Blick vom Dach des Haupthauses des Klinikums Nordschwarzwald auf einen Teil der 30 Gebäude der Gesamt-Anlage. Foto: Schabert

Aller Protest der damals noch selbstständigen Gemeinde Hirsau und des Schwarzwaldverein-Gaus Calw half nicht: Am 15. März 1962 beschloss der Landtag von Baden-Württemberg den Bau des Psychiatrischen Landeskrankenhauses mit 1000 geplanten Betten auf dem Gelände der Staatsdomäne Lützenhardter Hof. Fast auf den Tag ein Jahr zuvor hatte ein Landtags-Beschluss das Projekt in den Landeshaushalt befördert.

Calw-Hirsau - Im Beisein von Landrat Fritz Wanner versuchten im Februar des Jahres 1962 Ministerialbeamte aus Stuttgart Bürgermeister Rainer Gloß umzustimmen. Gemeinderat und Rathauschef hatten aber anderes mit der 1969 Einwohner zählenden Gemeinde Hirsau im Sinn. Sie wollten den Fremdenverkehr forcieren, in dem Bereich am Lützenhardter Hof eher ein Kurgebiet gestalten. Außerdem befürchteten sie Folgelasten für die Kommune wie Straßenbau und -unterhaltung.

Wanner hatte Verständnis für die Gemeinde gezeigt, verwies aber auch auf das Verfügungsrecht des Landes. Im September 1962 berichtet das Innenministerium, dass die anfänglich bei örtlichen Stellen bestehenden Bedenken hätten ausgeräumt werden können. Dies bewirkten teils handfeste Förderzusagen.

Im weiteren Verlauf erkämpfte der ab 1968 zuständige Bürgermeister Eberhard Seewald (nach der Gemeindereform in Wildberg) manche Infrastrukturmaßnahme, darunter die Schaffung von Baugelände, das bei der Erschließung von Mitarbeiterwohnungen durch das Land am Ottenbronner Berg für die Kommune mit abfiel. Dort wurden (nur teils fürs Personal benötigte) 350 Wohneinheiten geplant.

Das neue, zwischen Stuttgart und Karlsruhe als notwendig angesehene Haus sollte 1000 Betten erhalten. Klein war der Kreis der Teilnehmer einer Bürgerversammlung der Gemeinde Hirsau Ende Oktober 1962 im Kursaal. Neben vielen anderen Projekten wie Kanalisation, Straßenbau, Friedhof und Ausweisung von Baugelände war auch die neue Klinik Thema. Wichtig erschien Teilnehmern, dass auf die Belange des Kurorts und seiner Bevölkerung Rücksicht genommen wird, vor allem keine Kriminellen untergebracht werden.

Die Staatsdomäne auf dem Bruderberg nahe Oberkollbach sei geradezu ideal, hatte das federführende Innenministerium des Landes die Ergebnisse seiner Untersuchungen für den Landtag zusammengefasst. Seitens des Kultusministeriums als oberster Naturschutzbehörde gebe es keine grundlegenden Einwendungen. Man habe die Zusage gegeben, dass bei der Umsetzung des Vorhabens im Benehmen mit den örtlichen Naturschutzbehörden der Landschaftscharakter berücksichtigt würde, hieß es 1961. Geografische und klimatische Gegebenheiten passten ebenso wie die medizinischen Anforderungen.

Kontakt müsse möglich sein

Es sei nicht mehr tragbar, hieß es zu den Hintergründen, Kranke aus Stuttgart in das Haus nach Weißenau oder aus Horb nach Reichenau einzuweisen. Die moderne Psychiatrie erfordere, die Patienten nicht wegzuschließen, sondern Besucher zuzulassen. Der Kontakt zwischen früher als unheilbar krank Eingestuften und Angehörigen müsse möglich sein. Landesweit bestehe auch Bettenmangel. Vorgesehen seien zwei Zentren. Das eine diene Akutkranken, das andere mit 400 der 1000 Betten der Reha-Behandlung und Langzeitkranken. Die ursprüngliche Bettenzahl wurde noch während der Bauzeit halbiert.

Vor gut einem halben Jahrhundert, am 10. Juli 1970, erfolgte im Beisein von Finanzminister Robert Gleichauf und Innenminister Walter Krause die Grundsteinlegung. Vorausgegangen war der Bau einer Verbindungsstraße von der B 296 zum Lützenhardter Hof. Zum Richtfest zu laden "gibt sich die Ehre" am 27. September 1972 Finanzminister Gleichauf. Umrahmt wurde im Kursaal Hirsau dieses von der Altburger Trachtenkapelle. 120 Millionen Mark flossen damals in die Bauten, 19 Millionen in die Inneneinrichtung. Im Jahr 1975 – rund fünf Jahre später als zunächst geplant – ging das Krankenhaus ab 27. Januar mit 564 Betten und 400 Mitarbeitern nach und nach in Betrieb.

Heute heißt das Psychiatrische Landeskrankenhaus offiziell "Zentrum für Psychiatrie Calw – Klinikum Nordschwarzwald". Dessen Kliniken verfügen gegenwärtig über 580 Betten. Dazu kommen 100 Plätze im sogenannten Maßregelvollzug der Klinik für forensische Psychiatrie und Psychotherapie, die mit der Besserung und Sicherung psychisch kranker Rechtsbrecher betraut ist.

Jährlich werden in Hirsau rund 6300 Kinder, Jugendliche und Erwachsene vollstationär, 975 Patienten teilstationär und 8200 Fälle ambulant behandelt. Angeschlossen ist eine Schule für Pflegekräfte. In allen Bereichen arbeiten 1200 Mitarbeiter. Die 30, teils unterirdisch verbundenen Gebäude auf insgesamt 63 Hektar umgibt eine Parkanlage. Eine Werksfeuerwehr sorgt für den Brandschutz und mehr. Drei landesweite Premieren erfolgten in Hirsau: 1983 wurde das erste Schlaflabor, 1993 die erste Einrichtung für Drogenentzug und 2008 der Maßregelvollzug eröffnet.

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