einige ähneln denen im Flugzeug, andere findet man nur im Zeppelin. Eine Anzeige gibt den Druck des Heliums an.

Der Flug führt an diesem Tag zur Stadt Meersburg und zurück. Mit einem Joystick korrigiert der Pilot immer wieder leicht die Flugrichtung. Je nach Route kann Kate manchmal ihre Wohnung von oben sehen. Dann stiehlt sich ein Lächeln in ihr Gesicht. Seit mehr als 25 Jahren fliegt sie schon Luftschiffe und ist sich sicher: „Für mich gibt es keine schönere Art zu fliegen.“