In der Finanzmetropole dürfen nur mehr Filme gezeigt werden, die von der Regierung genehmigt werden. Dies ist nur ein Vorgeschmack auf künftige Zensurvorschriften.
Hongkong -
Nun ist es keineswegs so, dass die heimische Filmindustrie brachliegen würde: Hongkongs Regisseure drehen nach wie vor handwerklich solide Unterhaltungsware, die vor allem in den knapp 76 000 Kinos in Festlandchina satte Einspielergebnisse erzielen. Die wahre Sternstunde des Kinos aus der einst britischen Kronkolonie war jedoch spätestens mit der Übergabe an Festlandchina besiegelt. Denn das politisch beklemmende Klima schränkte auch zunehmend die Kreativität der Filmemacher ein.
Doch seitdem die Pekinger Führung der Finanzmetropole im vergangenen Sommer ein drakonisches nationales Sicherheitsgesetz aufgezwungen hat, nimmt die Zensur geradezu dystopische Züge an: Am vergangenen Dienstag enthüllten die Autoritäten ein Gesetz, das sämtliche Filme unter Verbot stellt, die potenziell gegen ebenjenes Sicherheitsgesetz verstoßen.
Für Verstöße können drei Jahre Haft drohen
„Jeder Film, der öffentlich aufgeführt wird, wird eine Genehmigung brauchen“, sagte Hongkongs Handelssekretär Edward Yau. Wer gegen diese Vorgabe verstößt, muss mit drakonischen Strafen rechnen: Bis zu drei Jahre sind in diesem Fall hinter Gittern zu verbüßen und eine Million Hongkong-Dollar sind zu zahlen – umgerechnet rund 110 000 Euro.
Die rechtliche Grundlage für die Repressionen der Regierung bildet das nationale Sicherheitsgesetz aus der Feder der Parteikader in Peking. Dieses sieht mehrjährige Gefängnishaft für die Strafbestände Sezession, Subversion, Terrorismus und „Verschwörung mit ausländischen Kräften“ vor. Die einzelnen Punkte sind dabei bewusst vage formuliert, damit sie je nach Belieben der Regierung interpretiert werden können.
Profile auf sozialen Medien massenhaft gelöscht
Aus einer Mischung aus vorauseilendem Gehorsam und schlichter Angst vor einer Verurteilung haben die meisten Hongkonger seither bereits ihre Profile auf den sozialen Medien gelöscht, viele Aktivisten sind bereits ausgewandert und die meisten kritischen Bürgergruppen – von Lehrergewerkschaften hin zur politischen Opposition – haben sich schlicht aufgelöst. Die führenden Köpfe der Demokratie-Bewegung sind ohnehin längst im Gefängnis, allen voran Joshua Wong.
Doch wie sich längst abzeichnet, will Peking nicht nur Hongkong politisch ans Festland angleichen, sondern auch dem Kulturbetrieb keinen Zentimeter Freiheit lassen. In den vergangenen Monaten haben die Autoritären sämtliche Bücherbestände der Bibliotheken nach ihren Vorstellungen gesäubert und Karaoke-Etablissements zum Löschen „subversiver“ Lieder verdonnert.
Nun trifft es also die Kinobranche. Genaue Kriterien für ein Regierungsverbot wurden bislang nicht publiziert, doch ganz sicher wird es die Dokumentarfilme der jüngeren Vergangenheit treffen, die die Protestbewegung der letzten Jahre begleiten – etwa „Revolution of our times“ von Kiwi Chow, der überraschend in einer kurzfristigen Ankündigung beim diesjährigen Festival in Cannes präsentiert wurde.
Auf dem Festland kennt die Zensurwut keine Grenzen
Doch wer nach Festlandchina blickt, weiß, dass die Zensurwut der Kommunistischen Partei keinerlei Grenzen kennt: Bei vielen apolitischen Unterhaltungsfilmen fehlen oftmals einzelne Einstellungen oder Dialogzeilen, ohne dass Zuschauer den genauen Grund dahinter erkennen können. Eine Szene aus dem dritten Teil der Mission-Impossible-Serie wurde etwa herausgeschnitten, weil es den Drehort Shanghai in schlechtem Licht darstellt: Tom Cruise liefert sich in der Passage eine Verfolgungsjagd, während man im Hintergrund zum Trocknen aufgehängte Unterwäsche sieht.
Auch der Film „Joker“ hat keinen Release in China bekommen – mutmaßlich, weil der Blockbuster anarchistisches Verhalten ohne moralische Verurteilung porträtiert. Und das Biopic Bohemian Rhapsody über Freddie Mercury muss ohne homoerotische Szenen und Drogenkonsum auskommen.
Doch auch jede Kunstausstellung oder Foto-Vernissage muss stets im Vorhinein vom örtlichen Kulturbüro genehmigt werden. Genau wie sämtliche Underground-Bands vor ihrem Auftritt sämtliche Liederzeilen bei staatlicher Stelle einreichen müssen: Wer von der Playlist abweicht, dem drohen satte Strafen. Dass sämtliche Regelungen bald auch für das einst freie Hongkong eingeführt werden, ist keine Frage des Ob, sondern nur mehr des Wann.